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Greenpeace Magazin Ausgabe 3.05

Sechs Menschen und ihr Leben mit Chemie

Text: Anja Martin

Klaus Wiedenhorst, 52, Schwimmbadleiter

„27 Jahre lang arbeite ich jetzt als Schwimmmeister. Wenn man mit Chlorgas umgeht, dann macht man sich schon Gedanken – gerade auch durch die vielen Berichte über Unfälle. Bei jedem Flaschenwechsel musste man eine Atemmaske aufsetzen. Seit wir auf ein alternatives System umgestellt haben, ist es hier so sicher wie das Amen in der Kirche. Sogar einen Gefahrstoffpreis haben wir bekommen, und es riecht nicht mehr nach Schwimmbad.“

Christiane Bruckmann, 31, Grafikerin
„Unter zehn Stunden bin ich eigentlich nie in meinem Büro, es können auch mal 16 sein. Da kommt es schon vor, dass ich mich am Telefon verspreche und sage, ich sei zu Hause – und irgendwie stimmt das ja auch. Die Sache mit der Bildschirmstrahlung sehe ich schon.Aber ansonsten sorge ich mich nicht, dass mir die Computer etwas anhaben könnten.“

Lutz Meyer, 37, Landwirt
„Chemie gehört seit 30 Jahren hier auf dem Hof zum Alltag. Es gibt Zeiten im Jahr, da muss ich morgens und abends rausfahren mit der Spritze am Schlepper. Natürlich gehe ich davon aus, dass davon nichts im Grundwasser ankommt, schließlich soll die Chemie zu
100 Prozent in der Pflanze bleiben. Und zum Überdosieren sind die Produkte schlicht zu teuer.“

Gert Schrader, 37, Surfboardbauer
„Klar mache ich mir Gedanken um meine Gesundheit. Als ich noch jeden Tag mit Epoxidharz Boards laminiert habe, bin ich auch zwei- oder dreimal im Jahr zum Arzt gegangen, um mich durchchecken zu lassen. Beim ersten schlechten Blutergebnis, ehrlich, ich hätte sofort aufgehört. Aber es von vornherein lassen – das geht irgendwie gar nicht. Dafür macht die Sache viel zu viel Spaß.“

Annarella Loss, 19, Friseur-Azubi
„Ich mag das nicht so gern mit der Chemie, und Angst vor Allergien habe ich auch. Schade, dass man so richtig schöne Farben noch nicht anders hinbekommt. Vielleicht mache ich später mal einen Salon auf und rühre alle meine Produkte selbst an, nur nach Naturrezepten. ,Anna Organics‘, das fände ich richtig toll.“

Stefan Sandberg, 39, T-Shirt-Drucker
„Beim Drucken habe ich immer Tür und Fenster offen, auch im Winter. Und dann gibt es die Absauganlage an den Trocknern: Ohne die wäre hier sicher ganz schön dicke Luft. Die T-Shirt-Farbe selbst riecht eigentlich nicht, aber das will ja nichts heißen, das weiß ich wohl. Richtig fies stinkt allerdings das, was man für andere Materialien braucht, etwa für PVC oder Nylonjacken. Mit Sprühkleber aus Dosen arbeite ich heute nicht mehr, habe mich danach oft ziemlich müde gefühlt.“


Smog am Schreibtisch: Der Kieler Toxikologe Hermann Kruse über die chemische Belastung am Arbeitsplatz

Der Schwimmmeister
Aus Gründen der Hygiene ist die Anwendung von Chlor in richtiger Dosierung zur Badewasserdesinfektion unverzichtbar. Gesundheitsrisiken birgt jedoch der allzu großzügige Chloreinsatz nach dem Motto „viel hilft viel“. Das betrifft eben vor allem die Schwimmmeister und Menschen, die wie Kinder oder Leistungsschwimmer oft in der Schwimmhalle sind. Chlor wirkt stark reizend auf die Schleimhäute, rötet die Augen und schädigt die Atemwege. Hinzu kommen Gesundheitsschäden durch Folgeprodukte der Chloranwendung: Aus Chlor und Verunreinigungen des Badewassers (Hautabschürfungen, Kosmetikreste, Nasen- und Rachensekrete, Urin), aber auch natürlichen Inhaltsstoffen (etwa Huminsäuren) entstehen im Badewasser neue toxische Produkte wie Chloroform, Bromoform oder Chloracetonitril. Diese Substanzen reizen ebenfalls die Schleimhäute und schädigen das Nervensystem, was zu Müdigkeit, Kopfschmerzen, Abgeschlagenheit und Nachlassen der Konzentration führen kann. Nur die Reinigung des Badewassers durch einen – teuren – Aktivkohlefilter kann die Fremdstoffbelastung vermindern.

