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Rheinisches Revier – Heimweh für immer

Greenpeace Magazin Ausgabe 6.13

Rheinisches Revier – Heimweh für immer

Text: Susanne Tappe Fotos: Chrstian Werner

Wie Wunden klaffen die Braunkohlegruben zwischen Düsseldorf und Aachen in der Landschaft. Bei den Menschen, die ihre Heimat verlieren, bleiben seelische Verletzungen, die nicht heilen wollen.  

Wie Wunden klaffen die Braunkohlegruben zwischen Düsseldorf und Aachen in der Landschaft. Bei den Menschen, die ihre Heimat verlieren, bleiben seelische Verletzungen, die nicht heilen wollen. Wie eine Glocke hängt die Stille über Immerath. Schritte hallen laut von den alten Backsteinhäuschen wider, die dicht an dicht die schmale Straße säumen. Fenster und Türen der Metzgerei und der Apotheke am Markt sind mit Spanplatten verrammelt, in den Auffahrten altes Laub und Moos, nirgends ein Mensch. Besucher senken unwillkürlich die Stimme wie auf einem Friedhof, die beklemmende Szenerie versetzt in Alarmbereitschaft. Es wirkt, als habe man den Ort evakuiert, aber warum?

Die Antwort liegt einen Kilometer entfernt hinter einem Absperrgitter. Im Nachbarort Pesch stehen wie auf einer Steilklippe noch sieben Häuser – den Rest scheint das Meer aus ockerfarbener, grauer und schwarzer Erde verschlungen zu haben, das sich darun­ter erstreckt. Monströse Bagger, in deren Schaufel­rädern Kleinwagen Platz hätten, wühlen sich durch die wellen­förmigen Schichten der Grube, und über allem liegt das unablässige Brausen ihrer Förderbänder.

Auf der Internetseite des größten deutschen Braunkohleförderers RWE klingt alles ganz harmlos: „Der Tagebau wird in einem großen Flügel nach Westen auf­ge­schwenkt, wobei etwa im Jahr 2017 die Autobahn 61 bergbaulich in Anspruch genommen wird.“ Im Klartext heißt das, Bagger machen Land- und Ortschaften dem Erdboden gleich. Nichts gebietet ihnen Einhalt: nicht die A61, die als Ersatz für die bereits abgebagger­te A44 auf Kosten von RWE zuvor noch dreispurig aus­gebaut wurde, nicht Denkmäler und Gotteshäuser.

In vier Jahren werden die Abrisskommandos vor dem „Immerather Dom“ stehen. Die imposante Kirche mit dem Doppelturm, 1891 aus Tuffstein im Stil der Neuromanik erbaut, ist das Wahrzeichen der Gegend. Marlies Bereit, Vorsitzende des Kapellenausschusses, ist über die bunten Mettlacher Kacheln zur Erstkommunion geschritten, hat unter dem mächtigen Gewölbe gesessen, als ihre beiden Töchter vor dem reich verzierten Altar getraut und ihre Enkelin im Marmor­becken getauft wurde. Nun muss sie die Aussegnung der Kirche organisieren. Am 13. Oktober wird das ewige Licht gelöscht. „Ich darf gar nicht daran denken, das wird so traurig“, sagt die 71-Jährige. „Da werden viele Tränen fließen.“ Nicht alle Gemeindemitglieder werden dafür in den alten Ort kommen. Viele wollen sich das nicht zumuten, lieber ihre Erinnerungen bewahren.

Lange hieß die Losung des Bistums „Kein Kirchen­land für Rheinbraun“, die Vorgängerin von RWE. Ge­mein­sam mit der Stadt, dem Landkreis und etlichen Bürgerinitiativen wehrten sich die Kirchen gegen ihren Plan, den Tagebau Garzweiler zu erweitern. „Wir haben uns an der alten Mühle zu Andachten unter freiem Himmel getroffen“, erinnert sich Marlies Bereit. „Und als über dem Dom die Sonne unterging, wurden Pechfackeln verteilt.“ Mehr als 4000 Menschen bildeten damals eine 33 Kilometer lange Lichterkette um das Gebiet, das den Baggern zum Fraß vorgeworfen werden soll. Das war 1985, der Beginn eines langen Kampfes.

