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Greenpeace Magazin Ausgabe 4.14

Streit mit Tiefgang

Zum neunten Mal soll die Elbe ausgebaggert werden. Umweltschützer sind entsetzt. Im Juli geht der Streit vor das Bundesverwaltungsgericht

Zwischen Hafenwirtschaft und Naturschutz verläuft in Hamburg ein tiefer Graben: die Elbe. Maritime Wirtschaft und Politik pochen auf eine erneute Elbvertiefung, obwohl der Hafen gerade erst ein Umschlagswachstum von 6,2 Prozent im Vergleich zum Vorjahr verbucht hat. Die Frachter würden immer größer und die Konkurrenz im Containerhandel härter, heißt es unisono. An der Ausbaggerung der Fahrrinne von derzeit 15,3 auf künftig 17,1 Meter führe deshalb kein Weg vorbei, lässt die Hamburg Port Authority verlauten, sonst stünden 17.700 Arbeitsplätze und eine jährliche Wertschöpfung von 2,1 Milliarden Euro auf dem Spiel.

Die Drohkulisse steht. Doch das Bündnis „Lebendige Tideelbe“, ein  Zusammenschluss von Umweltverbänden wie WWF, BUND und Nabu, hält dagegen: „Die Lichter im Hamburger Hafen gehen nicht aus, wenn die Elbvertiefung nicht umgesetzt wird“, sagt Manfred Braasch vom BUND. Die Berechnungen berücksichtigten nicht den Verlust der Arbeitsplätze in Landwirtschaft, Fischerei und Tourismus, wenn die Elbe ausgebaggert würde. Zudem führen viele der großen Schiffe den Hafen nicht voll beladen an und seien deshalb gar nicht abhängig vom Wasserstand.

Tatsächlich konnten laut Hafenentwicklungsplan zwischen 2007 und 2011 lediglich 400 der mehr als 5000 Containerschiffe pro Jahr nur während des Fluthochwassers einfahren. Die Umweltschützer weisen außerdem auf eine Studie zur Bewertung der kontinentaleuropäischen Häfen an der Nordsee hin, die zeigt, dass Reedereien die Attraktivität von Häfen von vielen Service- und Logistik-Bedingungen abhängig machten – die nautische Erreichbarkeit sei nur ein Faktor von vielen. Ein Blick nach Antwerpen belegt, dass eine Vertiefung der Fahrrinne kein Garant für Wachstum ist. Obwohl dort die Schelde 2011 ausgebaggert wurde, verzeichnete der Hafen einen Rückgang des Containerumschlags.

Trotz allem beharren Politik und Wirtschaft auf dem traditionellen Mittel der Wahl – in den letzten 200 Jahren wurde das Flussbett bereits acht Mal an den Seeverkehr angepasst, zuletzt 1999. Bei der diesmal geplanten Elbvertiefung sollen bis zu 38,5 Millionen Kubikmeter abgetragen werden – mehr als doppelt so viel wie beim letzten Mal. Schätzungen des BUND gehen von 600 Millionen Euro Kosten aus. Doch dabei bleibt es nicht: Die Fahrrinne verschlickt mit der Zeit und muss immer wieder neu ausgehoben werden. Schon jetzt verschlingen diese  Unterhaltsbaggerungen nach Angaben der Hamburg Port Authority jährlich rund 45 Millionen Euro – und das nur für den Flussabschnitt innerhalb des Hamburger Stadtgebiets.

Noch größere Sorgen als die Kosten für den Steuerzahler bereitet den Kritikern der Preis, den die Umwelt zahlen muss. Sie befürchten eine ökologischen Krise: Lebensräume für Tiere und Pflanzen drohten zu verschwinden, die Wasserqualität werde stark beeinträchtigt, die Elbe könnte sogar kippen. Denn beim Ausbaggern werden Schwebstoffe aufgewirbelt, die das Gewässer trüben. Zwar zersetzen kleine Organismen im Wasser die organischen Teile der Schwebstoffe – doch dabei  verbrauchen sie Sauerstoff. Im Sommer fällt der Sauerstoffgehalt im Wasser gebietsweise schon jetzt so tief, dass viele Fischarten nicht mehr überleben können. Deshalb kämpfen auch Elbfischer wie Walter Zeeck gegen die  Ausbaggerung: „Für uns wäre eine neue Vertiefung eine Katastrophe. Wir fischen auf der Höhe von Blankenese und wenn im Sommer die Sauerstofflöcher da sind, gibt es schon heute praktisch nichts mehr zu fangen.“

Das Bündnis „Lebendige Tideelbe“ hatte 2012 einen Baustopp für das Vorhaben erwirkt, nun liegt eine Klage beim Bundesverwaltungsgericht in Leipzig: Im Prozess im Juli soll geprüft werden, ob die Fahrrinnenvertiefung mit den europäischen Wasserrahmenrichtlinien vereinbar ist. „Den Richtlinien zufolge ist Deutschland dazu verpflichtet, bis 2015 alle Flüsse in einen ökologisch guten Zustand zu bringen“, sagt Alexander Porschke, Vorsitzender des Nabu in Hamburg. Dem entsprechen heute nur zehn Prozent der Fließgewässer. „Die Elbvertiefung ist ein weiterer Schritt in die falsche Richtung.“

Wie gravierend die Folgen sein werden, können selbst Experten nicht mit Sicherheit sagen. „Das Risiko, dass die Elbe kippt, steigt mit jedem Eingriff“, sagt Wolf von Tümpling vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung. „Wenn man eine vernunftbegabte Entscheidung trifft, sollte man das Risiko, wo immer möglich, vermindern.“ Im Fall Hamburg wäre das möglich. Gut 200 Kilometer westlich der Hansestadt steht der einzige deutsche, bislang unausgelastete Tiefseehafen  bereit: Im Jade-Weser-Port in Wilhelmshaven, der für 657 Millionen Euro Steuergelder ausgebaut wurde, können Schiffe mit einem Tiefgang von bis zu 16,5 Metern problemlos abgefertigt werden.

Text: Julia Lauter