Greenpeace Magazin Ausgabe 2.99

Schröders Kniefall

Greenpeace-Experte Roland Hipp über Rot-Grün und die atomare Wiederaufarbeitung

Sie heißen „Wiederaufarbeitungsanlagen“, doch sie sind Anla-gen für die Vermehrung des Atommülls. Wer eine Tonne Atommüll nach La Hague in Frankreich oder Sellafield in Großbritannien schickt, bekommt volumenmäßig das 18fache zurück. Sinnvolle, wiederverwertbare Produkte entstehen dabei nicht. Die Anlagen leiten hochgiftiges Plutonium und strahlendes Americium in den Ärmelkanal und die Irische See. Proben vom dortigen Meeresboden wurden vom deutschen Zoll als Atommüll beschlagnahmt. Auch Tauben aus der Nähe von Sellafield strahlen so sehr, daß sie als Atommüll entsorgt werden müssen. Sogar in Milchzähnen von Kindern wurde Plutonium gefunden. Halbwertzeit 24.000 Jahre.

Die neue rot-grüne Bundesregierung hatte sich in ihrem Koalitionsvertrag das Ziel gesetzt, die Wiederaufarbeitung sofort zu verbieten. An den Fakten hat sich seither nichts geändert. Und doch entschied Bundeskanzler Schröder Ende Januar, daß die deutschen Akw-Betreiber so lange ihren Atommüll nach England und Frankreich verschieben dürfen, wie sie wollen. Die ehrenwerten Herren der Atomindustrie müssen nur das „Bündnis für Arbeit“ in Frage stellen, und schon macht der Bundeskanzler jede Unanständigkeit mit. Diese Regierung ist offenbar nicht in der Lage, einen Zustand zu beenden, den sie selbst als himmelschreiende Sauerei erkannt hat. Auch der grüne Bundesumweltminister Trittin machte keine gute Figur: Die Verbreitung von Spaltprodukten in die Umwelt geht weiter.

Und das alles nur, weil die Atombetreiber sich nicht rechtzeitig um die Entsorgung ihrer Brennstäbe gekümmert haben. Jedes kleine Fotolabor wird stillgelegt, wenn es nicht Auffangbehälter für seine verbrauchten Chemikalien beschafft. Die Atomindustrie aber wird mit anderem Maß gemessen: Weil die Atomspalter nicht wissen, wie sie ihre abgebrannten Brennstäbe sonst los werden sollen, dürfen sie den Dreck weiter ins Meer pumpen!

Das vage Gerede über den Ausstieg eines fernen Tages täuscht nicht darüber hinweg, daß sich die Atomindustrie bisher in jeder wichtigen Frage gegen Rot-Grün durchgesetzt hat. Was der Kanzler Konsens-Gespräche nennt, ist ein Kartell der Umweltzerstörer und Besitzstandswahrer. Über die deutsche Energiezukunft redet die Bundesregierung nur mit den Atomkraftwerksbetreibern. Das ist so, als würde bei der Neuregelung des Staatsbürgerschaftsrechts nur mit den Republikanern verhandelt. Wirtschaftsminister Müller erwägt, den Atomkonzernen im Rahmen der Gespräche auch noch die Sicherung ihres Monopols über die Stromnetze zuzusagen. Damit belohnt er Falsches mit Falschem.

Dieser „Energie-Konsens“ wird nicht viel nützen. Nicht dieser Regierung, die sich als Umfaller-Kabinett lächerlich macht. Er nützt auch nicht dem Land, denn die wichtigen Weichenstellungen für Energiesparen, effiziente Energieerzeugung und regenerative Energien werden den Atomkonzernen geopfert. Dieser Konsens wird aber auch nicht der Atomindustrie nützen: Nach den Lügen über die verstrahlten Castor-Transporte war dieser Durchmarsch zu unverschämt. Mit Lügnern macht man keine Geschäfte.