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Greenpeace Magazin Ausgabe 1.04

Reden für den Frieden

Text: Ariel Hauptmeier

Im ehemaligen Jugoslawien bringt eine Organisation frühere Feinde zusammen, die offen über ihre schrecklichen Kriegserlebnisse sprechen — und zu ihrer Verantwortung stehen.

Vier Männer reden über den Krieg. Einer ist auf Krücken gekommen, denn er hat nur ein Bein. Einer trägt einen langen Bart, denn im Granathagel entdeckte er Allah. Einer hat das Gesicht eines Trinkers, denn er soff zwei Jahre, um zu vergessen. Einer wirkt gefasst, gelassen, seriös, oder hat er sich nur besonders gut verpanzert hinter seinem eleganten Anzug?

Vier Männer, vier Feinde, damals im Krieg, doch jetzt sitzen sie nebeneinander und reden, in einem hohen, hellen, überfüllten Saal im serbischen Novi Sad. Man kann die Neonröhren summen hören, so still ist es, so angespannt wird zugehört, als zähle jedes Wort, jetzt, wo endlich einmal gesprochen wird über diesen Krieg, der vor acht Jahren endete, aber noch lange nicht vorbei ist, der noch immer in den Eingeweiden sitzt und schmerzt und vor sich hin rumort. Über den schon so viel geschwiegen wurde.

„Die Frage, warum ich in den Krieg gezogen bin, foltert mich jeden Tag“, sagt Novica Kostic, der Mann mit den Krücken. „Ich hätte mich weigern sollen mitzumachen. Ich hätte mich einsperren lassen sollen, dann wäre meine Seele jetzt nicht so krank. Wir wollten Gutes, aber wir haben nur Schlechtes erreicht. So viel Schmerz, so viele Tote, und ich bin ein Krüppel. Ich muss reden, ich will nicht vergessen, zur Not wäre ich hierher gekrochen.“ Sagt Novica, der Serbe.

„Ich bin oft wütend“, sagt Nermin Karacic, der mit dem langen Bart, „aber ich kann nicht genau sagen, auf wen. Ich habe meine Jugend verloren. Ich war 22, als der Krieg begann, und 25, als er vorbei war. Ich hatte keine Arbeit, keine Ausbildung, kein Geld. So lange ich lebe, werde ich mit lauter und klarer Stimme gegen den Krieg sprechen. Das ist meine Verantwortung. Denn auch ich bin schuld, dass es zum Krieg kam.“ Sagt Nermin, der aus Bosnien kommt.

„Es war im September 1991“, sagt Gordon Bodog, „da habe ich zusammen mit den Leuten, mit denen ich Fußball gespielt habe, eine Freiwilligentruppe organisiert, und wir sind zur Grenze gefahren, um dort gegen die Serben zu kämpfen. Nach dem Krieg habe ich mich in den Alkohol geflüchtet, doch jetzt kann ich meine Rolle als Kämpfer akzeptieren. Ich will ein ordentliches Mitglied der Gesellschaft sein. Ich bin ein normaler Mensch.“ Gordon ist Kroate.
„Ich heiße Drago Franciskovic“, sagt der distinguierte Mann im grauen Anzug. „Ich war Berufsoffizier in der jugoslawischen Armee. 1991 zerfiel sie. Ehemalige Waffenbrüder begannen, aufeinander zu schießen. Ich hätte das nie für möglich gehalten. Jeder glaubte damals, er würde richtig handeln. 1993 wurde ich pensioniert. Ich konnte nicht mehr. Gut, dass alles vorbei ist.“ Auch Drago stammt aus Kroatien.

Die Neonröhren summen. Es ist still im Saal, es wird immer stickiger. Drei Fernsehkameras filmen, Kugelschreiber flitzen über Papier, das Interesse der Medien ist groß. Novica, der Serbe, knetet seine braunen, verbrannten Finger, neun sind ihm geblieben. Nermin, der Bosnier, zupft sich am Bart und behält seine Lederjacke an, erst ganz am Schluss wird er sie ausziehen. Es ist erst sein zweiter Besuch im ehemaligen Feindesland.

