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Greenpeace Magazin Ausgabe 3.05

Süßes Versprechen

Text: Kirsten Brodde

Der Süßwarengigant Mars verkauft Schokoriegel, die angeblich vor Herzinfarkt und Schlaganfall schützen.

Ich will keine Schokolade, ich will lieber einen Mann“, trällerte die dralle Kölner Ulknudel Trude Herr vor fast fünfzig Jahren. Niemand will hier die Männer schlechtmachen, aber die süßeste Versuchung soll heute ein schwarz-braun glänzender Schokoriegel namens „CocoaVia“ sein. Die neue Kreation des US-Schokogiganten Mars, der auch Snickers, Twix oder M&Ms verkauft, macht sich allerdings reichlich rar, denn bisher ist der 23 Gramm leichte Schokoriegel nur übers Internet zu haben.

Wer nach der ersten Lieferung nicht sofort kündigt, erhält allerdings (in den USA) fortan für 30 Dollar alle sechs Wochen 30 Schokoriegel – wahlweise mit Mandel-, Kirsch- oder Heidelbeergeschmack.

Gemeinhin gilt: Schokolade macht dick, lässt Pickel sprießen und ruiniert die Zähne. Großspurig behauptet Mars nun, dass sein neuartiges Naschwerk vor Herzinfarkt und Schlaganfall schütze. CocoaVia, so die unterschwellige Botschaft, verlängere das Leben.

Schokolade als Medizin, ist das nicht übertrieben? Immerhin 15 Jahre hat Mars am Innenleben der Kakaobohne geforscht, einem der Hauptbestandteile von Schokolade, und deren pflanzlichen Inhaltsstoffen, den Flavonoiden. Auf Basis dieser Studien hat Mars Patente für dutzende neuer Verfahren zur Herstellung von Kakaoprodukten angemeldet. Kakao kann laut Mars als Tablette oder in Kapseln gefüllt die „Gefäßgesundheit erhalten“ oder als „Anti-Plättchen-Therapie“ dienen – also verhindern, dass die Blutgefäße verstopfen, was Herz und Hirn schont. 17 Milliarden Dollar Umsatz macht Mars bereits heute jährlich mit „Candy“, Süßigkeiten, und hofft nun auf neue fette Gewinne durch die als gesund verkauften Schokoriegel.

Nun ist Essen auf Rezept keine neue Idee. Die Lebensmittelindustrie plant seit Jahren, ihre Kunden nicht nur satt, sondern auch gesund zu machen. Solches „Functional Food“ soll bis 2010 ein Viertel aller Lebensmittel ausmachen. Bisher werden vor allem Milchprodukte angeboten, etwa „probiotische“ Jogurts, die mit Milchsäure- oder Bifidobakterien angereichert sind, oder „prebiotische“ Drinks, die Ballaststoffe enthalten. Beides soll gut für die Darmflora sein. Bekannt wurde auch eine cholesterinsenkende Margarine, die über so genannte Phytosterole die Blutfettaufnahme im Körper verringert.

Neu ist nun, dass bisherige Tabu-Produkte für eine gesunde Ernährung – wie Schokoriegel – ein besseres Image bekommen sollen, obwohl Ernährungswissenschaftler sie für „wenig günstig“ halten und gar als Dickmacher schmähen, weil sie zur Hälfte aus Kohlehydraten bestehen und ungesunde gesättigte Fette enthalten. Mit 500 Kalorien pro Tafel Schokolade ist schon ein Viertel des täglichen Energiebedarfs gedeckt – von Keks und Karamell, die Schokoriegel zusätzlich aufpeppen, ganz zu schweigen.

Und um die Gefäße zu schonen, gibt es sicher Besseres als Schokolade. Kampf dem Herzinfarkt mit Zucker und Kakao? Internisten raten, mit dem Rauchen aufzuhören und jeden Tag eine halbe Stunde spazieren zu gehen. Die süße Alternative tauge nichts.

Harold Schmitz, Biologe und Forschungsdirektor bei Mars in Hackettstown, New Jersey, ficht das nicht an. Auf dem „Cocoa Symposium 2004“ in Washington berichtete er, dass Schokolade mit jeder Studie an „Stärke gewinne“ – teure Forschung, die Mars selbst finanziert hat. Die Firma stecke indirekt hinter mindestens 70 Artikeln in wissenschaftlichen Fachmagazinen, schreibt US-Autor Mort Rosenblum in seinem jüngst erschienenen Buch über Schokolade.

