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Profit raubt Heimat

Greenpeace Magazin Ausgabe 1.16

Profit raubt Heimat

Text: Julia Lauter Foto: Thekla Ehling

Wo viele nur eine Shell-Tankstelle sehen, sieht Peter Donatus die Ursache für den Niedergang seiner Heimat. Der Umwelt- und Menschenrechtsaktivist musste aus Nigeria fliehen. Seine Geschichte erklärt, warum nicht nur Kriege und Konflikte, sondern auch die Gier der westlichen Wirtschaft nach Rohstoffen das Leben in den Herkunftsländern unmöglich machen

Als Peter Donatus das Militärkrankenhaus in Lagos verließ, war er 23 Jahre alt und hatte sieben Monate Folter hinter sich. Er trug tiefe Wunden an Körper und Seele. Seine Familie hatte viel Geld bezahlt, um ihren Sohn lebend wiederzusehen. Doch viel Zeit blieb ihnen nicht: „Morgen fliegst du nach Europa“, sagte der Vater. Sein Sohn stand vor den Trümmern seines bisherigen Lebens.

Wer flieht, flüchtet vor einem Täter. Im Krieg ist das offensichtlich, Kriegsflüchtlinge können meist einen oder mehrere Aggressoren benennen, die ihnen das Leben in der Heimat unmöglich gemacht haben. Anders ist es bei sogenannten Wirtschaftsflüchtlingen, die nach hiesiger Gesetzeslage kein Recht auf Asyl haben: Ihr Problem ist eine gesichtslose Wirtschaft, ihr Leiden eine Nebenwirkung des globalen Marktes und deshalb scheinbar niemandes Schuld. Wirtschaftsflüchtling, diese Bezeichnung empfindet Peter Donatus als Unverschämtheit. Der 49-jährige Menschenrechtsaktivist spricht konzentriert und beherrscht, doch dieses Wort bringt ihn in Rage: Wer etwa die Verhältnisse kenne, könne nicht behaupten, die Menschen dort hätten sich ihr Schicksal selbst zuzuschreiben. „Man muss auch hier fragen: Warum verlassen sie ihre Länder? Wer zerstört ihre Lebensgrundlagen? Wer sind die Täter?“ Prüfend schaut er sein Gegenüber durch die Gläser seiner Brille an. Seine Fragen sind keine Rhetorik, er erwartet Antworten. 27 Jahre liegt Donatus’ Flucht aus Nigeria zurück. Doch die Narben bleiben. Streift er die Ärmel seines akkurat sitzenden weißen Hemdes zurück, sieht man tiefe Furchen, die seine Arme überziehen.

Peter Donatus wuchs in Lagos auf, einem Moloch mit zwanzig Millionen Einwohnern. Seine Eltern stammen aus dem Nigerdelta. Jedes Jahr an Weihnachten fuhr die Familie zurück in die alte Heimat. Die Kinder waren dort glücklich: Für sie war die von Ölpipelines durchzogene Landschaft ein riesiger Spielplatz, bis tief in die Nacht durften sie durch den von den Gasflammen der Förderanlagen taghell erleuchteten Mangrovenwald toben. Ein Bild wie aus einem unheilvollen Märchen, das noch heute in Donatus’ Erzählungen nachwirkt. Damals nahm im Nigerdelta eine der größten Umweltkatastrophen der Welt ihren Anfang.

Ende der Fünfzigerjahre begann dort, im Süden des Landes, die Förderung von Öl. Was den Menschen zunächst als Quelle zukünftigen Wohlstands erschien, entpuppte sich bald als Fluch: Obwohl das bevölkerungsreichste Land Afrikas heute zu einer der wichtigsten Erdölexportnationen zählt, lebt mehr als die Hälfte der Bevölkerung von weniger als 1,25 Dollar am Tag. Die marode Infrastruktur verhindert Wirtschaftswachstum jenseits des Ölgeschäftes. Die unterentwickelte Landwirtschaft kann den Nahrungsmittelbedarf nicht decken, die Kindersterblichkeit liegt im Nigerdelta bei zwanzig Prozent. Neben Terrorakten der islamistischen Gruppe Boko Haram im Nordosten Nigerias ist die Umweltzerstörung im Süden eines der größten Probleme des Staates.

Forscher des Umweltprogramms der Vereinten Nationen untersuchten 2011 einen Teil des 70.000 Quadratkilometer großen Nigerdeltas, das Ogoniland. Sie kamen zu dem Schluss, dass Shell und andere Ölkonzerne die tausend Quadratkilometer umfassende Fläche im großen Stil verseucht haben. Der Boden ist an manchen Stellen bis zu fünf Meter tief kontaminiert, das Trinkwasser vergiftet. Die Aufräumarbeiten würden bis zu dreißig Jahre dauern und etwa eine Milliarde Euro kosten. Im gesamten Nigerdelta entstehen mit erschreckender Regelmäßigkeit neue Lecks in den unzureichend gewarteten Pipelines. Doch die Konzerne gehen dagegen nicht konsequent vor. Die Kosten für Mensch und Umwelt liegen also weit höher.

