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Reise ohne Wiederkehr

Greenpeace Magazin Ausgabe 3.05

Reise ohne Wiederkehr

Text: Marco Carini

März 1985 –  Es herrscht eine freudige Spannung an Bord der „Rainbow Warrior“, als sie im März 1985 von Jacksonville in Florida aus in See sticht. Die 27 Besatzungsmitglieder fiebern ihrem Einsatz entgegen: Zuerst geht es zur kleinen Südseeinsel Rongelap im Pazifik.

Die rund 300 Bewohner haben Greenpeace um Hilfe gebeten. Sie leiden unter den Folgen der US-Atomtests zwischen 1946 und 1958 auf dem benachbarten Bikini-Atoll. Ihre Heimat ist strahlenverseucht, Krebs und Fehlbildungen bei Neugeborenen sind weit verbreitet. Mit Hilfe der Rainbow Warrior wollen die Rongelapesen auf die nicht verstrahlte Insel Mejato umgesiedelt werden. Doch das 44 Meter lange Flaggschiff der Greenpeace-Flotte hat eine weitere Mission: Von Mejato aus soll es, nach einem kurzen Zwischenstopp in Neuseeland, zum Moruroa-Atoll aufbrechen, um dort französische Atomtests zu stören.

„Regenbogen-Kämpfer“ sollten nach einer Prophezeiung der Cree-Indianer die Erde vor einem ökologischen Inferno retten – und die „Rainbow Warrior“ macht ihrem Namen alle Ehre: Mit ihrer Hilfe hatte Greenpeace zum Beispiel die Verklappung von radioaktivem Müll im Atlantik vor Spanien und von Dünnsäure in der Nordsee verhindert oder Wale und Robben vor deren Schlächtern gerettet. Mehr als 100.000 Dollar hat Greenpeace vor der großen Pazifik-Fahrt in sein Kampagnenschiff investiert. Neue Großsegel zieren die Masten, Friedenstauben die Schiffswand, den Bug ein Regenbogen. Zudem hat es ein modernes Funk- und Radarsystem erhalten, und die komplett überholten Maschinen lassen die Warrior nun mit zehn bis elf Knoten – rund 20 Stundenkilometern – durch die Wellen gleiten.

März 1985 _ Admiral Henri Fages, der Kommandeur des französischen Atomtestzentrums im Pazifik, hat schon zu Beginn des Jahres von der bevorstehenden Greenpeace-Protestfahrt nach Moruroa Wind bekommen. Besorgt informiert er den Chef des Auslandsgeheimdienstes Direction Générale de la Sécurité Extérieure (DGSE), Pierre Lacoste. Anfang März wendet sich der Admiral direkt an Verteidigungsminister Charles Hernu: Die Regierung möge beizeiten geeignete Strategien entwickeln, um Störungen zu verhindern. Hernu lässt die ministerielle Arbeitsgruppe „Gegenschlag“ bilden. Am 19. März erhält Geheimdienstchef Lacoste vom Büroleiter des Verteidigungsministers die Weisung, den Protest der Rainbow Warrior zu stoppen; zudem soll er seine Agenten auf die Greenpeace-Kampagne ansetzen.

April/Mai 1985 _ Am 23. April betritt eine Frau mit kurzem, streng gescheiteltem Haar das Greenpeace-Büro in Auckland. Frédérique Bonlieu nennt sich die zurückhaltend wirkende Person, die ihre Hilfe anbietet. In der Geschäftsstelle ist man auf Freiwillige angewiesen. Also verschickt Bonlieu Infoblätter, sortiert Fernschreiben und nimmt Anrufe entgegen, die in der neuseeländischen Greenpeace-Zentrale eingehen. Schon bald ist die junge Frau in fast alle Details der Rainbow-Warrior-Aktion eingeweiht. Jede Information, die Bonlieu während ihrer Wochen bei Greenpeace aufschnappt, leitet die 33-Jährige unverzüglich nach Paris weiter. Denn Frédérique Bonlieu heißt in Wirklichkeit Christine Cabon und steht auf der Gehaltsliste des französischen Nachrichtendienstes.

