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Greenpeace Magazin Ausgabe 6.17

Silphie

Text: Julia Lauter

Was schützt die Böden, versorgt Bienen und Hummeln mit Nektar, liefert Energie und sieht dabei auch noch gut aus? Die Silphie ist ein nachwachsender Rohstoff mit vielen Vorzügen

Eigentlich ist sie Amerikanerin. In den Weiten der Prärie im Mittleren Westen der USA streckt die bis zu drei Meter hohe Silphie ihre dunkelgrünen, vierkantigen Stängel und sattgelben Blüten der Sonne entgegen. „Cup plant“, Becherpflanze, wird sie auch genannt, weil die Blattpaare so verwachsen sind, dass sich Niederschlag und Tau wie in einem Gefäß darin sammeln. Aus den gemäßigten Regionen Nordamerikas immigrierte die Wildpflanze über Russland in die ehemalige DDR – wie genau, das ist bis heute nicht geklärt. Wegen ihrer guten Nährwerte wurde sie in Deutschland als Viehfutter getestet, konnte sich aber nicht durchsetzen.

Stattdessen wird die Pflanze nun als nachwachsender Energierohstoff der Zukunft gehandelt. Die winterharte Durchwachsene Silphie, lateinisch Silphium perfoliatum, soll die „Vermaisung“ der Landschaft aufhalten und die Energieerzeugung aus Biomasse nachhaltiger machen. Denn ob man es für ökologisch sinnvoll hält oder nicht: Das Geschäft mit der Pflanzenvergärung boomt. 2015 erzielte die Biogasbranche in Deutschland einen Umsatz von rund 8,2 Milliarden Euro – die rund 9000 Anlagen erzeugten fast acht Prozent unseres Stroms.

Der Anbau der beliebtesten Energiepflanze Mais bringt jedoch massive Probleme mit sich: Weil die Pflanzen viel Stickstoff verbrauchen, laugen sie die Böden aus – die Landwirte halten deshalb mit viel Kunstdünger die Erträge hoch. Überdies setzen sie große Mengen Insektizide und Herbizide ein, in den „Maissteppen“ ist die Artenvielfalt extrem reduziert.

Einige dieser Probleme könnte die Silphie ausräumen: Sie ist anspruchslos und braucht nur wenig Wasser. Ihr Anbau reduziert den Einsatz von Kunstdünger im Vergleich zu Raps oder Mais drastisch. Ab dem zweiten Jahr ist die Nährstoffversorgung der Pflanzen gesichert, wenn die Gärreste aus der Biogasanlage auf dem Feld verteilt werden.

Die Becherpflanze schont die Böden nicht nur, sie schützt sie sogar: Silphien stehen dicht und fördern durch Beschattung die Humusbildung. Und wenn ihre zahlreichen Korbblüten von Juli bis Oktober blühen, dienen sie Honigbienen und Hummeln als Nahrungsquelle. Denn während das Nektarangebot für Bestäuber noch bis in den Juni üppig ist und die Insektenvölker stark wachsen, wird Nahrung im Juli, wenn der Raps geerntet ist, in der Agrarlandschaft gefährlich knapp. Imker hoffen, dass die Silphie das hochsommerliche „Blütenloch“ überbrücken kann.

Im ersten Anbaujahr sind die Pflanzen noch zu klein für eine lohnende Nutzung. In Experimenten wurde dieser magere Start durch den kombinierten Anbau mit anderen Energiepflanzen ausgeglichen. Ab dem Folgejahr sind die Silphien dann „erwachsen“ und bringen vollen Ertrag – bis zu 15 Jahre lang.

Im Vollstadium der Blüte ab Ende August wird die Silphie geerntet, gehäckselt und zur Vergärung in die Biogasanlage gefüllt. Ein Hektar ergibt 3400 bis 5100 Kubikmeter Biogas – damit liegt die Ausbeute bereits ähnlich hoch wie beim Mais.

Und nun wächst auch noch das Interesse an den inneren Werten der Becherpflanze: Agrarforscher der Universität Bonn widmen sich ihrem Zellgewebe. Bricht man die getrockneten Triebe der Silphie auf, kommt ein weißlich schimmerndes, styroporähnliches Gewebe zum Vorschein, das Parenchym. Es wirkt offenbar isolierend – und könnte in Zukunft als Bau- und Dämmstoff genutzt werden.