Guten Abend,

Sie erinnern sich bestimmt noch an die Bilder vom Jahresanfang: windzerzauste Niederländer beim Einsammeln von Spielzeug, Schuhen, Möbeln, Fahrradteilen und Flachbildfernsehern an den Stränden von Terschelling, Texel, Ameland oder Schiermonnikoog. Keine verspäteten Geschenke, die dem Weihnachtsmann vom Schlitten gefallen waren, sondern Teile der Ladung des Containerfrachters MSC Zoë. In der Nacht vom 1. auf den 2. Januar 2019 hatte das Schiff, unterwegs von Portugal nach Bremerhaven, während eines Nordweststurms nördlich der niederländischen Watteninseln 291 von rund 8.000 Containern verloren. Achtzehn Container wurden an Land gespült, über 200 sanken nahe Terschelling auf den Meeresboden. Bald wurde auch auf Borkum jede Menge Strandgut gesichtet.

Während die Medien zunächst mal darüber informierten, ob man denn angespülte Gegenstände behalten dürfe (in den Niederlanden ja, in Deutschland nein), machten sich Freiwillige ans Aufräumen, darunter auch ein Team von Greenpeace. Denn es waren ja nicht nur Konsumgüter, die von Wind und Wellen auf den Inseln angetrieben wurden, sondern auch reichlich Unerwünschtes: Verpackungsmaterial wie Polystyrolschaum, Folie oder Kunststoffgranulat, sprich Mikroplastik. Man kann sich vorstellen, wie mühsam sich sowas wegräumen lässt – und was für eine Sisyphusarbeit das ist, weil mit jeder Flut wieder neuer Müll ans Ufer schwappt.

Die MSC Zoë hatte ferner Gefahrgut an Bord, nicht unüblich für Frachtschiffe. Auf Schiermonnikoog wurden zwei Säcke mit einem Gemisch aus Peroxiden (Bleichmittel, ätzend) und Phtalaten (Weichmacher, hormonell wirksam) gefunden. Wie sich später anhand der Ladelisten herausstellte, befanden sich in einem Container auch 457 Kisten mit Lithium-Ionen-Akkus.

Plastik am Strand ist beileibe nicht nur ein ästhetisches Ärgernis für Touristen. Wie viel davon sich bis heute in den Meeren verteilt hat, lässt sich nur grob schätzen, es dürften so um die 150 Millionen Tonnen sein. Jedes Jahr kommen laut Greenpeace bis zu 13 Millionen Tonnen dazu. Für sensible Ökosysteme wie Nordsee und Wattenmeer können aber schon kleine Mengen verheerend sein. Das Zeug landet in den Mägen von Seevögeln, Walen oder Fischen. Größere Plastikteile werden mit der Zeit von Wind, Wellen und UV-Strahlung zu Mikroplastik zerrieben, an dem sich Giftstoffe anlagern können. Damit haben dann nicht nur Fische und Schalentiere zu tun, sondern auch die Menschen, auf deren Tellern sie landen.

Ob das dem menschlichen Organismus schadet, ist noch nicht bekannt. Ich fürchte aber, wir sind derzeit unfreiwillige Versuchskaninchen in einem großangelegten Plastikverzehrexperiment. Zwar sind wir es selbst, die all die Gefrierschränke, Vliesdecken, Autoreifen, Kompressoren, LED-Leuchten, Matratzen, Vakuumschläuche und Gartenmöbel kaufen, aber dass das ganze Zeug eines Tages feingeschrotet wie Max und Moritz nach ihrem letzten Streich in unserem eigenen Verdauungssystem endet, das wollten wir eigentlich nicht. Bis aber alle Welt Plastikdiät hält und Konsumverzicht übt, wäre mehr Schiffssicherheit eine gute Idee – schließlich werden 90 Prozent des Welthandels auf dem Seeweg abgewickelt. Weshalb hier auch eine verwirrende Vielzahl von Akteuren mit unterschiedlichen Interessen mitmischt: Reedereien, Charterer, Behörden, Politik, Staaten mit laxen Regulierungen und nachlässigen Kontrollen, internationale Gremien…

Kurz nach der Havarie der MSC Zoë forderte die Bundesregierung, Container müssten mit Peilsendern ausgerüstet werden. Das geht nicht ohne internationale Abstimmung, wird also auch nicht von heute auf morgen passieren. Intakte Container ließen sich damit aufspüren. Ist so eine Kiste aber erst mal aufgebrochen, hilft es auch nicht weiter. Dann sorgen Meeresströmungen dafür, dass der Inhalt weiterverteilt wird. Nach Auffassung von Experten der niederländischen Universität Wageningen in diesem Fall „in östlicher und dann nördlicher Richtung, über Deutschland und Dänemark nach Norwegen und weiter in die Polarregion“. Bis er schließlich in der Barentssee ankommt, irgendwo zwischen Spitzbergen und Nowaja Semlja. Noch so ein hochsensibles Ökosystem. In Teilen der arktischen Tiefsee hat sich die Müllmenge in den letzten zehn Jahren bereits verzwanzigfacht.  

In schwerer See // Unsere Leseempfehlungen zum Wochenende

Kerstin Eitner
Redakteurin

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