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Greenpeace Magazin Ausgabe 4.16

Starke Löwinnen

Text: Nicole Graaf

Das indische Sasan-Gir-Naturschutzgebiet schützt die letzten asiatischen Löwen und verhilft Frauen zur Emanzipation

Als Mumataj Sama den lichten Wald aus Teakbäumen betritt, schreckt eine Gruppe leuchtend blauer Pfauen auf. Festen Schrittes geht die Waldhüterin weiter. In der Hand hält sie einen dicken Stock, fast so lang wie sie selbst. „Für die Löwen“, sagt sie mit einem Lächeln und schlägt ein paarmal auf einen Baumstamm. Der dumpfe Klang hallt durchs Unterholz. „So kann man sie verjagen, falls nötig.“

Die 28-Jährige trägt eine beigefarbene Uniform mit ihrem Namensschild und einem Stern auf den Schultern. Ihre hüftlangen Haare hat sie mit dem Dorn eines Stachelschweins zu einem Dutt hochgesteckt. Wie jeden Tag dreht sie im Sasan-Gir-Naturschutzgebiet im indischen Bundesstaat Gujarat ihre Runde. In dem Trockenwald leben die letzten asiatischen Löwen, deren Artgenossen einst den ganzen Subkontinent und weitere Teile Asiens bevölkerten. Durch Jagd und den Verlust ihrer Lebensräume waren sie fast überall ausgerottet. Nur in Sasan Gir waren im Jahr 1968 noch 177 Tiere übriggeblieben, wie damals eine Zählung ergab, drei Jahre nachdem die indische Regierung das Gebiet unter Schutz gestellt hatte. Seither wächst die Löwenpopulation. Im vergangenen Jahr lebten in Sasan Gir und den angrenzenden Distrikten 523 Löwen. Außerdem bevölkern Leoparden, Hyänen, Krokodile, Rotwild, seltene Schuppentiere sowie rund 300 Vogelarten die Region.

Bei ihren Rundgängen hat Mumataj Sama Tiere ebenso wie Menschen im Blick: Wenn ein Löwe oder Leopard krank oder verletzt ist, fängt ein Team das Tier ein und behandelt es. Zudem überwacht Sama die Einhaltung der strengen Regeln, die im Schutzgebiet gelten: Das Jagen ist in dem 1400 Quadratkilometer großen Areal verboten. Pro Tag werden nicht mehr als neunzig Touristen hineingelassen. Auf den ungeteerten Verbindungswegen dürfen nur Anwohner fahren. Feuerholz zu sammeln und Vieh grasen zu lassen ist allein den rund 4000 Maldhari erlaubt, einem halb sesshaften Volk von Rinderzüchtern, das seit Jahrhunderten in diesem Wald lebt.

Für ihren Job ist Mumataj Sama in den Wald gezogen. Außer ihr leben fünf weitere Waldhüter mitten im Naturschutzgebiet, zwei davon mit ihren Familien. Es ist einsam, „aber nie langweilig“, sagt sie. „Ich liebe es, in der Natur zu sein. Und seit wir Kameras zur Dokumentation bekommen haben, habe ich über tausend Fotos von Wildtieren aufgenommen.“

Auf ihrer Route prüft Sama eine von mehreren Wasserstellen. In der Trockenzeit werden diese regelmäßig aufgefüllt. Mit ein paar kräftigen Schwüngen hievt sie einen Metalleimer nach oben und gießt Wasser in das Bassin. Dann folgt sie einem ausgetrockneten Flusslauf. Der Boden ist weich und rissig. Sie entdeckt Tatzenabdrücke und einen Kothaufen mit Haarresten darin. „Vor zwei Wochen war hier ein Löwe“, sagt sie.

Rund 200 Meter vor einem Damm im Flussbett bleibt sie plötzlich stehen. Sie hat im Dickicht am Rand der Mauer eine Leopardin mit einem Jungen gesichtet. Sama duckt sich hinter einen Baum. Die Raubkatzen sind unberechenbar, und wenn sie Junge haben, sind sie besonders nervös. Ein Löwe brülle, wenn er sich gestört fühlt, erklärt sie. Ein Leopard greife ohne Vorwarnung an.

Samas Job ist nicht ungefährlich, denn sie geht nur mit ihrem Stock bewaffnet auf Patrouille. Deshalb war er lange Zeit nur Männern vorbehalten. Erst seit 2007 steht dieser Beruf auch Frauen offen. Gujarat war der erste indische Bundesstaat, der ihnen diese Perspektive ermöglichte. Inzwischen sind 48 von 450 Waldhütern Frauen.

