Greenpeace Magazin Ausgabe 5.14

Schoßhunde der Mächtigen

Text: Vito Avantario

Glenn Greenwald legt die Geschichte hinter der NSA-Affäre vor und rechnet mit Kollegen ab

Als Greenwald Reporter der britischen Tageszeitung The Guardian war, wirkte er auf seinen Chef wie ein Bessessener. „War Glenn getrieben von einer Sache, dann war er nicht aufzuhalten und nahm kein Blatt vor den Mund, auch wenn ihm das persönlich Nachteile bringen konnte“, sagt Alan Rusbridger. Der Chefredakteur hatte den Blogger und ehemaligen Anwalt 2012 gegen die Widerstände der eigenen Redaktion geholt, die nicht wusste, was sie von einem bloggenden Juristen zu halten hatte.

Ein Jahr später lockte ein gewisser Edward Snowden den Journalisten nach Hongkong. Greenwald deckte den NSA-Skandal auf. Nun hat er ein Buch darüber geschrieben, das sich von der ersten bis zur letzten Zeile nicht nur wie eine Klageschrift gegen die US-Regierung liest, sondern auch gegen die Medien im politischen Washington.

Als der heutige Präsident Barack Obama noch Senator von Illinois war, hatte er sich für einen besseren Informantenschutz eingesetzt. Seit der NSA-Affäre geht Obamas Regierung mit zuvor ungekannter Härte gegen kritische Journalisten vor: Auf der Suche nach den Quellen eines Berichts über einen geheimen CIA-Einsatz ließ das Justizministerium etwa Telefonverbindungsdaten der Nachrichtenagentur Associated Press beschlagnahmen. Reporter David Sanger von der New York Times geriet wegen Recherchen über geheime Computerangriffe auf den Iran ins Visier der Ermittler.

Journalisten, die politisch Mächtige herausfordern, zu verfolgen, zu diffamieren oder gar ganz aus dem Verkehr zuziehen, hat Tradition: Als besonders taugliche Methode hat sich etwa erwiesen, von der Regierungslinie abweichende Meinungen auf Persönlichkeitsstörungen zu rückzuführen – in der früheren Sowjetunion wurden kritische Journalisten in psychiatrischen Anstalten weggeschlossen. China diffamiert Staatskritiker, indem es sie für unzurechnungsfähig erklärt.

In den USA übernahmen seine Ausgrenzung die Kollegen selbst, schreibt Greenwald: Einen Tag, nachdem er seinen ersten Artikel über die NSA veröffentlicht hatte, wurden in US-Medien Stimmen laut, die dem ehemaligen Anwalt die Seriosität als Journalist absprachen, indem sie ihn als „Blogger“ und „Aktivisten“ degradierten. Die New York Times (NYT) brachte strafrechtliche Konsequenzen gegen Greenwald ins Spiel, indem sie Gabriel Schoenfeld zitierte, einen ehemaligen politischen Berater der Republikaner. Schoenfeld ist in den USA bekannt dafür, die Verfolgung von Journalisten zu fordern, die seiner Ansicht nach Geheimnisverrat begehen. Greenwald hielt er in dem NYT-Artikel für einen „hochprofessionellen Fürsprecher für alle Arten von Antiamerikanismus“.

Der Nachrichtensender CNN ließ Alan Dershowitz auftreten, einen New Yorker Anwalt und politischen Kommentator, der Greenwald attestierte, sich mit seinen Veröffentlichungen „im kriminellen Bereich“ zu bewegen. Das Revolverblatt New York Daily News veröffentlichte Gerüchte über Greenwalds Schulden, die schon lange ausgeglichen waren.

Greenwalds wütende Medienkritik nimmt 64 Seiten ein. Am Ende schlägt er versöhnliche Töne an. „Viele Journalisten der von mir kritisierten Medien haben mich auch unterstützt“, schreibt er zwar. An dem miserablen Zustand der in der Verfassung festgeschriebenen Pressefreiheit in den USA ändert das aber nichts: In der aktuellen Rangliste von Reporter ohne Grenzen sind die USA auf Rang 46 abgerutscht. Surinam, El Salvador und Samoa garantieren derzeit eine freiere Presse.

Glenn Greenwald: Die globale Überwachung. Droemer 2014, 368 Seiten, 19,99 Euro