Zehn Jahre des Hoffens und Bangens folgen, 19.000 Einwendungen gegen den Tagebau werden gesammelt. Davon unbeeindruckt genehmigt die SPD-geführte Lan­des­­regierung 1995 den Planungsentwurf. Bei der Land­tags­­wahl kurz darauf streichen die Grünen mit dem Ver­sprechen, Garzweiler II doch noch zu verhindern, ein Rekordergebnis ein, erreichen in den Koalitions­ver­hand­lun­gen aber lediglich die Verkleinerung der Abbaufläche. Seitdem steht fest: Bis 2045 werden 48 Quadratkilometer Land abgebaggert, 7600 Menschen verlieren ihre Heimat. Sie fühlen sich verraten, der Protest bricht zusammen. Als auch sämtliche Klagen für unzulässig erklärt werden, macht sich ein Gefühl der Ohnmacht breit. „Damit haben die Gerichte doch ganz klar gesagt: Ihr habt keine Rechte“, sagt Marlies Bereit.

Tatsächlich befindet sich Deutschland bergrecht­lich noch im Krieg. Um ihre Rüstungsindustrie mit Rohstoffen befeuern zu können, schrieben die Nazis 1937 die Möglichkeit der Enteignung ins Gesetz. Seitdem können sich Betroffene juristisch kaum zur Wehr setzen. Zwar sind sie seit 2006 klagebefugt, aber die Mühlen mahlen quälend langsam. Währenddessen haben die Nachbarn meist schon verkauft, das Dorf ist ver­waist, alles Ringen vergeblich. In Immerath kämpft nur noch einer um sein Recht auf Heimat. Er will vor dem Bundesverfassungsgericht eine Reform des Bergrechts erreichen. Interviews gibt er keine mehr.

Fast alle der 1300 Einwohner sind gegangen, gut die Hälfte an den vorgesehenen Umsiedlungsstandort. Das am Reißbrett geplante „Immerath (neu)“ hat nichts mit dem alten Ort gemein. Es wirkt wie ein Flickenteppich – ohne Kern, ohne Herz. Nichts ist natürlich gewachsen, nicht einmal Bäume gibt es. Auch Marlies Bereit ist dorthin gezogen. Aber angekommen? Sie zögert: „Mein Haus ist jetzt altersgerecht, das ist der einzige Vorteil“, sagt sie schließlich. „Es ist noch keine Heimat für mich.“ Ein neuer Dom wird nicht gebaut, nur eine kleine Kapelle. Schlicht und modern soll sie werden. „Wir wollen nicht zurückblicken, sondern fangen etwas Neues an, so wie 1891 mit dem Dom“, erklärt Bereit. Es klingt wie der Versuch, in allem etwas Gutes zu sehen.

Damit tut sich Wilfried Lörkens schwer. Am liebs­ten würde er sich wohl in seiner Burg verschanzen, doch auch die dicken Burgmauern von Haus Paland werden sich der Bagger nicht erwehren können. Dem 61-Jährigen läuft die Zeit davon: Bis 2015 muss er sich mit RWE geeinigt und Borschemich, ganz im Norden des geplanten Tagebaus, verlassen haben. Die denkmal­geschützte Wasserburg, um 1600 erbaut und seit fast 180 Jahren im Besitz der Familie, war einmal der inoffizielle Ortsmittelpunkt. „Als ich Kind war, liefen wir in der Pause auf dem Wassergraben Schlittschuh, die Schule war ja gleich gegenüber“, erzählt Wilfried Lörkens. „Und wenn Schützenfest war, stand bei uns auf der Wiese das Kinderkarussell.“ Das Grundstück mit der breiten Kieseinfahrt zwischen alten Eichen ist immer noch ein Idyll, durch den Ort aber geht Lörkens nicht mehr gern. Die verlassenen Nachbarhäuser ver­fallen, werden geplündert und zerstört. Buntmetalldiebe reißen nachts Leitungen aus den Wänden, und schon zweimal legten Unbekannte Feuer. Inzwischen lässt RWE einen privaten Sicherheitsdienst durch die Straßen patrouillieren.