Die Grafikerin
Viele Berufstätige, die ständig am Schreibtisch sitzen, unterschätzen, dass auch im Büro viele Gefahrstoffe lauern, die zu erheblichen Befindlichkeitsstörungen und sogar Langzeitschäden führen können. So werden zum wünschenswerten Brandschutz bei Computergehäusen und anderen Schreibtischgeräten Flammschutzmittel (zum Beispiel Brombiphenylether, Phosphorsäureester und Halogenalkane) eingesetzt, die aus den Gehäusen ausgasen können und eingeatmet werden. Besonders bedenklich ist, dass die Forschung über die Toxikologie dieser Flammschutzmittel zeigt, dass sie Nerven- und Immunsystem attackieren und zum Teil auch Krebs erregend wirken. Dabei stehen alternativ mehrere ungiftige Flammschutzmittel (etwa Ammoniumpolyphosphat, Phosphor, Cyanurate) zur Verfügung.

Der Landwirt
Bei der Diskussion über Rückstände von Pflanzenschutzmitteln in der Nahrung vergisst man in der Regel, dass diejenigen am stärksten betroffen sind, die mit den Präparaten in konzentrierter Form arbeiten müssen. Landwirte kommen unmittelbar mit Carbamaten, Phosphorsäureestern, Pyrethroiden, Triazinen und anderen Pestiziden über Haut, Atmung und Verschlucken in Kontakt. Als Folge können allergische Reaktionen der Haut, etwa Ekzeme, Atemwegserkrankungen, Nervenschäden und Beeinträchtigungen des Hormonsystems eintreten. Es gibt keinen Wirkstoff im Pflanzenschutz, der für Menschen unschädlich ist.

Der Surfboardbauer
Anders als Menschen, die professionell Epoxidharze verwenden, arbeiten Heimwerker weitestgehend ungeschützt mit Klebern, Farben, Lösemitteln und anderen Substanzen und belasten damit ihre Familien, wenn sie ihrem Hobby zu Hause nachgehen: Die Kleber – häufig Epoxidkleber oder Zweikomponentenkleber auf Polyurethanbasis – haben ein hohes allergisches Potenzial, die Lösemittel wirken nervenschädigend. Achtung: Hobbybastler sollten nur emissionsarme Materialien verwenden und nicht in ihrer Wohnung arbeiten.

Die Friseurin
Obgleich es seit langem bekannt ist, dass Farbkomponenten für das Färben der Haare (so genannte aromatische Amine) stark allergisierend wirken und sogar aufgrund von Tierexperimenten als Krebs erregend eingestuft wurden, hat sich bis zum heutigen Zeitpunkt wenig geändert: Immer wieder müssen Berufsgenossenschaften entscheiden, inwieweit die bei Friseuren nicht selten beobachteten Hauterkrankungen mit den Haarfärbemitteln im Zusammenhang stehen. Zu fordern ist ein sofortiger Verzicht auf toxikologisch verdächtige Haarfärbemittel.

Der T-Shirt-Drucker
In der Textilindustrie werden zahlreiche Hilfsmittel, darunter Azofarbstoffe und Formaldehyd eingesetzt, die toxikologisch unzureichend getestet sind. Eine Deklaration ist nicht vorgeschrieben, obgleich die Zusatzstoffe unmittelbar auf die Haut gelangen können und vom Körper aufgenommen werden. Allergische Hautreaktionen empfindlicher Menschen und eine erhöhte Schadstoffbelastung des Körpers sind die Folgen. Als besonders gefährliche Zusatzstoffe haben sich das vor Pilzbefall schützende Tributylzinn, Formaldehyd, das die Kleidung knitterfrei macht, optische Aufheller wie Stilbenderivate und aggressive Azofarbstoffe erwiesen. Der Verbraucher muss nachdrücklich auf den Verzicht auf die „beweglichen“ Zusatzstoffe in Textilien drängen, notfalls mit einem Boykott. Es sind nur solche Zusatzstoffe akzeptabel, die sich als unbedenklich erwiesen haben und die in Textilien fest eingebunden sind.