Als Peter Donatus 21 Jahre alt war, verpflichtete der Internationale Währungsfonds das Land zu sogenannten Strukturanpassungsmaßnahmen. Damals setzte eine massive Abwertung der nigerianischen Währung ein, die bis heute anhält. Es kam zu Massenentlassungen, Benzin und öffentliche Verkehrsmittel wurden im Land des Öls unbezahlbar. Die Opposition und Journalisten, die Korruption und Misswirtschaft anprangerten, wurden unterdrückt.

Der Agrarökonomiestudent Donatus wollte das nicht hinnehmen und engagierte sich in der Studentenbewegung. Im Jahr 1989 organisierte sie mit den Gewerkschaften einen wochenlangen Generalstreik, dem sich auch die Ölarbeiter anschlossen. Damit traf die Bewegung den Nerv des Regimes. Es erklärte den Generalstreik zur Gefährdung der nationalen Sicherheit und ging brutal gegen die Demonstranten vor. Hunderte starben. Donatus wurde festgenommen und kam ins Staatssicherheitsgefängnis in Lagos.

Das liegt fast dreißig Jahre zurück, doch immer noch verdunkelt sich sein Blick, wenn er über diese Zeit spricht. Achtzig Männer waren in eine hundert Quadratmeter große Halle gesperrt, bei vierzig Grad und ohne Toiletten. Über die Hälfte der Inhaftierten starb an den Folgen von Folter. Donatus verlor viele Freunde, ihre Leichen wurden zur Abschreckung tagelang in der Zelle gelassen. „Die Toten stanken, unsere Wunden stanken, die Halle, die Geräusche der Folter, die Hitze, all das spüre ich noch heute“, sagt er. Das Grauen der monatelangen Haft hat sich ihm eingebrannt. „Wenn ich die Narben sehe, steigt Wut in mir auf: Die Verantwortlichen wurden nie zur Rechenschaft gezogen. Sie haben ihre Uniformen gegen Anzüge getauscht und sind weiterhin an der Macht.“

Dabei hatte Donatus Glück: Seine Familie war reich genug, um die Wärter im Gefängnis zu bestechen. Dadurch entging er den systematischen Vergewaltigungen. Seine Familie konnte ihm Essen schicken, und als er an einer Infektion zu sterben drohte, wurde er in ein Militärkrankenhaus verlegt. Das war seine Rettung. „Ich habe von der Korruption profitiert, die ich bekämpfte“, sagt er. Ein Widerspruch, den er auszuhalten lernen musste.

Nachdem ihn seine Familie freigekauft hatte, floh Donatus über Belgien nach Deutschland. Das Trauma aus der Heimat verfolgte ihn: In seinem Kopf verschwamm das Auffanglager in Belgien mit dem Gefängnis in Lagos, er wähnte sich noch immer in den Fängen des Regimes. Erst langsam fand der junge Mann zu sich selbst zurück. „Meine politische Tätigkeit ist ein Virus, das man nicht so einfach abtöten kann“, sagt er heute. Er lächelt. Unterstützt durch seine Familie machte er einen Sprachkurs, studierte trotz bürokratischer Hürden Politik und vernetzte sich mit Aktivisten in Deutschland. „Die rheinische Kultur ist nicht so anders als die in Nigeria“, sagt Donatus, „man kennt sich, man hilft sich.“ Wenn er mit kölschem Akzent spricht, wird Donatus‘ weiche Aussprache noch weicher: eine Liebeserklärung an eine Stadt, die er für ihre Offenheit und Toleranz schätzt und zu seiner Heimat machte.

Von Köln aus organisierte er in den Achtziger- und Neunzigerjahren Kampagnen gegen Shell, förderte den Aufbau der nigerianischen Opposition im Exil und unterstützte Umwelt- und Menschenrechtsaktivisten in Nigeria. Immer wieder reiste er selbst dorthin, um Dokumente und Informationen außer Landes zu schaffen, über die er dann in deutschen Medien berichtete. Peter Donatus unterstützte den Alternativen Nobelpreisträger Ken Saro-Wiwa dabei, den Widerstand des Volkes der Ogoni zu organisieren. Dessen Forderung nach Gerechtigkeit fand international Gehör. Die Hinrichtung von Saro-Wiwa und acht weiteren Aktivisten am 10. November 1995 entsetzte die Weltöffentlichkeit. Donatus versuchte diese Bestürzung für die Anliegen der Betroffenen zu nutzen, lud den Literaturnobelpreisträger Wole Soyinka zu Vorträgen nach Deutschland ein und unternahm mit ihm konspirative Reisen durch Nigeria.

