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Greenpeace Magazin Ausgabe 4.16

Sein Beton spart CO2

Text: Wolfgang Hassenstein

KOPF Tilo Proske, Ingenieur, Darmstadt // IDEE Reduziert Emissionen durch die Entwicklung neuer Baustoffe // VISION Innovative Materialien für ein klimagerechtes Zeitalter

Tilo Proske rechnet gern. Zum Beispiel, um Studenten – oder Journalisten – die ungeheure Menge des jährlich weltweit erzeugten Betons zu veranschaulichen. „Zwölf Milliarden Kubikmeter, damit könnte man dreißig Ein-Quadratmeter-Säulen von der Erde bis zum Mond gießen“, sagt er und lacht laut, denn auch das tut er gern. „Oder ganz Darmstadt mit einer einen Kilometer hohen Schicht bedecken.“

In der südhessischen Stadt erforscht der Ingenieur am Institut für Massivbau der Technischen Universität verschiedene Betone (man betone den Plural mit langem „o“). Tatsächlich ist es gut zu wissen, wie viel von dem künstlichen Gestein verbaut wird, wenn man die Dimension der damit verbundenen Probleme verstehen will. Satte fünf Prozent der globalen Kohlendioxidemissionen gehen aufs Konto der Betonindustrie – die damit noch klimaschädlicher ist als zum Beispiel der Flugverkehr.

Zwar besteht der Stoff, aus dem die Städte sind, zu neunzig Prozent aus natürlichen Zutaten wie Wasser, Sand und Kies. Doch als Bindemittel dient Zement, dessen wichtigster Inhaltsstoff sogenannter Zementklinker ist. Er wird in großen Öfen aus Ton und gemahlenem Kalkstein gebrannt, wo, damit die Rohstoffe miteinander verschmelzen, eine Temperatur von rund 1450 Grad herrschen muss – die Klinkerherstellung verschlingt extrem viel Energie.

In mehreren deutschen Instituten tüfteln deshalb Forscher an Alternativen: Sie testen zementfreie Rezepturen, recyceln Altbeton oder lassen Öfen bei geringerer Hitze laufen. Teils kommt dabei wie gewünscht ein hartes, stabiles Ergebnis heraus. Doch der Teufel steckt im Detail.

So wird zum Beispiel versucht, mit Reststoffen aus der Industrie den Zement zu ersetzen – das soll eine CO2-Einsparung von bis zu neunzig Prozent ermöglichen. Doch die Flugasche aus Steinkohlemeilern und die Hüttensande aus Stahlwerken sind begehrt: Sie landen schon jetzt komplett in der Baustoffindustrie, erklärt Proske. Zudem gilt die Kohle aus Gründen des Klimaschutzes ohnehin als Auslaufmodell.

Der Ingenieur setzt auf einen eher simplen Weg, der vielleicht gerade deshalb Potenzial hat: Er fügt dem Beton noch größere Mengen Kalksteinmehl hinzu als bisher, einen Rohstoff, an dem kein Mangel herrscht. „15 Prozent Beimischung sind Stand der Technik“, sagt Proske. „Wir versuchen, auf bis zu fünfzig Prozent zu gehen.“ Damit am Ende trotzdem ein verwitterungs- und frostbeständiges Material steht, optimiert er die Verarbeitung: „Weniger Wasser, mehr Rütteln.“ Sein „Ökobeton“ sei hart, ausdauernd und für die meisten Zwecke geeignet, versichert er – und könne die Emissionen um immerhin dreißig Prozent reduzieren.

Schwierig ist es allerdings gerade in der Baubranche, für neue Produkte eine Zulassung zu bekommen. Eine Tübinger Firma, mit der die TU Darmstadt kooperiert, will demnächst erst einmal ein Fertigprodukt auf den Markt bringen, eine „Ökogarage“. „Bricht die zusammen“, sagt Proske und lacht sein lautes Lachen, „wäre das nicht so schlimm.“ Er ist sich aber sicher, dass das nicht passieren wird.