Durch Greenpeace fühlt sich die „grande nation“, deren Atomwaffen die längst verblasste Weltmachtrolle bewahren sollen, nicht zum ersten Mal herausgefordert. Schon 1972 war David McTaggart für die Umweltschützer mit seinem Segelboot „Vega“ zur Sperrzone um Moruroa gesegelt, um einen Atomtest zu verhindern. Die Vega wird von einem Kriegsschiff durch einen Rammstoß zur Umkehr gezwungen. Im Jahr darauf ist McTaggart erneut zur Stelle; diesmal entern Kommandosoldaten die Yacht und schlagen ihn derart brutal zusammen, dass er fast ein Auge verliert. Doch Fotos von diesem Überfall entzünden internationale Proteste gegen die arrogante Atommacht und ihre Tests im Pazifik. Greenpeace hingegen, vorher kaum bekannt, erntet weltweite Sympathie.

Cabons Geheimdossiers über eine erneute Fahrt von Greenpeace ins Sperrgebiet bestärken die DGSE, von der Aufklärung zur Attacke überzugehen. Bald steht der Plan für die Operation „Satanic“. Die Rainbow Warrior soll durch zwei Haftminen lahm gelegt werden. Eine erste Detonation soll die Crew zur Flucht von Bord zwingen, bevor die zweite Bombe das Schiff irreparabel beschädigt. Eine im korsischen Aspretto stationierte Kampfschwimmer-Einheit der DGSE wird mit Planung und Durchführung der Aktion beauftragt.

Juni 1985 _ Die heiße Phase der Operation Satanic beginnt mit dem Aufmarsch der französischen Agenten. Am 22. Juni trifft die im benachbarten Französisch-Neukaledonien gecharterte Elf-Meter-Yacht „Ouvea“ in Neuseeland ein. Die schwimmende Operationsbasis hat Sprengstoff, Tauchausrüstungen, ein in England gekauftes Zodiac-Schlauchboot an Bord – und mehrere in Aspretto ausgebildete Froschmänner. Zur gleichen Zeit landen Alain Mafart und Dominique Prieur in Auckland; getarnt als Schweizer Ehepaar Alain und Sophie Turenge. Einen Tag später trifft auch Jean Louis Dormand aus Los Angeles in der größten neuseeländischen Stadt ein. Sein wirklicher Name: Louis-Pierre Dillais; Oberstleutnant der DGSE und „Satanic“-Koordinator. Mit den Kampftauchern Alain Tonel und Jacques Camurier ist das zwölfköpfige Kommando am 7.Juli komplett.

7. Juli 1985 _ Nur Stunden später läuft auch die Rainbow Warrior, von Segel- und Motorbooten geleitet, in Marsden Wharf ein. Hunderte Neuseeländer bejubeln die Ankunft des Friedensschiffes im Hafen von Auckland.

Juli 1985 _ Bei den französischen Geheimdienstlern kommt es, glaubt man Dominique Prieur, zu heftigen Kontroversen. „Wir waren überrascht, dass man eine so brutale Aktion gegen eine pazifistische und gewaltfreie Organisation durchführen wollte“, erinnert sich die Agentin zehn Jahre später. Die Haftminen verfügen über enorme Sprengkraft. Gleich zwei davon zu zünden, erhöhe „das Risiko, dass Menschen an Bord verletzt werden“, gibt einer der Geheimdienstler zu bedenken. „Das wurde von oben so angeordnet“, werden die Agenten von ihren Vorgesetzten abgefertigt.

10. Juli 1985 _ Der Mond taucht den Hafen von Auckland in helles Licht. Es ist abends kurz vor halb neun. Zwei Männer vertäuen ein Schlauchboot mit Außenborder am Marsden Wharf. Die neuseeländische Winternacht ist sternenklar und kalt. Die beiden Froschmänner, bei denen es sich nach Journalisten-Recherchen um Jacques Camurier und Alain Tonel handeln soll, schlüpfen in ihre Taucheranzüge. Sie legen Sauerstoffflaschen an, drücken sich die Atemmasken ins Gesicht und befestigen ihre explosive Fracht an der Neoprenhaut. Dann gleiten sie ins Wasser und tauchen in Richtung der Rainbow Warrior, deren Rumpf nach wenigen Minuten vor ihnen auftaucht. Der eine schwimmt zur Schiffsschraube und befestigt die kleinere der beiden Haftminen an der Propellerwelle. Die zweite, etwa zehn Kilo schwere Bombe heftet der andere Schwimmer an die Außenwand des Maschinenraums. Nachdem die Zeitzünder eingestellt sind, gleiten die Taucher zurück zu ihrem Schlauchboot. Sie ziehen es an den Strand und versenken den Außenborder und ihre Atemflaschen im Meer. Dann verschwinden sie mit einem an der Küstenstraße geparkten Transporter, den
Mafart und Prieur besorgt haben.

