Greenpeace Magazin Ausgabe 1.97

Spaß beiseite: Relikte der Strahlzeit

3217 n. Chr.: Archäologen finden Reste heidnischer Götzenkulte von 1996. Eine Sensation, meint Timm Krägenow.

Blechkisten mit vier Gummiwülsten in Wolfsburg, gefährliche Giftreste in Höchst, vorsintflutliche Rechenmaschinen im Silicon Valley: Als Archäologe des vierten Jahrtausends kann man interessante Funde machen. Überreste des späten 20. Jahrhunderts, Relikte der „Autozeit“ und der „Siliziumära“. Weitere Ausgrabungen beweisen, daß Kirchen und Tempel in dieser Epoche von weltlichen Gebäuden weit überragt wurden – offenbar handelte es sich um aufgeklärte, säkularisierte Gesellschaften, in denen kultische Selbstvergewisserung kaum noch Bedeutung hatte.

Doch im Jahr 3217 entdecken Historiker Bilder von Ereignissen, die sich am Ende des 20. Jahrhunderts im tiefen Niedersachsen abspielten: Prozessionen, die jährlich um die Pfingstzeit einen mit Uranstangen gefüllten Stahlklotz von Dannenberg nach Gorleben geleiten. Eine wissenschaftliche Sensation. Offenbar haben sich neben dem Christentum in diesem Teil Germaniens heidnische Götzenkulte gehalten.

Jeweils in den frühen Morgenstunden brach die Prozession auf, die von den Eingeborenen mit den unverständlichen Buchstabenketten „ATOMMÜLLTRANSPORT“ und „CASTOR“ bezeichnet wurden. Im Laufschritt ging es dann über die halbe Marathondistanz Richtung Gorleben, wobei eine Hierarchie unter den Beteiligten bestand: Grüngewandete Priester genossen das Privileg, den stählernen Schrein den ganzen Tag in nächster Nähe begleiten zu dürfen. Andere, weniger wichtige Zeitgenossen wurden rituell aus seiner Nähe vertrieben. Am Abend endete der symbolische Kampf von Vater Staat gegen Mutter Erde: Ein letztes Mal wurde der mystische Klotz aufgerichtet. Später sollte er im Schoß des Gorlebener Salzstocks versenkt werden.

Die Frage nach der mythologischen Bedeutung des Kults führt unter Historikern des 33. Jahrhunderts zu Debatten: Offenbar waren die Barbaren dem Irrglauben verfallen, darin den Strahl der Sonne einzufangen. Überall hatten sie zu diesem Zweck graue Gebäude mit großen Betonkuppeln errichtet, offenbar aus Furcht vor dem Weltuntergang, dem Verschwinden der Sonne. Nach ihrem Verlöschen – das natürlich nie eintrat – wollten die Heiden das Sonnenfeuer wieder hervorholen und damit die dunkle Welt erleuchten.

Daß es sich um einen heidnischen Kult handelt, wird auch durch die matriarchale Struktur belegt: An der Spitze der Götzendiener stand eine Hohepriesterin namens Angela Merkel. Ihr Titel lautete „Um-Welt-Ministerin“: Wenn die Welt um wäre, sollte sie ihres Amtes walten. Überraschend nur, daß diese Königin der Strahlzeit im Gegensatz zur ihren Unterpriestern nicht auffallend geschmückt war. Gerade dies ist nach Ansicht der Archäologen ein Beweis für ihre mythische Demut.

1996 oder 1997, hier lassen die Quellen keine präziseren Aussagen zu, fand der letzte CASTOR-Kult statt. Es war die archaische Mischung aus wärmespendender Energie und tödlicher Gefahr, die diese Riten für die primitiven Völker so faszinierend machte.

Text: Timm Krägenow