„Vier Meinungen“, so heißt die Veranstaltung. Wenn die zierliche Moderatorin gleich die nächste Frage an die vier Veteranen stellt, dann wird sie jeden Einzelnen von ihnen fragen: „Was hast du damals erlebt? Was waren deine Gefühle?“ Das ist das Prinzip: Jeder redet von sich, nicht von den anderen. Nur von seiner Schuld, nicht von den Gräueln der Gegenseite. Nur so könne ein Dialog gelingen, sagt Adnan Hasanbegovic vom „Zentrum für Gewaltfreies Handeln“ (CNA), der diese Diskussion organisiert hat. Nur so könne man erkennen, wie zum Verwechseln ähnlich man sich ist. Doch sobald es politisch werde, beginne der Streit.

Niemand, sagt Hasanbegovic, eigne sich für diesen schwierigen Dialog über Grenzen und Gräber hinweg so gut wie die Veteranen. Weil sie den Krieg am eigenen Leib erfahren haben, weil sie polarisieren. Dem jeweils eigenen Volk gelten sie als Helden, der Gegenseite als Mörder, Verbrecher, Vergewaltiger. Alle Parteien gemeinsam auf einem Podium zu sehen, offen über den Krieg sprechend, das schockiere in Ex-Jugoslawien noch immer, auch acht Jahre nach dem Waffenstillstand von Dayton. Der beendete einen komplizierten Krieg, in dem 200.000 Menschen starben und vier Millionen vertrieben wurden.

Acht Jahre, in denen nicht geschossen wurde, aber auch kein Frieden herrschte, eher eine Art angespannter Waffenruhe, eine große Erschöpfung und Verbitterung darüber, dass der Krieg alles nur schlimmer gemacht hat, und nichts besser, wie doch alle gehofft hatten. Acht Jahre, in denen geschwiegen wurde auf allen Seiten, in denen man es sich bequem gemacht hat in seiner Opferrolle.

„Ich war damals 30 Jahre alt und voller Leben“, sagt jetzt Novica, vorn auf dem Podium, der blasse Serbe mit dem schwarzen, glatten Haar und den blauen Krücken hinter ihm, „aber ich war naiv, ich erkannte nicht, wie mir von Medien und Politikern das Gehirn gewaschen wurde. Ich war Mechaniker, ich war Reservist, ich wurde eingezogen, als der Krieg zwischen Serbien und Kroatien begann. Im November 1991 wurde unsere Einheit in die Kaserne von Karlovac kommandiert, die von Kroaten belagert wurde. Es gab ein heftiges Gefecht. Einer unserer Panzer wurde von einer Granate getroffen. Ich bin hingelaufen, um die Leute aus dem Panzer zu retten, doch als ich bis zum Bauch im Geschützturm stand, wurde der Panzer ein zweites Mal getroffen. Alles brannte. Irgendwer hat mich da rausgeholt. Ich wurde in ein Krankenhaus nach Sarajevo gebracht und dort operiert. Das war mein Glück, sonst sähe ich heute aus wie ein Monster.“

Die Neonröhren summen.

„Damals, im Krankenhaus, waren so viele ... Verwundete ... eigentlich noch Kinder ... sie zu sehen, das war für mich fast schlimmer als meine eigenen Verletzungen. Sie waren genauso übel zugerichtet wie ich, verbrannt, zerschossen, ohne Beine, ohne Arme, sie hatten Angst. Ihre Augen werde ich nie vergessen. Es gab Kämpfer von beiden Seiten, wir sprachen die gleiche Sprache, warum schossen wir aufeinander? Was soll aus unseren Kindern werden?, dachte ich, und dieser Gedanke quält mich bis heute.“

Novica knetet seine Finger.

„Viele Jahre habe ich davon geträumt, über meine Erlebnisse zu reden und für den Frieden einzutreten. Aber erst vergangenes Jahr habe ich von CNA gehört. Das war ein Geschenk Gottes. Die erste Diskussion, an der ich teilnahm, war in meiner Heimatstadt, in Vlasotince. Ich hatte furchtbare Angst, dort zu reden, vor meiner Familie, vor meinen Freunden, vor den anderen Veteranen. Es gab viel Misstrauen, keiner verstand, was das sollte, alle dachten, es gehe darum, einander anzuklagen. Nach der Veranstaltung sind andere Veteranen zu mir gekommen und sagten, dass sie mich beneiden, und hoffen, auch eines Tages auf so einem Podium zu sitzen.“

Es sei schwer, sehr schwer, sagt Adnan Hasanbegovic, der Organisator, Mitstreiter zu finden. Ehemalige Soldaten, die den Mut haben, bei den „Vier Meinungen“ mitzumachen. Die sich trauen, im Feindesland über ihre Verwicklung in den Krieg zu reden, die ihren Hass im Griff und ihre Traumata überwunden haben, und es aushalten, als Verräter angespuckt zu werden, auch das komme vor. Seit zwei Jahren arbeitet CNA an dem Projekt und hat erst ein Dutzend ehemaliger Kämpfer um sich scharen können. Die Diskussion an diesem Abend ist die fünfte, zwei waren in Kroatien, drei in Serbien, nicht eine einzige war in Bosnien, dort, wo die meisten Gräber sind. „Vier Meinungen“ in Srebenica, Tuzla oder Mostar? Das könne noch dauern, sagt Hasanbegovic. Das brauche noch Zeit.