10. Juli 1985 _ Die Messe der Rainbow Warrior ist an diesem Abend weniger voll als üblich. Die meisten sind zu einem Treffen mit Greenpeacern aus Australien, Neuseeland, Kanada und den USA gefahren. Nur ein Dutzend Crew-Mitglieder ist an Bord geblieben.
Ein Teil liegt schon in den Kojen. Die anderen lassen in der Messe gut gelaunt den Geburtstag von Kampagnenleiter Steve Sawyer ausklingen, der ebenfalls am Treffen teilnimmt. Auch der portugiesische Fotograf Fernando Pereira feiert noch ein wenig mit. Er hatte selbst erst kurz zuvor seinen 36. Geburtstag begossen.

Um 23.38 Uhr zündet die erste Bombe. Ein Schlag erschüttert die Schiffsmesse, die Männer werden aus ihren Sitzen geschleudert, das Schiff schwankt bedrohlich. „Das war im Maschinenraum“, schreit Davy Edward. Sofort hastet der Bordingenieur los, um den Schaden festzustellen. Der Anblick macht ihn fassungslos. Durch ein garagentorgroßes Loch in der Schiffswand schießt Wasser ins Innere der Warrior. Binnen Sekunden neigt sich das stolze Schiff zur Seite. „Alles von Bord“, befiehlt Kapitän Peter Willcox. Der Schweizer Schiffsarzt Andy Biedermann kontrolliert geistesgegenwärtig alle Kabinen. Aus einer befreit er Margret Mills. Die Schiffsköchin ist fast orientierungslos, da sie im Chaos ihre Brille nicht finden kann.

„Sie sinkt, sie sinkt“, schreit Pereira und spurtet in seine Kabine, um die wertvolle Kameraausrüstung zu retten. In diesem Moment detoniert die zweite Sprengladung. In Panik springt die Crew auf den Anleger. Nur Pereira nicht. Das rasch steigende Wasser versperrt ihm den Weg. Minuten später füllen sich seine Lungen mit Wasser. Der zweifache Vater ertrinkt im Bauch des sinkenden Schiffes. Am nächsten Tag bergen Polizeitaucher den Toten. Seine Beine haben sich in den Gurten einer Kameratasche verheddert.

11. Juli 1985 _ Um kurz nach ein Uhr nachts wird Steve Sawyer ans Telefon geholt. Als er die tränenerstickte Stimme seiner Mitarbeiterin Elaine Shaw hört, weiß er: Etwas Furchtbares ist geschehen. Er rast mit anderen Greenpeacern nach Auckland, ins Polizeirevier, wo die überlebenden Besatzungsmitglieder verhört werden. Um zwei Uhr neuseeländischer Zeit trifft in allen Büros der Umweltorganisation ein knappes Telex ein: „Vor zwei Stunden Rainbow Warrior nach zwei Explosionen im Hafen Auckland Neuseeland gesunken. Vermutlich Sabotage. Ein Crew-Mitglied vermisst.“ Am Morgen titelt der Auckland Star: „Sabotage, says Greenpeace.“

