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Greenpeace Magazin Ausgabe 4.18

Steinkohle

Text: Julia Lauter

Abschied hat für Bergleute Tradition: „Ade, nun ade, lieb Schätzelein! Und da drunten in dem tiefen finstren Schacht, bei der Nacht, und da drunten in dem tiefen finstren Schacht, bei der Nacht, da denk ich daaaiin“, heißt es in der vorletzten Strophe des Steigerlieds. Längst ist die Hymne der Bergleute zum Soundtrack eines noch viel größeren Abschieds geworden als dem zwischen Kohlekumpel (auf dem Weg nach unten) und dem Schätzelein (bleibt oben): Ende 2018 macht in Bottrop die letzte Steinkohlezeche des Ruhrgebiets dicht.

Aber woran denken wir heute, wenn wir „dein“, liebe Steinkohle, denken? Sicher wissen wir, dass sich unsere Welt ohne dich anders entwickelt hätte. Du bist kein gewöhnlicher Roh-, sondern Treibstoff für Industrialisierung, Wohlstand, Klimawandel. Doch bist du Segen oder Fluch?

Schon klar, erst einmal bist du nur ein Sedimentgestein, schwarz, hart, fest. Du bist schwerer, älter und brennst heißer als deine Schwester, die Braunkohle. Das hat damit zu tun, wie ihr entstanden seid. Vor 300 Millionen Jahren hat alles angefangen. Was waren das für Zeiten! Das Wetter in unseren Breiten war subtropisch, überall wucherten Urwälder. Im Laufe der Jahrtausende versackten sie allerdings im Sumpf, wurden von Pilzen und Bakterien vertorft sowie von Schlamm und Geröll überschwemmt und luftdicht versiegelt. Hernach nahm der Druck der Erdmassen zu und presste Gase und Feuchtigkeit aus dem begrabenen und zersetzten Urwald, bei dir über einen noch längeren Zeitraum als bei der Braunkohle, in der sich manchmal sogar noch Spuren von Zellulose finden. Zurück blieb ein Gestein, das – nomen est omen – zu mehr als siebzig Prozent aus Kohlenstoff besteht. Wofür der gut ist, entdeckten die Menschen bereits im 7. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung. Die Kelten ließen mit dir ihre Feuer länger brennen. Später betrieben unter anderem die Römer oberflächlichen Bergbau.

Richtig heiß wurde es aber erst im 17. Jahrhundert, als du die Dampfmaschinen und Lokomotiven der industriellen Revolution befeuertest. Mit jeder Schippe nahm der gesellschaftliche und wirtschaftliche Wandel weiter Fahrt auf. Doch in Deutschland mussten die Steiger dafür immer tiefer ins Erdreich vordringen – zuletzt bis auf 1261 Meter hinab. Das war trotz jährlicher Subventionen von bis zu 2,5 Milliarden Euro irgendwann zu teuer. Für die letzten aktiven deutschen Minen Ibbenbüren im Tecklenburger Land und eben Prosper-Haniel in Bottrop ist dieses Jahr endgültig „Schicht im Schacht“.

Das heißt freilich nicht, dass der weltweit zweitwichtigste Energieträger hierzulande keine Rolle mehr spielte: In Deutschland sind noch 66 Steinkohlekraftwerke in Betrieb. Der Rohstoff dafür wird vor allem aus Russland, Kolumbien und den USA herbeigeschafft, wo man ihn oft unter fragwürdigen Bedingungen abbaut: So sprengen beim „Mountaintop Removal“ US-Miner den störenden Berg über der Kohle einfach weg – samt Natur.

Für den Klimaschutz hat das eventuell auch sein Gutes, zumindest in Deutschland: Wo die heimische Bergbaufolklore wegfällt, lässt sich noch offener über das dringend gebotene Ende der Kohleverstromung reden. Und wer weiß, vielleicht dringt von hier auch die Kunde in die Welt, wie hoch die Folgekosten für ein paar heiße Jahrzehnte sind. 220 Millionen Euro sollen deutschlandweit jährlich ausgegeben werden für den Umgang mit „Ewigkeitslasten“ wie Bergschäden oder Grubenwasser, Ende offen. Dann wärest du, Steinkohle, wieder ein Katalysator für globalen Wandel. Darauf ein hoffnungsfrohes Glückauf!