„Was hast du im Krieg erlebt?“, fragt die Moderatorin jetzt Nermin, den Bosnier mit dem langen, dunklen Bart, der eine schwarze Lederjacke trägt, obwohl es immer heißer wird im Saal. Und Nermin erzählt.

„Damals, als alles begann, konnte man die Hysterie mit Händen greifen“, sagt er, „zuerst war es nur ein Spiel. Im Café haben wir die Serben beschimpft und sie uns, aber nicht lange, da fielen die ersten Granaten auf Sarajevo. Bald waren wir eingeschlossen, aus dem Spiel wurde blutiger Ernst. Ich dachte, es ist meine Pflicht, meine Heimat zu verteidigen. Im Mai 1992 nahm ich an der ersten großen Schlacht um Sarajevo teil. Ich erschrak, weil mir klar wurde, dass ich einen fremden Soldaten mit vollem Bewusstsein töten würde. Nicht lange, und ich habe mich an den Tod gewöhnt.“

Die Kugelschreiber flitzen übers Papier.

„Im Dezember 1992 war es beinahe so weit. Ich lag in einem Haus, wir waren völlig eingeschlossen. Ich wurde angeschossen, ich fühlte meine Hüfte zersplittern. Ich dachte: ‚Jetzt bin ich gelähmt‘, und richtete mein Gewehr auf mich, aber da sah ich, dass sich meine Beine bewegten. Meine Freunde retteten mich aus dem Haus, einen Tag lang lag ich in einem Raum voller Leichen, erst am Abend wurde ich in ein Krankenhaus gebracht. Später habe ich mich einer Spezialeinheit angeschlossen. Wir haben an allen Fronten um Sarajevo gekämpft. Jedes Mal, wenn ich heil aus einer Schlacht zurückkehrte, war das wie eine Geburt, und wir haben uns betrunken. 1994 konnte ich nicht mehr. Ich verließ meine Einheit, aber das Nichtstun war noch unerträglicher. Nachts um Wasser anstehen, sich in Kellern verstecken? Das konnte ich nicht, und ich bin zurück zu meiner Einheit. Dann kam der Frieden von Dayton.“

Nermin zupft an seinem Bart.

„Früher dachte ich, ich habe mich nur verteidigt. Aber danach wurde mir klar, dass auch ich verantwortlich bin für die Eskalation. Im März 1992 war ich an Straßensperren von Bosniern beteiligt, die Serben kontrolliert und eingeschüchtert haben. Was wurde aus diesen Serben? Haben sie das Land verlassen oder sich den Truppen rund um Sarajevo angeschlossen? Ich weiß es nicht. Das ist meine Schuld, das ist meine Verantwortung.“
Applaus im Publikum. Nermin lächelt.

Vielen Kriegsveteranen gehe es schlecht, sagt Hasanbegovic, der Organisator. Unter ihnen gebe es überdurchschnittlich viel häusliche Gewalt, Selbstmorde, Depressionen, Aggressionen, Alkoholismus, Arbeitslosigkeit. Man müsse versuchen, sagt Hasanbegovic, die Veteranen in den Friedensprozess einzubinden, müsse ihnen zeigen, wie wichtig sie sind für den Frieden. Es wäre gut, wenn man Veranstaltungen wie die „Vier Meinungen“ in Betrieben oder Sporthallen abhalten könnte. Vor jenen, die damals gekämpft haben. Und die der akademische Friedensdiskurs nicht erreicht.

„Gibt es Fragen?“, fragt jetzt die zierliche Moderatorin.

