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Greenpeace Magazin Ausgabe 6.13

Sonnige Aussichten

Die Solartechnologie wird ihren Siegeszug fortsetzen, davon ist Greenpeace-Energieexperte Sven Teske überzeugt

In Deutschland sind schon 32.400 Megawatt Fotovoltaik-Leistung installiert, das entspricht bei voller Auslastung der Stromproduktion von rund 30 Atomkraftwerken. Dennoch steckt die deutsche Solarbranche in der Krise. Die Krise ist nichts weiter als eine Flaute. In vielen Ländern wie etwa Japan, Brasilien, den USA und einigen afrikanischen Staaten entwickelt sich gerade ein Markt für Foto­voltaik, weil sich die Menschen die viel billiger gewordenen Module jetzt leisten können. Von dem bevorstehenden Boom werden auch die deutschen Hersteller pro­fi­tieren. Bis dahin muss die Branche aber noch eine Durststrecke überwinden, denn zurzeit übersteigt das Angebot an Solarmodulen die Nachfrage. Das hat zu einem Preisverfall geführt, teilweise werden die Anlagen unter dem Herstellungspreis verkauft. Das hält keine Firma lange durch, auch viele chinesische Produzenten nicht.

Wie kam es zu dieser Schieflage? In China wurden in den vergangenen Jahren sehr viele Solarfabriken gebaut. Der Markt kam mit der Produktion nicht mit: Das Angebot wuchs zu schnell.

Was hat die deutsche Solarindustrie falsch gemacht? Die Fotovoltaik ist jetzt marktreif geworden. In unserem globalen Wirt­schafts­­system passiert es dann leider fast im­mer, dass sich das Geschäft auf einige we­nige Hersteller konzentriert. Das ist ein schmerzhafter Prozess, so manche Pio­nie­re wie Q-Cells, Conergy oder Solon mussten Insolvenz anmelden und wurden von an­­de­ren übernommen. Das kann man der Bran­­che nicht vorwerfen. Dagegen müssen sich die erfolgsverwöhnten Sonnenkö­nige vorhalten lassen, dass sie viel zu spät darüber nachgedacht haben, was ist, wenn die Politik die staatlich garantierte Einspeise­ver­gütung eindampft. Dass dies eines Tages passieren würde, war klar. Auf Druck der Stromkonzerne beschloss die schwarz-gelbe Bundesregierung im Frühjahr dann eine starke und völlig überra­schen­de Kürzung, wie sie tatsächlich niemand voraus­ge­sehen hatte. Keinen Plan  B in der Schub­la­de zu haben, war ein grober Manage­ment­fehler der deutschen Solarindustrie.

Wäre es nicht viel effizienter, in Deutschland auf den Ausbau der Windkraft zu setzen? Die Energiewende kann nur gelingen, wenn wir die Erneuerbaren klug kombinieren. Fotovoltaik wird weltweit eine Schlüsselrolle spielen. Weil die Module so billig geworden sind, lohnt sie sich aber auch in Deutschland. Die nächste Herausforderung wird sein, den Strom zu dem Zeitpunkt zu liefern, wenn er gebraucht wird. Deshalb sollte die deutsche Solarindustrie jetzt wei­ter­­denken: Sie muss in Zukunft quali­ta­tiv hoch­wertige Spezialanfertigungen ent­­­wi­ckeln, effizientere Solarzellen, intelli­gen­te Energiesteuerungen und vor allem neue Speichertechniken.

Viele Hausbesitzer speisen ihren Strom nicht mehr ein, sondern stellen sich inzwischen Batte­rien in den Keller. Batterien sind sicher nicht die umweltfreundlichste Lösung. Aber im Moment gibt es nichts anderes. In der Tat nutzen immer mehr Privathaushalte ihren erzeugten Sonnenstrom selbst – denn für Ökostrom vom Energiever­sorger müssten sie deutlich mehr bezahlen. Das war früher umgekehrt. Wer heute über eine Fotovoltaikanlage verfügt, macht also Gewinn – auch ohne jede Förderung durch das Erneuerbare-Energien-Gesetz.

Und alle, die sich kein Eigenheim leisten können, haben das Nachsehen. Für Mieter müssen wir auch Angebote entwickeln. Findige Solarunternehmer oder auch Energieversorger könnten zum Beispiel in Absprache mit Wohngenossenschaften das Dach eines nahen Supermarktes oder einer Schule nutzen und mit dem erzeugten Solarstrom eine
ganze Siedlung vernetzen und versorgen.

Welche Folgen hat der Trend der Eigennutzung? Weil sie rentabel ist, breitet sich die Solartechnologie auf den privaten Dächern aus und ist nicht mehr zu stoppen. Selbst ohne staatliche Vergütung wird sie ihren Sieges­zug fortsetzen. Heute beträgt ihr Anteil am deutschen Stromverbrauch fünf Prozent, 2020 könnte er auf  15  Prozent ansteigen. Die erneuerbaren Energien werden die gesamte Stromversorgung auf den Kopf stellen. Die Energiekonzerne müssen deshalb aufhören, diese Entwicklung zu bekämpfen. Sie sollten sie stattdessen als neue Chance begreifen.

Interview: Andrea Hösch

Fotovoltaik im Jahr 2012 in Deutschland

- Installierte Leistung: 32.400 Megawatt
- Deckelung der Förderung: 52.000 MW
- Neu installierte Kapazität: 7.600 MW (voraussichtlicher Zubau im Jahr 2013: 4000 MW)
- Sonnenstromerzeugung in Deutschland: 28 Terawattstunden
- C02-Einsparung: 19,7 Millionen Tonnen
- Anteil am deutschen Bruttostrom­verbrauch: circa fünf 5 Prozent
- Garantierte Einspeisevergütung für Sonnenstrom bis Ende 2012: rund 32 Milliarden Euro; Neuanlagen fallen wegen der niedrigen Förderung kaum ins Gewicht