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Greenpeace Magazin Ausgabe 1.17

„Plötzlich donnerten Gesteinsbrocken auf mich zu“

Text: Julia Huber

In den Walliser Alpen stürzen immer wieder ganze Berghänge ins Tal. Das Heimatdorf des Försters Leo Jörger entging nur knapp einer Katastrophe. Er beschreibt das Leben in der Schusslinie – und warum der schmelzende Permafrost das Problem befeuert

„Eine einfache Faustregel lautet: Wenn ein Fels abstürzt, sollte man nie darunterstehen. Einmal, im Frühjahr 1991, ist mir der Fehler aber doch passiert. Ich war damals mit ein paar Forschern unterwegs, um Messungen durchzuführen. Ich begleite Wissenschaftler oft, weil ich mich am besten in den Gebirgswäldern auskenne. Trotzdem traf es mich unvorbereitet, als plötzlich Gesteinsbrocken von oben auf mich zudonnerten. Eine solche Situation ist nichts für schwache Nerven. Man kann nicht einfach wegrennen, da man sonst riskiert, direkt in die Schusslinie der Steine zu geraten. Stattdessen muss man beobachten, aus welcher Richtung die Felsen herunterkommen. Es ist schlau, erst dann zu entscheiden, ob man nach rechts oder nach links um sein Leben läuft. Ich wählte damals zum Glück die richtige Seite. Die Forscher und ich kamen mit dem Schrecken davon.

Wenige Wochen später stürzte der ganze Berg ab. Rund 33 Millionen Kubikmeter Geröll fielen auf unser Dorf Randa. Fast 24 Stunden lang wummerte ohrenbetäubender Lärm durch das Tal – der Klang von schweren Steinen, die zerspringen und sich gegenseitig zermalmen. Dabei entstand jede Menge Staub, der durch die Luft wirbelte und dafür sorgte, dass wir im Dorf nichts mehr sahen. Es war bedrückend, im Haus ausharren zu müssen, vor dem Fenster nur Dunkelheit, die Ohren taub vom Lärm. Erst mehrere Tage später setzte sich der Staub. Wie Schnee legte er sich in einer etwa zehn Zentimeter dicken Schicht auf Straßen, Dächer und Gärten.

Wir hatten damals Glück im Unglück. Beim Bergsturz von Randa kamen keine Menschen ums Leben. Trotzdem prägt der Vorfall uns Dorfbewohner bis heute. Selbst unsere Kleinsten wachsen mit dem Wissen auf, dass Felsen oder ganze Berge abbrechen und talwärts stürzen können. Das hängt mit der Erosion zusammen, die im Gebirge zum natürlichen Lauf der Dinge gehört. Aber besonders in höheren Lagen spielt auch die Klimaerwärmung eine immer größere Rolle. Denn ab einer Höhe von etwa 2500 Metern fängt bei uns der Permafrost an. Steine und Geröll im Boden sind dort über Jahrhunderte von Eis zusammengehalten worden – bis jetzt. Der Klimawandel lässt den Permafrost schmelzen. Ohne den eisigen Kitt bröckeln die Felsen auseinander.

Wenn ich bei der Arbeit in höhergelegene Wälder gehen will, muss ich genau auf die Jahreszeit und das Wetter achten. Es gibt Orte, an denen der Boden noch vor dreißig Jahren tief gefroren und steinhart gewesen ist – nun braucht es nur einen warmen Sommer oder Tauwetter, und die Felsen gehen ab. Diese Entwicklung betrifft auch viele Kletterer: Im Winter oder Frühjahr die Nordwand des Matterhorns zu besteigen, ist ein großer Spaß. Im August und September ist es heute dagegen Selbstmord: Der Boden ist dort aufgetaut, ununterbrochen stürzen Steine ins Tal.“
Aufgezeichnet von Julia Huber

Zur Person
Leo Jörger ist Förster im Mattertal. Er ist verantwortlich für die Wälder in den Gemeinden St. Niklaus, Randa, Täsch und Zermatt. Der 53-Jährige ist Vater von vier Kindern und lebt mit seiner Ehefrau in Randa.