Ein alter Mann in einem grauen Anorak steht auf. „Warum bringt ihr das Feuer nicht dahin, wo es ausgebrochen ist?“, fragt er, in seiner Stimme liegt Zorn, „warum stiftet ihr hier in Serbien Unruhe und Verwirrung? Geht nach Kroatien, dort hat alles begonnen, bei diesen Kriegsverbrechern, die uns schon 1914 verraten haben, genau wie 1945.“ Zorniges Gemurmel im Publikum. Aber etwas Unerwartetes geschieht: Die Moderatorin fährt dem Mann nicht über den Mund. Stattdessen sagt sie: „Bitte, erzählen Sie uns ihre Geschichte.“ Es wird wieder still.

„Ich heiß Rad Vukosav“, sagt der Mann, er hat das Profil eines Adlers, „ich bin Serbe. Ich hatte ein Ferienhaus in Kroatien, bei Konjic. Ich habe dort stets meine Ferien verbracht, aber dann kamen die Kroaten, beschimpften mich als Mörder und wollten mich töten. Meine Nachbarn halfen mir zu fliehen, danach hat man mein Haus zerstört. Ich bleibe dabei, die Kroaten sind die eigentlichen Verbrecher. Gehen Sie nach Kroatien.“

Ob es weitere Fragen gibt?

Ein junger Mann steht auf. „Ich heiße Vladan Beara, ich bin Psychologe und leite ein Trauma-Zentrum hier in Novi Sad. Ich möchte den Veranstaltern gratulieren. Solche Diskussionen sind ein wichtiger Schritt in Richtung Frieden. Aber ich möchte auch anmerken: Nur ein erster Schritt. Über vieles wurde heute nicht geredet. Wir sollten lernen, über alles zu reden. Über die Wut, die in uns schlummert. Wir müssen lernen, die Anschuldigungen der anderen zu ertragen. Das wäre der nächste Schritt. Der dritte wäre, unsere eigene Schuld zu akzeptieren und offen von ihr zu sprechen.“

Und dann werden die Fernsehkameras abgebaut, und die Studenten und die Kriegsveteranen, die Soldatenmütter und die Friedensaktivisten ziehen ihre Wintermäntel an, denn draußen ist es eisig kalt, und die vier Redner werden in ihr Hotel gebracht. Sie sagen, dass sie müde seien.

Zwei Tage später, in Sarajevo ...

... treffen wir Nermin Karacic wieder. Er zeigt uns das Haus, in dem er seine erste Schlacht focht, noch immer eine Ruine, auf einem Hügel über Sarajevo, inmitten eines Wohngebiets. Überall wird gebaut, gezimmert und verputzt. „Dort waren die serbischen Panzer, dort hatten wir eine Haubitze“, sagt Nermin und weist über das Schlachtfeld, das jetzt wieder Wohngebiet ist, „hinter diesem Haus lag ich, die Gasleitung muss leckgeschlagen sein, plötzlich stand es in Flammen.“ Sein Blick schweift ab. „Als wäre es gestern gewesen“, sagt er gedankenverloren.

Und wir treffen Adnan Hasanbegovic, den Organisator vom „Zentrum für Gewaltfreies Handeln“, wir treffen ihn im Büro, einem kleinen, mit Teppich ausgelegten Raum unter dem Dach eines Mehrfamilienhauses. Adnan empfängt uns in Socken. Auch er hat damals gekämpft, zwei Jahre lang lag er in einem Schützengraben, oben auf den Hügeln der Stadt, gegenüber einer Festung der Serben, und konnte mit ansehen, wie Sarajevo beschossen wurde und die Siedlung seiner Eltern.

Adnan, eine letzte Frage: „Was würdest du tun, wenn es wieder losgeht? Wenn wieder gekämpft würde?“ Adnan überlegt lange. Er senkt den Blick, er streicht sich durch den Vollbart. Dann blickt er auf. „Wahrscheinlich würde ich wieder mitkämpfen“, sagt er. „Wir müssen uns jetzt für den Frieden einsetzen. Wenn die Waffen verteilt werden, ist es zu spät.“

Das „Zentrum für Gewaltfreies Handeln“ (CNA) wurde 1997 in Sarajevo gegründet und veranstaltet seither Anti-Gewalt-Seminare für Lehrer, Journalisten, Gruppenleiter und andere Multiplikatoren aus dem ganzen Balkan. Vor zwei Jahren kam die Veranstaltungsreihe „Vier Meinungen“ hinzu, bei der vier ehemalige Soldaten über ihre Erfahrungen im Krieg berichten. Wichtigste Geldgeber der Nichtregierungsorganisation sind das deutsche und das Schweizer Außenministerium.
Weitere Informationen unter: www.nenasilje.org