11./12. Juli 1985 _ Die Nachricht von der tödlichen Explosion löst in Neuseeland Entsetzen aus. Nie zuvor war das Land mit einer Terror-Aktion konfrontiert. Die Polizei gründet noch vor dem Morgengrauen eine Sonderkommission mit rund 100 Beamten. Innerhalb weniger Tage werden sie 400 Zeugenaussagen und rund 1000 Beweisstücke zusammentragen. Schon nach Stunden stoßen sie auf eine heiße Spur: Nachtwächter eines Bootsclubs haben durch ihre Ferngläser zwei Männer beobachtet, die aus einem Schlauchboot Gegenstände in einen Lieferwagen umladen. Da sie vermuten, es handele sich um Diebe, die Yachten ausgeraubt haben, notieren sie das Kennzeichen: LB 8945. Der Wagen ist auf einen Autoverleih in der Nähe des Aucklander Flughafens zugelassen. Dort erfahren die Ermittler, dass der Transporter von einem Schweizer Ehepaar namens Turenge gemietet worden war. Sie legen sich auf die Lauer. Am Morgen des 12. Juli schnappt die Falle zu: Als das Paar den Leihwagen zurückgeben will, klicken die Handschellen. Den anderen an der Operation beteiligten Geheimdienstlern gelingt es abzutauchen: Vermutlich werden sie vom französischen U-Boot „Rubis“ an Bord genommen, die „Ouvea“ wird im Pazifik versenkt.

Die Pässe der vermeintlichen Eheleute erweisen sich als gefälscht. Auch im Verhör geben sie ihre Identität nicht preis. Erst ein Telefonat, das „Sophie Turenge“ vom Hotel aus geführt hat, bringt die Sonderkommission auf die Fährte. Der Verbindungsnachweis spuckt eine Pariser Nummer aus, die die Ermittler zunächst nicht zuordnen können. Das französische Innenministerium, das über die Verstrickungen der eigenen Regierung in den Anschlag nichts weiß, gibt bereitwillig Amtshilfe: Es handelt sich um eine streng geheime Kontaktnummer des französischen Geheimdienstes.

Juli – September 1985 _ Paris dementiert zunächst, mit dem Anschlag etwas zu tun zu haben. Dann wird enthüllt, dass zwei französische Agenten in den Sabotageakt verwickelt waren. Präsident François Mitterrand muss eine Untersuchungskommission einsetzen. Zwei Wochen später sieht diese sich zu einem Teilgeständnis gezwungen: Zwar hätte der DGSE Greenpeace ausspioniert, an der tödlichen Aktion sei er aber nicht beteiligt gewesen. Während in der Geheimdienstzentrale die Akten der Operation Satanic vernichtet werden, bringen Polizei, Journalisten und Greenpeace täglich neue Fakten ans Licht. Die Dementis werden als Vertuschungsmanöver entlarvt. Am 17. September schreibt die Tageszeitung Le Monde, es sei „erwiesen, dass Geheimdienstchef Lacoste und Verteidigungsminister Hernu von dem Attentat informiert worden waren, es vermutlich sogar selber angeordnet“ hätten. 48 Stunden später müssen sie zurücktreten. François Mitterrand, der immer tiefer in den Strudel der Affäre gerät, hält sich im Amt. Am 22. September gesteht Premierminister Laurent Fabius ein, was sich ohnehin nicht länger leugnen lässt: „Agenten unseres Geheimdienstes haben dieses Schiff versenkt. Sie handelten befehlsgemäß.“

November 1985_ In Auckland beginnt vor Journalisten aus der ganzen Welt der Prozess gegen Mafart und Prieur. Die Staatsanwälte haben mehr als 100 Zeugen aufgeboten, um die Schuld der Angeklagten zu beweisen. Doch hinter den Kulissen glühen die Drähte. Paris will eine wochenlange Beweisaufnahme und die Enthüllung französischer Geheimdienstmethoden um jeden Preis verhindern und setzt Neuseeland unter Druck, dessen Wirtschaft auf Agrarexporte angewiesen ist. Es kommt zum Deal zwischen Verteidigung und Staatsanwaltschaft, welche den beiden Agenten eine direkte Verantwortung für das Anbringen der Magnetminen und damit für den Mord an Fernando Pereira nicht nachweisen kann. Zum Prozessauftakt bekennen sich die beiden des Totschlags und der Sachbeschädigung schuldig. Nach nur 34 Minuten endet die Verhandlung. Knapp drei Wochen später werden Mafart und Prieur zu einer Gefängnisstrafe von jeweils zehn Jahren verurteilt.