Freimütig bekennt etwa der Harvard-Mediziner Norman Hollenberg, seine Forschung sei ohne Mars nicht möglich. Der Forscher fand exakt jene guten Neuigkeiten, von denen Mars träumte. So senken Flavonoide, pflanzliche Inhaltsstoffe der Kakaobohne, den Blutdruck und damit auch das Risiko von Herz-Kreislauf-Krankheiten. Carl Keen, der oberste Ernährungswissenschaftler der Universität von Kalifornien in Davis, bestätigte zudem, dass Flavonoide das Zusammenkleben von Blutplättchen verringerten und damit das Risiko von Thrombosen. Zudem wies er bei Flavonoiden den entzündungshemmenden Effekt nach, für den auch Aspirin berühmt ist. In Keens Labor hatte Mars laut New York Times mindestens 800.000 Dollar gepumpt.

Sind die Forscher befangen oder ist was dran an der Kakaobohnen-Power? Reinhard Lieberei, Kakaoforscher an der Uni Hamburg hält Flavonoide zwar grundsätzlich für nützlich. Dass Schokoriegel der beste Weg sind, sie zu sich zu nehmen, bezweifelt er aber. Lieberei rät eher zum maßvollen Genuss von Rotwein – weil auch in Trauben Flavonoide enthalten sind. Noch geschickter wäre es, auf den Alkohol zu verzichten und nur die roten Trauben zu verzehren. Zudem stecken auch in grünem Tee, Äpfeln sowie Beeren und Mohrrüben jene pflanzlichen Substanzen, die der Botaniker Lieberei und seine Kollegin Christina Rohsius in ihrem Labor analysieren.

Normale Schokolade liefert ohnehin nur wenig Flavonoide, denn üblicherweise werden dem Kakao durch Fermentation und Rösten während des Schokolademachens die meisten der gesunden Substanzen ausgetrieben. Offenbar hat Mars allerdings eine bessere Bohne und ein besonders schonendes Verfahren gefunden, um ihren Anteil höher zu halten.

Reicht das aus, um die schädlichen Folgen von Schokoriegeln zu kompensieren und Mars Absolution zu erteilen? „Es bleibt eine Süßigkeit und ist keine gesunde Sache, auch wenn Mars das behauptet“, sagt Marion Nestle, streitbare Ernährungsspezialistin von der New York University. Der Schokoriegel sorge bei Leuten für ein gutes Gewissen, die ihren Lebensstil nicht ändern wollten (siehe Interview). „Die verführerische Botschaft ist: man kann unbegrenzte Mengen davon essen, weil es doch angeblich gesund ist“, erklärt Nestle, die in ihrem New Yorker Büro ein ganzes Warenlager an Süßigkeiten mit Gesundheitsbotschaft beherbergt – rein zu Forschungszwecken natürlich, die 68-Jährige ist gertenschlank.

So umstritten der ganze Naschkram ist, in den USA ist Werbung mit solchen „health claims“ an der Tagesordnung. Sogar auf Gummibärchen oder auf Frühstücksflocken mit Schokogeschmack prangt das Siegel der „American Heart Association“ – selbstverständlich zahlen die Hersteller für die Empfehlung der Herzspezialisten. Wieviel, wird nicht verraten. „Europa wird dabei nachziehen“, prognostiziert Nestle. Doch soweit ist es noch nicht. Im Juli 2003 hat die EU-Kommission einen strengen Entwurf zu „nährwert- und gesundheitsbezogenen Angaben“ von Lebensmitteln vorgelegt. Jedes Gesundheitsplus, das ausgelobt werden soll, muss vorher geprüft und zugelassen werden. Der Bundesverband der Süßwarenindustrie nannte das Regelwerk bereits „überzogen“ und „verfehlt“. Selbst gegen ein Verbot von speziell an Kinder gerichteten Werbespots wehrt sich der Bonner Industrieverband. In Schweden und Norwegen sind die verführerischen Spots für unter zwölfjährige dagegen schon vom Bildschirm verbannt.

Süßigkeiten werden aber sicher weiter auf dem Einkaufszettel stehen – und natürlich forscht nicht nur Mars daran, auch wenn man sich bei der Konkurrenz zurückhaltend gibt. Milka-Hersteller Kraft Foods aus Bremen bestätigt nur, dass der Konzern derzeit alle Rezepturen im Rahmen seines „Healthy living“-Programms prüfe.

Alles Zukunftsmusik, doch im Greenpeace Magazin wurde die neue Schoko-Generation schon einmal vorgekostet, schließlich sollen wir alle täglich „CocoaVia“-Riegel vertilgen. Der Test ging für Mars nicht gut aus. Die Schokolade sei zu weich, knacke nicht beim Reinbeißen, und der Puffreis in der Grundmasse sei ein störender Kontrapunkt zur eigentlichen Schokolade. Kurzum: Das Zeug schmeckt nicht.

