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Greenpeace Magazin Ausgabe 6.15

Selbstversuch: Auf Plastik-Entzug

Text: Niels Boeing

Eine Woche ganz ohne Kunststoffe – ist das in unserer Plastikwelt noch möglich? Unser Autor Niels Boeing, Hamburger mit sonst durchschnittlichen Umweltbewusstsein, hat es ausprobiert

Das kann ja nicht so schwer sein, denke ich. Schon vor Jahren habe ich aufgehört, meine Einkäufe in Plastiktüten zu packen. Ich nehme Kartons, Papiertüten oder meine alte Stofftasche. Auf Fertiggerichte stehe ich sowieso nicht. Und Obst lege ich lose in den Korb, weil ich diese Abreißtüten unsinnig finde. Doch so viel kann ich vorwegnehmen: Mit der Annahme, es sei kein großes Problem, eine Woche auf Plastik zu verzichten, habe ich mich getäuscht.

Im Supermarkt um die Ecke, in dem ich seit 17 Jahren einkaufe, gibt es das erste Erwachen. Ich frage die Verkäuferin an der Käsetheke, ob sie mir den Käse in eine mitgebrachte Dose legen könne. Nein, das dürfe sie nicht. Aus Hygienegründen müsse er in Folie einschlagen werden. Wer sagt das?, frage ich. Das sei Vorschrift, antwortet sie. Es ist nicht so, dass mir die Plastikfolien, die den Käse oft nur für ein paar Minuten umhüllen, nicht schon lange aufgefallen wären. Jedes Mal ärgere ich mich, wenn ich ihn zuhause auspacke und in eine Porzellandose lege.

Beim Bund für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde BLL erfahre ich, dass Verpackungen in der Lebensmittelhygieneverordnung und der EG-Verordnung Nr. 852/2004 geregelt sind. Vorgeschrieben ist das Einschlagen in Folie dort nicht. Wie eine Frischetheke vorgehe, sei Entscheidung des Händlers, sagt man mir. Wichtig sei, dass die „gute Hygienepraxis“ gewahrt bleibe. Aha.

Am Nachmittag stehe ich vor dem Drehautomaten in der Kantine, an dem ich mir hin und wieder ein belegtes Brötchen hole oder ein Stück Kuchen. Pustekuchen. Alles leuchtet mir aus den weißen Fächern in Folie verpackt entgegen. Den Kaffee nehme ich ohne Milch – denn auch die steckt in einem beschichteten Getränkekarton mit Plastikverschluss.

Als ich am frühen Abend aus dem Büro trete, rauche ich auf der Straße die letzte Zigarette meiner Packung. Plötzlich schwant mir Schlimmes. Ich gehe in den Tabakladen um die Ecke und frage den Inhaber, ob es eine Marke gebe, die nicht eingeschweißt ist. Er schaut mich kurz an, als redete ich puren Unsinn, sieht sich dann aber doch im Regal um. Tatsächlich gibt es eine einzige Marke mit Papierpackung. Nichts drumrum. Ich beäuge sie. Ist da nicht doch eine leichte Plastikbeschichtung? Mir fallen die alten Marken ein, wie es sie heute noch in Griechenland gibt. Flache Pappkartons zum Aufklappen, die Zigaretten in Stanniolpapier eingeschlagen. Das hatte noch Stil, denke ich. Die Marke, die ich jetzt kaufe, schmeckt nach Staub. Leider gehöre ich nicht zu den Menschen, die einfach mal eine Woche mit dem Rauchen aufhören können. Bilanz des ersten Tages: kein Käse und schlechte Zigaretten.

Ich mache mir eine Liste. Jetzt mal systematisch. Brot: kein Problem. Der Bäcker unten im Haus schlägt es in Papier ein. Milch: Gibt’s doch in Flaschen.

Ja, nur nicht beim türkischen Gemüseladen nebenan, in dem ich oft Kleinigkeiten besorge, wenn keine Zeit für den Supermarkt ist. So wie heute, da ich sofort nach dem Büro zum Treffen der Stadtteilinitiative muss. Also gut. Nun fehlt auch die Milch.

Ich überschlage meine Optionen. Zum Markt schaffe ich es realistisch erst am Samstag, der Rest der Woche ist durchgetaktet. Mir wird mal wieder bewusst, wie vollgepackt mein Leben ist. Ohne Leerlauf, mit wenig Muße. Immerhin kann ich in der Kantine Mittag essen, und ganz leer ist der Kühlschrank noch nicht. Zum Frühstück gibt es bei mir ohnehin nur Obst und Kaffee.

Abends beim Bier in der Bar um die Ecke schwant mir, während ich an einer schlechten Zigarette ziehe, neues Unheil. Der Kronkorken, Alter! Als William Painter ihn 1892 in Baltimore erfand, war die Dichtung aus Kork. Heute lauern da Polyethylen oder gar PVC. Eigentlich mag ich ja frisch gezapftes Bier lieber, aber in vielen Kneipen auf St. Pauli ist es aus der Mode gekommen. Ein neues Dilemma. Nicht einmal die Mineralwasserflaschen aus Glas, die ich bis heute in den sechsten Stock hochschleppe – ich fand PET-Flaschen schon immer blöd – beruhigen mich. Auch ihr Schraubverschluss aus Metall ist mit Kunststoff abgedichtet.

Ich bin von Plastik umzingelt, wird mir am nächsten Mittag in der Kantine klar, als ich die Karte aus Kunststoff auf das Lesegerät lege, dass den Preis abbucht. Mein Bargeld ziehe ich aus dem Sparkassenautomaten. Auch eine Plastikkarte. Und was ist eigentlich mit dem Klopapier? Ich erinnere mich dunkel, dass es das früher auch in Papierverpackungen gab.

Samstagmorgen. Mit Picknickdosen aus Metall bewaffnet geht es zum Wochenmarkt. Am Wurststand reicht mir die Verkäuferin eine Kärntner Salami. Mehr aber auch nicht: Ohne Folie dürfe sie Wurst- und Schinkenscheiben nicht verkaufen. Das Ordnungsamt kontrolliere auch so etwas. Davon weiß der Mann im Käsewagen nebenan nichts und legt mir leckeren Cheddar in die Dose. Auch die Fischhändlerin ist gelassen und tut die Sprotten in eine andere. Die Hamburger Bestimmungen kenne sie nicht, in Schleswig-Holstein sei es kein Problem, die Ware in Behälter zu geben, die die Marktkunden mitbringen. Föderalismus also auch hier, sieh an.

Natürlich ist mir längst aufgefallen, dass ich auf Kaffeenachschub verzichten müsste. Meinen Lieblingsespresso kaufe ich immer im Wein- und Kaffeeladen nebenan – in einem verschweißten Plastiksack. Ich radle vom Markt zu einem Geschäft für Tee, Kaffee und Schokolade. Ein Erfolg: Die freundliche Inhaberin schaufelt mir Kaffeebohnen aus einem großen Behälter in die mitgebrachte Kaffeedose aus Porzellan mit Holz- und Korkverschluss.

Okay, denke ich, als ich die Woche Revue passieren lasse. Ich könnte ohne Plastikverpackungen einigermaßen durch den Alltag kommen. Aber nicht ohne eine gewisse logistische Planung, auf die ich Durchschnittsgroßstädter bisher nie Lust hatte. Ein letzter Gedanke durchzuckt mich. Ich gehe noch schnell bei der Apotheke vorbei und frage nach Nikotinpflastern. Und bin nicht überrascht: Auch sie sind in Kunststoffhüllen verpackt.