Juli 1986 _ „Personen, die in dieses Land kommen, um terroristische Aktivitäten zu entfalten, können nicht erwarten, einen Kurzurlaub auf Kosten unserer Regierung zu verbringen, um dann als Helden heimzukehren“, hatte Ronald Davison, der Vorsitzende Richter, in seinem Urteil geschrieben. Doch der Jurist sollte irren. Nach der Drohung aus Paris, per Veto in der Europäischen Gemeinschaft die Einfuhr von neuseeländischer Butter und Lammfleisch nach Europa zu blockieren, kommt es unter Vermittlung der UN zu einem Arrangement: Bereits acht Monate später werden Mafart und Prieur aus dem Aucklander Gefängnis „Mount Eden“ auf eine französische Militärbasis auf dem Pazifikatoll Hao verlegt, die sie drei Jahre lang nicht verlassen dürfen. Doch wenige Monate später sind die beiden Spione wieder zurück in Frankreich. Mafarts undefinierbare Magenbeschwerden seien auf dem Atoll angeblich nicht zu behandeln. Und auch für Dominique Prieur hat der neue französische Premierminister Jacques Chirac einen Tipp, als er die beiden arrestierten Agenten auf der Militärbasis besucht: „Madame, wir brauchen einen Grund, um sie in einer Notaktion zurückholen zu können. Ein freudiges Ereignis zum Beispiel.“ Die Agentin versteht. Prieur, deren Mann zuvor zum Leiter der Militärbasis auf dem Atoll ernannt worden war, wird schwanger. Im Juni 1988 darf sie nach Frankreich ausreisen.

1987 – 1995 _ Bei ihrer Ankunft in Paris werden Prieur und Mafart gefeiert, wenig später befördert und in den 90er Jahren sogar mit einem Verdienstorden dekoriert. Louis-Pierre Dillais, der den Einsatz vor Ort geleitet hatte und dafür niemals strafrechtlich belangt wurde, steigt 1993 zum Geheimdienstkoordinator und persönlichen Berater des Verteidigungsministers auf. Der Oberkommandierende der Operation Satanic, General Jean-Claude Lesquer, wird zehn Jahre nach dem mörderischen Anschlag zum „Großoffizier der Ehrenlegion“ ernannt, die zweithöchste Auszeichnung der Republik.

8,16 Millionen Euro „Schadensersatz“ zahlt Frankreich nach einem Schiedsgerichtsverfahren an Greenpeace. Auch die Angehörigen Fernando Pereiras und der Staat Neuseeland werden abgefunden. Während das Wrack der Rainbow Warrior im Dezember 1987 in einer neuseeländischen Bucht feierlich versenkt wird, steckt Greenpeace einen Teil des Geldes in ein neues Flaggschiff der Regenbogen-Flotte: die Rainbow Warrior II. Auch sonst geht Greenpeace gestärkt aus dieser Attacke hervor. Der französische Terroranschlag bringt der Umweltorganisation weltweit Sympathien, neue Mitglieder und Spenden ein.

Am Ende der Affäre bleiben offene Fragen: Wer hat den entscheidenden Befehl für die Versenkung des Schiffes gegeben? Wie tief waren Verteidigungsminister Charles Hernu und Präsident François Mitterrand in die Planung verstrickt? Späte Antworten liefert der über die Affäre gestolperte Geheimdienstchef Pierre Lacoste mit seinen 1997 erschienen Erinnerungen „Un amiral au secret“: Darin behauptet er, am 4. Juli, sechs Tage vor dem Anschlag, die Aktion mit Hernu persönlich abgestimmt zu haben. Zudem sei er am 15. Mai von Mitterrand empfangen worden und habe ihn detailliert über die geplante Aktion informiert. An diesem Tag, schreibt Lacoste, habe der Präsident seine Zustimmung zum Bombenattentat erteilt.


Rüsten ohne Rücksicht

„Großes Geheimnis“ bedeutet Moruroa in der Sprache der Maohi, der Ureinwohner
von Französisch-Polynesien. Ein zynischer Zufall. In der Tat umgibt ein großes Geheimnis — genauer: eine große Geheimniskrämerei — das gleichnamige Südseeatoll, das Frankreich 30 Jahre lang für Atomtests nutzte. Zwischen 1966 und 1974 zündete die „grande nation“ hier überirdisch 46 Nuklearsprengkörper. Weitere 147 Tests zwischen 1975 und 1996 wurden unter die Erde verlegt.