„Das ist schlicht Quatsch“

Die amerikanische Ernährungswissenschaftlerin Marion Nestle über Schokoriegel gegen Herzinfarkt

GPM: Die Schokoladenindustrie behauptet: Schokolade ist gesund, schützt sogar das Herz. Werden wir länger leben, wenn wir Schokoriegel essen? Marion Nestle: Nein, aber vielleicht sind wir glücklicher. Im Ernst: Schokolade ist eine Süßigkeit und Süßigkeiten haben keinen Platz in einer gesunden Ernährung. Daran kann auch die Industrie nichts ändern, egal wie hart sie daran arbeitet.

Die Werbung suggeriert aber, statt weniger zu rauchen und mehr Sport zu treiben, könne man auch mehr Schokolade essen, um gesund zu bleiben. Was für eine lächerliche Behauptung. Die amerikanische Schokoladenindustrie macht es rasend, dass in anderen Ländern mehr Schokolade gegessen wird als in den USA. Und so pumpen sie Geld in Werbung, um Schokolade gesünder erscheinen zu lassen als sie ist. Mars hat vor Jahren sogar Zahnärzte an der New York University bezahlt, um zu beweisen, dass Schokolade keine Karies verursacht.

Aber die neue Forschung zu gesunden Inhaltsstoffen der Kakaobohne, die Mars finanziert hat, ist in renommierten Journalen veröffentlicht worden. Warum stehen Sie dem skeptisch gegenüber? Mars hat die Studien so angelegt, dass genau die sensationellen Ergebnisse herauskamen, die sie hören wollten. Viel wurde noch in einer Zeit veröffentlicht, als es üblich war, Sponsoren nicht zu nennen. Heute verlangen viele Journale, dass die Autoren ihre finanziellen Verstrickungen offenlegen. Das ist ein Schritt in die richtige Richtung.

Glauben die Kunden all die guten Nachrichten, die da auf Produkten stehen? Natürlich. Sie hören es gern, dass sie ihren Lebensstil nicht ändern müssen. Sie wollen ja lieber im Supermarkt ordentlich einkaufen und alles unbegrenzt essen können. Inzwischen steht fast auf jedem Nahrungsmittel eine an den Haaren herbeigezogene Gesundheitsbehauptung. Europa wird da sicher nachziehen. Schließlich können sich die Hersteller auf einem übersättigten Markt von ihren Konkurrenten absetzen, indem sie ein Gesundheitsplus versprechen.

Gibt es denn in den USA niemanden, der die Werbung kontrolliert und die Verbraucher aufklärt? Für die Zulassung von „health claims“ ist eigentlich die Federal Drug Administration (FDA) zuständig, aber die nehmen ihre Verantwortung nicht wahr. Der amerikanische Kongress hat die FDA angewiesen, sich zurückzuhalten und sich großspurig auf die Verfassung berufen, die Meinungsfreiheit garantiere – auch für die Lebensmittelindustrie. Ich finde es lächerlich, dass die Gründerväter Amerikas sich an einen Tisch gesetzt haben sollen, um zu überlegen, wie sie die Rechte der Schokoladenhersteller schützen können. Ich bin gegen jede Werbeaussage auf Nahrungsmitteln. Essen gegen Herzinfarkt – das ist schlicht Quatsch. Wie viele Schokoflocken oder Marshmallows soll ich denn essen, um beispielsweise meinen Cholesterinspiegel zu senken?

Sie argumentieren, dass die Lebensmittelindustrie zumindest zu einem Teil Verantwortung trägt für die Epidemie der Fettleibigkeit in Industriestaaten. Was muss geschehen, damit der Kampf gegen die Pfunde erfolgreich ist? Einschränkungen beim Verkauf von Süßigkeiten und Limonaden an Schulen sind schon mal eine gute Idee. Alle Produkte sollen ausführlich gekennzeichnet werden. Auch in Restaurants sollten bei allen Speisen Kalorienangaben stehen. Bei Werbung für eindeutig Ungesundes muss es Grenzen geben, Werbespots im Fernsehen, die sich gezielt an Kinder richten, gehören wie in Skandinavien verboten. Auf die intensive Debatte um gesunde Ernährung musste die Industrie immerhin schon reagieren. Ohne solchen Streit hätten wir wohl nicht einmal Vollkornprodukte in den Regalen – so viel ist sicher.

Marion Nestle, 68, ist Ernährungswissenschaftlerin an der New York University in Manhattan. In ihrem Buch „Food Politics“ prangert sie die Verführungstricks der Lebensmittelindustrie an. Sie ist nicht verwandt mit den Gründern des gleichnamigen Lebensmittelkonzerns.