Wenn sich Dorfbewohner in Samas Bereich über einen wildernden Löwen beschweren oder wenn sie eine verletzte Raubkatze sichtet, wendet sie sich an Rasila Vadher. Die Rettungsrangerin kümmert sich darum, dass das Tier eingefangen wird. Vadher gehörte zur allerersten Gruppe Frauen, die zu Waldhüterinnen ausgebildet wurden und ist für Sama wie für viele ihrer Kolleginnen ein Vorbild. „Meine Mutter hat mir beigebracht, mich vor nichts zu fürchten“, sagt die 31-Jährige, die rein zufällig zu diesem Job gekommen ist. Im Jahr 2007 hatte sie ihren Bruder zur Aufnahmeprüfung begleitet – bestehend aus Sportwettkämpfen, medizinischen Untersuchungen, einer schriftlichen und einer mündlichen Prüfung. Die Jobs sind sehr begehrt: Mehr als 100.000 Menschen bewerben sich jedes Jahr, eingestellt werden aber nur wenige Hundert. Statt ihres Bruders bestand am Ende sie die Aufnahmetests.

Trotz ihrer langen, hochgesteckten Haare und ihrer schlanken Figur ist Vadher burschikos. Ihre Augen leuchten freundlich, aber ihre Gesichtszüge wirken hart. Sie musste damals noch kämpfen, um als Frau in dem Job akzeptiert zu werden. „Wenn wir in ein Dorf gerufen wurden, weil sich ein Löwe oder Leopard dorthin verirrt hatte, bestanden die Leute anfangs auf einem männlichen Kollegen“, erzählt sie. Inzwischen haben sich die Dorfbewohner an Waldhüterinnen und Rangerinnen gewöhnt. „Sie arbeiten genauso hart wie die Männer“, sagt Ram Ratan Nala. Er ist Direktor der Forstbehörde in Sasan und Vadhers Chef. „Weibliche Mitarbeiter sind eine Bereicherung“, sagt er, „denn sie können sich viel leichter mit den Frauen in den Dörfern verständigen.“

2008 bestand Vadher die Prüfung zur Rangerin, die einen Rang über den Waldhütern steht. Auch in dieser Position war sie eine Pionierin. Anders als ihre männlichen Kollegen kümmerte sie sich mal um die Funkstationen, von denen aus Vorkommnisse im Wald an die Zentrale in Sasan gemeldet werden, mal begleitete sie offizielle Besucher. „Ich war ziemlich frustriert und bat meinen Chef, mir eine feste Zuständigkeit zu geben,“ sagt sie. Daraufhin wurde sie mit der Aufgabe der Rettungsförsterin betraut und sollte sich darum kümmern, kranke Löwen und Leoparden zur Behandlung einzufangen oder sie zurück in den Wald zu bringen, wenn sie Dörfern zu nahekommen. Die Mitarbeiter in der Auffangstation, ausschließlich Männer, reagierten zunächst skeptisch.

Nach nur zwei Wochen wurde Vadher zum ersten Einsatz gerufen. Eine Löwin, die sich im Maul verletzt hatte und nicht mehr fressen konnte, sollte eingefangen werden. Mithilfe eines angebundenen Kalbs versuchte das Team, sie in einen Falltürkäfig zu locken. Die Aktion zog sich über Stunden hin, bis es dunkel wurde. Plötzlich lief die Löwin mit drohendem Brüllen auf die Ranger zu. Als einzige blieb Vadher ruhig stehen, um das Tier nicht noch mehr zu reizen. Ihre Kollegen aber kletterten in Panik auf den Käfig und schlugen mit ihren Stöcken um sich. Ein Stockschlag traf sie am Kopf. Einen Moment lang blieb die Rettungsrangerin bewusstlos liegen. Kaum war sie wieder wach, beharrte Vadher darauf, die Aktion fortzusetzen. „Ich wusste, wenn ich ohne die Löwin zurückkehre, wäre das mein erster und letzter Einsatz gewesen. Jeder würde denken, dass ich als Frau dazu nicht geeignet bin.“ Um fünf Uhr morgens hatte das Team die Raubkatze endlich eingefangen.

Inzwischen hat Rasila Vadher mehr als tausend Rettungsaktionen hinter sich. Die Wand in ihrem Wohnzimmer zieren zahlreiche Auszeichnungen. „Meine Mitarbeiter sagen: ,Wenn Rasila eine Rettungsaktion leitet, können wir sicher sein, dass sie erfolgreich verläuft‘“, erzählt die Tierwächterin und lächelt triumphierend.