Ohne Schutz vor Strahlenschäden arbeiteten tausende Polynesier als Atomkulis auf dem Atoll. Während Militärs und Experten das Gebiet nach Tests nur in Schutzanzügen betraten, bargen einheimische Arbeiter mit bloßen Händen Tonnen toter Fische und angeschwemmter Trümmer an den Stränden des Areals. Opfer dieser Praxis wurden nach Aussagen von Arbeitern in verschweißten Blechsärgen ausgeflogen.

Viele Überlebende leiden unter Strahlenkrankheiten wie Leukämie oder Schilddrüsenkrebs. Seit Jahren kämpfen die rund 3500 Veteranen der Vereinigung „Moruroa e Tatou“ darum, dass Frankreich Krebsleiden und Missbildungen von Kindern als Atomtest-Folgen anerkennt und Schadensersatz zahlt. Zwar versprach Präsident Jacques Chirac, sein Land werde Verantwortung übernehmen, sollte sich ein Zusammenhang erweisen.

Zugleich verweigert Frankreich jeden Einblick in medizinische Akten der Armee — sie unterliegen 60 Jahre dem Militärgeheimnis.

Der Südpazifik war (neben der Wüste von Nevada und den sowjetischen Testgeländen in Kasachstan und Nowaja Semlja) mit rund 300 Atomexplosionen das am stärksten betroffene Gebiet der Welt. Zwischen 1946 und 1958 testeten die USA nördlich von Moruroa auf den Atollen Bikini und Eniwetok 66 Nuklearbomben. 1954 stieg dort der Pilz der Wasserstoffbombe „Bravo“ empor, der größte von den USA durchgeführte oberirdische Test, tausendmal stärker als die Hiroshima-Bombe. Millionen Tonnen Wasser, Gestein, Korallen und Sand wurden bis zu 30 Kilometern hoch geschleudert und regneten als radioaktiver Fallout herab.

Hunderte Insulaner wurden verstrahlt. Am stärksten betroffen war die Südseeinsel Rongelap, wo vielen Bewohnern die Haare ausfielen und manche rasch starben. Wer überlebte, diente Forschern als Versuchskaninchen — als „die beste verfügbare Datenquelle zum Transfer von Plutonium“ innerhalb eines „biologischen Systems“, wie 1977 das US-Energieministerium schrieb. Obwohl sich Erkrankungen wie Leukämie, Leber- und Schilddrüsenkrebs häuften, wurde die Rongelapesen nicht evakuiert. Frauen brachten „Quallenbabys“ zur Welt: Säuglinge ohne Knochen und mit durchsichtiger Haut, durch die man Gehirne betrachten und Herzen schlagen sehen konnte, bevor die Babys qualvoll starben. Erst 1985 wurden die Insulaner schließlich vom Greenpeace-Flaggschiff „Rainbow Warrior“ umgesiedelt.

Seit am 16. Juli 1945 in Neu-Mexiko die erste atomare Testbombe „Trinity“ gezündet wurde, haben allein die fünf offiziellen Atommächte USA, Russland (UdSSR), Frankreich, Großbritannien und China 2045 Tests durchgeführt — davon 528 oberirdische. Die Zahl tödlicher Krebserkrankungen durch solche Tests wird weltweit auf 430.000 geschätzt. Andere Schätzungen kommen bei den Todesopfern sogar auf zweistellige Millionenzahlen.

Ende Mai 1998 zündete Pakistan die bislang letzte Bombe; inzwischen wurden die meisten Tests durch Computersimulationen ersetzt. Das weltweite Versuchsverbot, von den USA eingehalten, aber nie ratifiziert, wackelt. Nordkorea werde die Existenz seiner Bombe bald per Test beweisen, fürchten Experten. Auch das Pentagon, das eine neue Generation von Nuklearwaffen in Auftrag gegeben hat, will nicht ausschließen, dass es dafür neue Tests unternimmt. Der atomare Wahnsinn ist nicht besiegt. Er gönnt sich nur eine Auszeit.