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Greenpeace Magazin Ausgabe 5.15

„Solidarität hat Konjunktur“

Seit Griechenland in der Krise steckt, hat Alexander Theodoridis’ Organisation „Boroume“ viel zu tun. Sie versorgt notleidende Menschen mit Nahrungsmitteln, die sonst auf dem Müll landen würden. Jetzt ist Hilfe gefragt, meint er, nur so wird es wieder aufwärtsgehen

Vor einigen Tagen habe ich einem Radiosender ein Interview gegeben. Kurz darauf klingelte das Telefon und der Vertreter eines Nahrungsmittelimporteurs sagte zu mir: „Hören Sie, wir haben 11.600 Brotlaibe belegt mit Fleischwurst in einer Lagerhalle in unserer bulgarischen Niederlassung. Die sind nur noch wenige Wochen haltbar. Können Sie die gebrauchen? Sonst müssen wir sie vernichten.“ Wenige Stunden später haben wir mit dem Importeur arrangiert, dass die Nahrungsmittel zu einer kommunalen Ausgabestelle nach Thessaloniki gebracht und an verschiedene Organisationen, die Bedürftige versorgen, weitervermittelt wurden.

Bevor ich weiter von meiner Arbeit berichte, möchte ich eines sagen: Ich denke nicht, dass Griechenland eine humanitäre Katastrophe bevorsteht. Ich habe im Jahr 2003 einige Zeit für eine Hilfsorganisation in Afghanistan gearbeitet, seitdem weiß ich, was Elend wirklich ist. Griechenland hat sehr große Probleme, das ist wahr. Fast jede Familie ist von der Krise betroffen, und der Alltag ist für viele Menschen sehr schwierig zu bewältigen. Von einer humanitären Katastrophe zu reden, entspricht aber zurzeit nicht der Wahrheit. Das ist jedenfalls meine Beobachtung.

Ich arbeite für die Nichtregierungsorganisation (NGO) Boroume. Wir vermitteln Nahrungsmittel, die normalerweise auf dem Müll landen, an Initiativen, die Menschen unterstützen, weil sie in Not geraten sind. Dazu hole ich täglich Informationen darüber ein, welche Organisationen welche Art von Nahrungsmitteln benötigen, dann sorge ich dafür, dass sie möglichst schnell dorthin gelangen. Wir transportieren nichts selbst, sondern kümmern uns ausschließlich um die Vermittlung.

Dazu stehen wir mit mehr als 350 Unternehmen in Kontakt und kooperieren zudem mit Hotels und Restaurants. Sie bieten uns regelmäßig Lebensmittel an. Auf diese Weise können wir landesweit 550 Wohltätigkeitsorganisationen und Suppenküchen unterstützen, die mit unserer Hilfe jeden Tag rund 9500 Portionen Essen in Griechenland verteilen.

Die Verarmung der Bevölkerung in meinem Land ist gestiegen, das beobachte nicht nur ich, das belegen auch offizielle Statistiken. Die Zahl derjenigen, die unter das Existenzminimum gerutscht sind, hat sich in den letzten Jahren verzehnfacht. Ich spreche häufig mit Menschen, die verbittert, enttäuscht und verärgert sind, wenn sie an ihre Zukunft denken. Sie wissen, in den nächsten Jahren ist keine wirtschaftliche Erholung zu erwarten. Wahrscheinlich werden immer mehr Menschen von kommunalen Essensausgaben abhängig sein. Es ist bitter: Meine Tätigkeit gehört zu den wenigen, die in Griechenland zurzeit Konjunktur haben. Ihr Ziel wird unsere NGO erst dann erreicht haben, wenn sie überflüssig ist. Aber danach sieht es derzeit überhaupt nicht aus.

Konjunktur hat aber auch die Solidarität. Die Verbundenheit unter den Menschen war noch nie so groß wie heute. Ich glaube, viele haben dasselbe Bedürfnis wie ich: Wir müssen uns gegenseitig helfen. Nur so kann es gehen. Nur so wird alles wieder gut werden.

Alexander Theodoridis
hat Politik und Wirtschaft studiert. 2003 ging der 38-Jährige nach Afghanistan. „Dort habe ich gelernt, dass es der wahre Sinn des Lebens ist, anderen zu helfen“, sagt er. Im Jahr 2012 hat der Deutschgrieche Boroume mitgegründet, was so viel heißt wie „Wir können“. Insgesamt hat die NGO bis  heute mehr als vier Millionen Essensrationen verteilt. Finanziert wird Boroume ausschließlich durch Spenden.