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Greenpeace Magazin Ausgabe 2.17

Schlachten gehört zur kulinarischen Bildung

Darf man Fünfjährigen das Töten von Tieren zeigen? Drei Fragen an Ursula Hudson vom Verein „Slow Food“, der für bewusste Ernährung eintritt

Der Ausflug eines norwegischen Kindergartens zu einer Rentierschlachtung hat im Netz Empörung ausgelöst. Warum? Ich glaube, dass wir uns weit von einer Normalität im Umgang mit Lebensmitteln entfernt haben. Dass für den Sonntagsbraten mal ein Tier sterben musste, daran denkt doch heute keiner mehr. Das Töten von Tieren ist aber ein Bestandteil unserer Ernährungsweise. Deswegen gehört es zur kulinarischen Bildung, auch bei Kindern.

Fürchten Sie nicht, dass das Kinder traumatisiert? Wenn es gut vorbereitet ist und der Rahmen stimmt, nein. Meine Kinder haben einmal beim Schlachten eines Huhns geholfen. Statt traumatisiert kamen sie mit einer entscheidenden Frage zurück: Was essen wir da eigentlich? Das eröffnet ein wichtiges Gesprächsfeld. Das Töten ist ein ungeheurer Vorgang. Mit je mehr Respekt vor der Kreatur dieser vollzogen wird, desto gewichtiger wird er. Wenn man ihn erlebt, entsteht ein neues Verhältnis zum Tier als Lebensmittel. Ich würde mit Kindern aber nie in einen automatisierten Schlachtbetrieb gehen. Da geht es nicht mehr um die Handlungskette: Mensch und Tier, Tier und Tod, Tod und Lebensmittel, sondern um ein reines Industrieprodukt.

Aber mit diesem pädagogischen Schlachten vermittelt man doch, das Töten von Tieren sei normal. Dass ein Kind einen Schlachtvorgang sieht, heißt noch lange nicht, dass man das Töten von Tieren in Masse legitimiert. Mit dem Verdrängen des Todes aus unserem Leben schließt man die Möglichkeit aus, zu differenzieren. Ich ziehe vor jedem Vegetarier den Hut. Das ist ein Mittel, den Fleischkonsum zu reduzieren. Aber nur eines unter vielen. Die derzeitige Front zwischen Vegetariern und Fleischessern ist unproduktiv. Wir müssen gesamtgesellschaftlich darüber nachdenken, wie wir unsere Lebensmittel produzieren wollen. Dafür müssen wir näher an ihnen dran sein: Das kann im Garten in der Schule passieren – oder beim Schlachten eines Kaninchens oder Rentiers.

Interview: Frauke Ladleif