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Greenpeace Magazin Ausgabe 1.18

Quecksilber

Text: Julia Lauter

Im Altertum galt es als Attraktion und Heilmittel, heute weiß man um die Giftigkeit von Quecksilber. Doch der Weg in eine Welt ohne das flüssige Metall hat gerade erst begonnen

Es ist ein fast außerirdischer Anblick: Spiegelnde Flüssigkeit perlt über den Rand des Springbrunnens und fließt langsam zurück in ein Marmorbecken. Statt Wasser plätschert hier, im spanischen Almadén, Quecksilber. Schon im 9. und 10. Jahrhundert wurden in den Schlossgärten von Kairo, Córdoba und Bagdad Teiche mit jenem wundersamen Metall gefüllt, das bei Raumtemperatur flüssig ist.

Heute steht der 1937 erbaute Brunnen in Almadén hinter einer versiegelten Sicherheitsverglasung. Man weiß nun, dass die Dämpfe des Quecksilbers hochgiftig sind. Die Erkenntnis folgte aus einer Katastrophe in Japan: In den Sechzigerjahren wurden die Bewohner der Küstenstadt Minamata von einer rätselhaften, oft tödlich verlaufenden Krankheit heimgesucht. Viele litten zunächst an Zahnfleischbluten und Kopfschmerzen, dann an Gedächtnisschwund, Lähmungserscheinungen oder Psychosen. Schließlich fand sich der Grund: Der Chemiekonzern Chisso hatte Quecksilberschlämme in die Bucht vor Minamata geleitet. Methylquecksilber reicherte sich in Plankton und Fischen an und erreichte so die vom Fischfang lebende Bevölkerung: Etwa 3000 Menschen starben, 17.000 erlitten Vergiftungen, viele wurden zu Pflegefällen.

In geringen Dosen kommt das Metall überall in unserer Umwelt vor, ungesund wird es erst, wo es etwa Industrie und Bergbau dauerhaft in hohen Konzentrationen freisetzen. Allein durch die Goldwäsche entstehen rund ein Drittel der weltweiten Emissionen, die Förderung und Verbrennung von Braunkohle verursacht ebenfalls einen großen Teil. Deutschland hat mit zehn Tonnen pro Jahr die höchsten Quecksilberemissionen in der EU – siebzig Prozent des Ausstoßes quellen aus den Schloten von Kohlekraftwerken.

Dabei wird das „lebendige Silber“ in immer mehr Alltagsanwendungen ersetzt. Thermometer etwa, früher oft mit Quecksilber gefüllt, dürfen das giftige Metall in der Regel nicht mehr enthalten. Das Gleiche gilt für Batterien und Knopfzellen – die dennoch getrennt entsorgt werden müssen, da sich andere Schwermetalle und teils noch Spuren von Quecksilber darin finden.

Dagegen sind weiterhin Energiesparlampen und Leuchtstoffröhren im Handel, die mithilfe von Quecksilberdampf fluoreszieren – obwohl es doch jetzt die LED-Technik gibt. Und noch immer kommen Amalgame, also Verbindungen mit anderen Metallen, als Zahnfüllung zum Einsatz; erst ab Juli 2018 soll in der EU ein Amalgamverbot für Kinder sowie für schwangere und stillende Frauen gelten. Während es in der Zahnmedizin Alternativen gibt, fehlen sie anderswo: Im Goldabbau sind sie entweder ebenfalls giftig oder ungleich aufwendiger. Und Kohlemeiler werden zwar durch Filteranlagen etwas sauberer – „quecksilberfrei“ sind sie aber erst nach ihrer Abschaltung.

Um die Quecksilberentgiftung voranzutreiben, unterzeichneten 2013 über neunzig Staaten das Minamata-Abkommen, eine UN-Umweltschutzkonvention. Einige der Ziele bis 2020: Neue Minen dürfen nicht gebaut, bestehende müssen geschlossen werden und Quecksilber soll nur noch aus Recycling zur Verfügung stehen. Auf ihrer ersten Konferenz Ende September in Genf beschlossen die Vertragsstaaten Leitlinien zur Regulierung des Goldabbaus.

Die Spuren des Metalls in der Kulturgeschichte bleiben: Bevor seine Giftigkeit bekannt wurde, kam Quecksilber auch in der Medizin zum Einsatz. Paracelsus behandelte damit im 16. Jahrhundert allerlei Krankheiten, später etablierte es sich als Mittel gegen Syphilis. Das Metall drängte wohl kurzzeitig die Symptome zurück – bis der Tod durch Vergiftung eintrat. Die Bezeichnung „Quacksalber“ für einen unkundigen Arzt hat hingegen überlebt.