Greenpeace Magazin Ausgabe 1.97

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Boris Jelzin hat ihn kaltgestellt: Alexej Jablokow, Rußlands Mann für die Umwelt

Um im größten Land der Erde für die Umwelt zu kämpfen, sind Alexej Jablokow ein schwarzer Wolga mit Chauffeur und ein Telefon geblieben. Vor wenigen Monaten gebot Rußlands prominentester Umweltschützer als Chef der Ökologiekommission im Sicherheitsrat Boris Jelzins noch über 25 Mitarbeiter. Jetzt sitzt Jablokow allein in seinem Büro am Moskauer Starij Ploschad. Alle Mitarbeiter sind entlassen. Auch Jablokows Schicksal ist ungewiß. Doch ihm kann nur Boris Jelzin persönlich den Stuhl vor die Tür setzen.

Sollte Jelzin sich tatsächlich von seinem ehemals engen Weggefährten trennen, wird Jablokow weiter versuchen, seine Landsleute und die Regierung wachzurütteln. Nach Alarmsignalen braucht er nicht lange zu suchen (siehe unten rechts).

Mit seinen 64 Jahren, dem weißen Bart und den abstehenden weißen Haaren sieht Jablokow zwar auf den ersten Blick aus wie ein gütiger Großvater, der die tausend Kleinkriege der menschlichen Existenz längst als eitel Tand und Flitterwerk ansieht. Doch wenn er jemanden ins Visier nimmt, blickt er unter seinen buschigen Brauen so durchdringend, als wolle er sein Gegenüber röntgen, und von seiner Ungeduld hat er nichts verloren. Der alte Jablokow leidet an der Zerstörung seiner Heimat noch immer so wie der junge, der das Leben von Walen und Delphinen intensiv erforscht und in den 50er Jahren seine Studien am Weißen Meer aufgeben muß, weil die Gegend zum Militärversuchsgebiet wird. Der junge Jablokow ärgert sich, daß „mindestens die Hälfte aller Informationen, die mit Naturschutz zu tun haben, geheim sind“, und ist den Behörden schon 1958 mit einer Streitschrift über den „Naturschutz und seine Bedeutung für unser Land“ ein Dorn im Auge.

Jablokow hat mehr als 20 Bücher und 200 Artikel veröffentlicht: über Wale und Delphine, Evolutionstheorie und Populationslehre, Pestizide und Atomenergie. Neben seiner Arbeit im nationalen Sicherheitsrat hat er das private, durch Spenden amerikanischer Stiftungen finanzierte Zentrum für Russische Umweltpolitik aufgebaut: Das wird ihm als Bühne und Sprachrohr dienen, sollte Jelzin auf seine Dienste verzichten. „In gewissem Sinne sind wir wieder da, wo wir vor zehn Jahren schon einmal waren“, sagt Jablokow, und seine Augen blitzen. „Da mußte man den Russen auch erst beibringen, daß die Umwelt wichtig ist.“

Damals, vor zehn Jahren, schien mit Glasnost und Perestroika in der Sowjetunion für die Umwelt eine neue Epoche anzubrechen. Jablokow war elektrisiert. Der Zoologie-Professor wurde Parlamentarier und begann als Vize-Vorsitzender des Umweltkomitees des Obersten Sowjet, die ökologischen Leichen der Sowjetunion aus dem Keller zu holen. „Auf unsere Initiative wurde öffentlich über den ersten schweren Atomunfall berichtet, der 1957 im Ural stattgefunden hatte und jahrzehntelang geheimgehalten wurde. Das war eine Sensation“, erinnert sich Jablokow.