Was wurde aus dem Aufruhr, dem Shell-Boykott und der Aufmerksamkeit für die nigerianische Sache? „Seit der Demokratisierung 1999 hat sich vieles verbessert, die Arbeit der Umweltschützer ist weniger gefährlich, die Völker im Nigerdelta arbeiten zusammen und 2015 gab es den ersten demokratischen Machtwechsel“, erzählt Donatus. Dennoch bleiben viele Probleme: Noch immer halten sich die Ölkonzerne nicht an nigerianische Gesetze, berauben die Bewohner des Deltas ihrer Lebensgrundlage und fördern korrupte Strukturen. Viele Menschen resignieren oder fliehen, einige radikalisieren sich und schließen sich militanten Gruppen an, die Anschläge auf die Ölinfrastruktur verüben. Wenige nehmen den juristischen Kampf auf und Klagen gegen die Konzerne. Zum Teil mit Erfolg, wie im Januar 2015, als Shell die Bewohner der Bodo-Bucht entschädigte, deren Heimat bei mehreren Pipeline-Lecks 2008 durch 500.000 Barrel Öl verschmutzt worden war. 77 Millionen Euro will der Konzern nun zahlen, der größte außergerichtliche Vergleich, der je wegen der Ölpest in Nigeria ausgehandelt wurde. Die Fischer erhalten je 3000 Euro, so viel wie drei Jahresgehälter in Höhe des nigerianischen Mindestlohnes.

Donatus ringt mit sich. Er versteht die Verzweiflung der Menschen, die ihre Heimat verloren wissen und nun wenigstens Entschädigungen von Shell wollen. Doch er weiß, dass diese Strategie nicht nachhaltig ist. Deshalb kämpft er dafür, dass der „Ökozid“, also die Vernichtung von Lebensgrundlagen und schwere Umweltzerstörung, gleich den Verbrechen gegen die Menschheit, als völkerrechtlicher Straftatbestand anerkannt und international geahndet wer-den kann. „Wahrscheinlich werde ich das nicht mehr erleben, aber ich halte es mit Ken Saro-Wiwa, der gesagt hat: Auch wenn wir nicht wissen, ob wir erfolgreich sein werden, müssen wir es versuchen.“

Trotz des jahrzehntelangen Kampfes gegen einen übermächtigen Gegner wirkt Donatus nicht mürbe, nur manchmal nimmt die Traurigkeit über das Unrecht überhand: „Wenn im Golf von Mexiko ein Ölunfall passiert, gibt es internationalen Druck, BP zahlt zwanzig Milliarden Dollar Entschädigung und die Aufräumarbeiten beginnen. In Nigeria sind die Ausmaße der Katastrophe um ein Vielfaches größer, trotzdem passiert nichts. Auch große und einflussreiche Umweltschutzorganisationen sind tatenlos.“ Stattdessen würden die legitimen Forderungen der nigerianischen Flüchtlinge in der aktuellen Debatte abgewiesen, indem man sie zu „Wirtschaftsflüchtlingen“ erklärt. Für ihn rieche das nach Rassismus.

„Niemand erwartet, dass Deutschland die ganze Welt aufnimmt“, sagt Donatus. Tatsächlich würden die meisten Flüchtlinge Zuflucht in ihrem eigenen Land oder in Nachbarstaaten suchen. Er fordert stattdessen eine öffentliche Debatte darüber, worauf der Wohlstand und die Privilegien der Industrienationen fußen: Wer profitiert auf wessen Kosten? Wirtschaft, das ist für Donatus kein abstraktes Konzept. Wirtschaft, das sind wir alle. Wer also wegen der Wirtschaft flüchtet, der flieht auch wegen uns.

Ölförderung im Nigerdelta
Täglich pumpen ausländische Konzerne rund 2,2 Millionen Barrel Öl aus dem Nigerdelta, allen voran Shell. Hauptabnehmer sind Indien, die USA, China und die EU. Jährlich sickern etwa 280.000 Barrel Öl aus leckenden Pipelines – etwa so viel, wie nach der Havarie der „Exxon Valdez“ 1989 vor Alaska auslief. Shell verweist auf Sabotage und illegale Abzapfungen, unabhängige Organisationen und Gerichte attestieren mangelnde Wartung. Nach massiven Protesten in den 90er-Jahren stellte Shell die Ölförderung in Teilen des Deltas ein. Doch auch die zurückgelassenen Anlagen verschmutzen die Umwelt bis heute.