Hierbleiben kann Wilfried Lörkens nicht, aber wo soll er hin? Kurz hat er darüber nachgedacht, sich ein zweites Haus Paland in „Borschemich (neu)“ zu bauen. Dort ist er mit allen per Du. „Aber eine Burg im Neu­bau­gebiet, das sieht doch aus wie gewollt und nicht gekonnt, da macht man sich doch lächerlich.“ Dann hat er deutschlandweit nach Wasserburgen gesucht. „Im Osten gibt es einige, aber da kenne ich keinen. Wie man es auch dreht und wendet, die Heimat bekommt man nicht zurück.“ Auch die Entschädigungsverhandlun­gen mit RWE bereiten ihm Sorgen. „Das geht einem alles so nah. Ich war immer öfter krank, ein chronischer Hus­ten, der Magen. Irgendwann hat mein Arzt mich in den Urlaub geschickt – möglichst lange, möglichst weit weg.“ Nun hat Lörkens sich selbst verordnet, loszulas­sen. Der Burgherr wird wohl in die Neubausiedlung ziehen.

Familie Schmitz kann das nicht, selbst wenn sie wollte. Denn was ist ein Landwirt ohne Land? Der Egge­rather Hof liegt umgeben von Feldern und versteckt hinter Bäumen in der Nähe von Holzweiler, dem letzten Ort, der Garzweiler II geopfert werden soll. Seine Geschichte reicht 1000 Jahre zurück, seit fünf Generationen ist er in Familienbesitz. Petra und Rolf Schmitz haben viel Zeit, Kraft und Geld aufgeboten, um den Betrieb fit für die Zukunft zu machen. Denn das histori­sche Hofbild steht unter Denkmalschutz, jede noch so kleine Veränderung muss genehmigt werden. „Wir haben immer argumentiert, dass wir Geld verdienen müssen, um den Hof erhalten zu können“, erzählt Petra Schmitz. „So durften wir schließlich die moderne Kartoffellagerhalle hinter die alten Mauern und die Fotovoltaikanlage aufs Dach bauen.“ Ihr Schwieger­vater habe sie für verrückt erklärt, in etwas dem Tode Geweihtes zu investieren, denn für den Bergbau gilt kein Denkmalschutz. „Aber wir haben uns entschieden, so zu leben, als ob die Bagger nicht kämen“, sagt die 57-Jährige. „Wir wollten nicht unser ganzes Leben dieser bedrückenden Situation unterordnen.“

Doch die Bagger rücken näher, bei klarem Himmel kann Petra Schmitz sie schon in der Ferne sehen. Sie fressen sich durch das Land, die Existenzgrundlage der Familie. „Der Lössboden der Erkelenzer Börde ist besonders fruchtbar“, erklärt die Agrarwirtin. Nach solcher Qualität wird ihr Sohn Stephan, der die Hof­­nach­folge antritt, lange suchen müssen – und weit weg. Erkelenz verliert ein Drittel seines Stadtgebietes, und nur die Hälfte der Flächen wird nach dem Abbau re­kul­­­­tiviert. Die Ländereien des Hofes werden in einem rie­si­gen See versinken, fast so groß wie das Stein­huder Meer und bis zu sechzigmal so tief. „Vielleicht kann Stephan in Polen oder Tschechien einen neuen Eggerather Hof aufbauen. Aber es wird schwer für ihn. Ein echter Rheinländer braucht den Kölner Dom in seiner Nähe, sonst bekommt er Heimweh.“