Knapp zwei Jahre arbeitete er in der Interregionalen Abgeordnetengruppe, einem losen Verbund von 20 Parlamentariern, zu der neben Andrej Sacharow auch Boris Jelzin gehörte. 1990 wurde Jelzin zum Präsidenten Rußlands gewählt und machte Jablokow zu seinem Berater. Es begannen die umweltpolitischen Flitterwochen. Unter Jablokows Einfluß verbot Jelzin Atomversuche und Großmanöver. Und er ließ seinem Berater freie Hand, als der herausfinden wollte, wie stark das Militär das Meer radioaktiv verseucht hatte. Jablokow bekam alle Dokumente und besuchte geheime Militärbasen.

Die radioaktive Verseuchung übertraf die schlimmsten Erwartungen. Als er Jelzin im Februar 1993 seinen Bericht vorlegte, sagte Jablokow: „Boris Nikolajewitsch, dies ist das Erbe der Sowjetunion. Lassen Sie uns ein Zeichen setzen, daß Rußland diese Praktiken verurteilt. Lassen Sie uns den Report veröffentlichen.“ Jelzin stimmte zu. Der „Jablokow-Report“ wurde als Dokument einmaliger Offenheit berühmt.

Die Zeit der Euphorie war bald vorbei. Als Jelzin sich im Sommer 1993 in seinen Konflikt mit dem Parlament verbiß und schließlich das Weiße Haus zusammenschießen ließ, das er zwei Jahre zuvor selbst gegen die Anti-Gorbatschow-Putschisten verteidigt hatte, ging sein Umweltberater auf Abstand. Jelzin machte Jablokow zum Vorsitzenden der neuen Kommission für ökologische Sicherheit. Jablokow war nun nur noch eine Galionsfigur ohne Einfluß: Er warnte weiter – doch den Präsidenten bekam er immer seltener zu Gesicht, schließlich nur noch zweimal im Jahr. Für Boris Jelzin spielte Umweltpolitik keine Rolle mehr.

Zwar geht es der Umwelt in Rußland heute trotz der düsteren Gesamtanalyse besser als vor zehn Jahren. „Das ist allerdings weniger das Resultat meiner Arbeit als vielmehr das einer historischen Entwicklung“, sagt Jablokow. „Die Rüstungsindustrie, die früher für den Großteil der Umweltschäden verantwortlich war, ist um fast zwei Drittel geschrumpft.“

Boris Jelzin hat Premierminister Viktor Tschernomyrdin im Wahlkampf per Erlaß vom 1. April 1996 angewiesen, ein Konzept vorzulegen, wie die russische Wirtschaft entsprechend der Konvention von Rio de Janeiro umweltgerecht umgebaut werden soll – was ganz im Sinne Alexej Jablokows ist. Doch seitdem Jelzin wiedergewählt worden ist, geben er und Tschernomyrdin nicht einmal mehr zum Schein vor, sich für Umweltschutz zu interessieren. Statt dessen gilt die Devise: Wirtschaftswachstum um jeden Preis. Tschernomyrdin löste die Regierungskommission für Nuklearabfall ebenso auf wie das Komitee für Seuchenkontrolle und das Umweltministerium. Begründung: „Rußland ist ein Ressourcenland.“ „Leute wie Tschernomyrdin sehen und verstehen ökologische Fragen nicht“, sagt Jablokow. Dafür werde Rußland teuer bezahlen. Deswegen hat er dem Kreml-Stabschef und engsten Jelzin-Berater Anatoli Tschubais im vergangenen August vorgeschlagen, in der Präsidialverwaltung eine neue Umweltkommission zu schaffen. Eine Antwort hat er bisher nicht bekommen.

Von FLORIAN HASSEL

Jedes dritte Kind in Rußland ist durch Umweltbelastung chronisch krank. Jedes zehnte Baby kommt mit Behinderungen zur Welt. Die Lebenserwartung der Russen sinkt; in den Mündungsgebieten der Industriekloaken Ob und Jenissej sank sie seit 1961 um 16 Jahre. Die Hälfte der russischen Bevölkerung nutzt verschmutztes Trinkwasser, fast alle müssen mehr Luftschadstoffe ertragen als zulässig, die giftigste Luft hat Moskau.