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Schlachtfelder

Greenpeace Magazin Ausgabe 1.15

Schlachtfelder

Text: Susanne Tappe Fotos: Peter Hebeisen

Kein Kontinent wurde im 20. Jahrhundert so sehr von Kriegen zerfurcht wie Europa. Verdun oder Stalingrad stehen stellvertretend für millionenfaches Leid. Peter Hebeisen besuchte die Schlachtfelder

Es ist früher Morgen. Ein schmaler rosa Schimmer am Horizont kündigt die Sonne an. Das Schwarze Meer darunter glänzt silbergrau. Die Fenster der Häuser am Ufer sind alle noch dunkel. Die Szene strahlt absolute Ruhe aus.

Die Stille nach dem Sturm. Denn das Foto, das fast wie ein Gemälde der Romantik wirkt, zeigt die Ausläufer von Sewastopol auf der Krim. Vor der schroffen Küste ertranken 1944 beim von Adolf Hitler erst viel zu spät erlaubten Rückzug der deutschen Truppen 40.000 Menschen. Viele Offiziere erschossen sich selbst, um nicht dem Feind in die Hände zu fallen. „Als ich das Foto im Sommer 2008 aufgenommen habe, lag der dramatische Höhepunkt bereits lange zurück, Othello war sozusagen längst tot. Ich stand auf der leeren Bühne und die Bilder der Schlacht tobten vor meinem inneren Auge“, erzählt Fotograf Peter Hebeisen.

Erschüttert durch die Nachrichten über die Belagerung von Sarajevo durch die Serben und frustriert von der Unfähigkeit Europas, darauf zu reagieren, hatte der 58-Jährige seit Mitte der Neunzigerjahre nach einem Konzept gesucht, die Schrecken des Krieges zu visualisieren. „Dabei habe ich gemerkt, dass ich mir unter Sarajevo gar nichts vorstellen kann, weil die Medien immer nur das Offensichtliche zeigen, Verwundete, Sterbende und zerfetzte Leichen. Sie bedienen unsere Konsumhaltung. Wir schauen, aber das Grauen erreicht uns nicht.“

Mit seinen Landschaftsaufnahmen setzt Peter Hebeisen dem Zerstörerischen des Krieges die Erhabenheit (und Gleichgültigkeit) der Natur entgegen, die viele Schlachtfelder zurückerobert hat. Der Kontrast zwischen der poetischen Bildsprache und den grausamen Fakten im Anhang irritiert und regt zum Denken an, die Ruhe der Bilder lässt dafür den nötigen Raum. (...)

Die Orte wählte Hebeisen zusammen mit einem Historiker nach den Kriterien Anzahl der Opfer, Dauer der Schlacht, Auswirkung auf den Kriegsverlauf und Anwendung neuer Technologien aus. „Ich beschloss, mich auf das 20. Jahrhundert zu konzentrieren, das mit 160 Millionen Opfern als Zeitalter der industriellen Kriegsführung in die Geschichte eingegangen ist.“ Unter „Verluste“ sind Tote, Verletzte, Vermisste und Gefangene zusammengefasst.

Der Fotograf wollte die Kriegsschauplätze nicht anfliegen wie ein Nachrichtenreporter. Stattdessen kaufte sich der Schweizer einen Kleinbus und legte insgesamt 40.000 Kilometer zurück. Aufgewachsen im Kalten Krieg, lernte er bei diesen Reisen Osteuropa kennen.

„Ich arbeite mit Langsamkeit. Ich fahre sehr bewusst in die Landschaft hinein, versuche die Topografie und die Geostrategie der Schlacht zu verstehen und suche dann nach einer Perspektive, durch die ich alles in einem Bild verdichten kann. Zuerst gehe ich also sehr rational vor, am Schluss entscheide ich rein emotional.“

Es fasziniere ihn, welche Wandlung ein Ort durch die Zäsur des Krieges erfährt – vor allem in der Erinnerung der Menschen. „Nehmen wir Stalingrad. Vor dem Zweiten Weltkrieg war das nur eine Industriestadt, heute ist es ein Mythos.“

In den Bildern von Peter Hebeisen herrscht Frieden, doch der ist immer zerbrechlich. Dafür ist Sewastopol das jüngste Beispiel.


Peter Hebeisen: Battlefield. Hatje Cantz 2014, 144 Seiten, 95 Abbildungen, 39,80 Euro