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Greenpeace Magazin Ausgabe 3.05

Wirbel am Horizont

Jörg Feddern, 44, Campaigner für erneuerbare Energien bei Greenpeace Deutschland diskutiert mit Dr. med. Hans-Joachim Zielinski, 55, Vorsitzender des Vereins „Gegenwind – Für eine industriefreie Nordsee“ und praktischer Arzt in Westerland/Sylt.

GPM: 32 Kilometer vor der Küste Sylts, weit draußen auf der Nordsee, soll der Windpark Butendiek entstehen. Was stört Sie und andere Sylter daran, Herr Zielinski?

HANS-JOACHIM ZIELINSKI: 32 Kilometer sind ja nicht weit draußen, sondern noch in Sichtweite. Direkt vor der Küste von Deutschlands beliebtester Ferieninsel soll ein regelrechtes Industriegebiet entstehen; anders kann man die vorerst geplanten 80 Windkraftanlagen mit einer Bauhöhe von 125 Metern, die den Horizont auf 11,3 Kilometern Länge zustellen würden, nicht bezeichnen. Eine solche Industrialisierung der Nordsee würde die Natur beeinträchtigen, möglicherweise sogar zerstören. Denken Sie nur an die dichte Schweinswalpopulation in dem Gebiet. Die Windmühlen bergen zudem ein erhebliches Unfallrisiko. Wenn da ein Schiff zerschellt, bekommen wir hier eine Ölpest, nach der wir den Tourismus auf Jahre vergessen können.

Was wird man von den Butendiek-Windmühlen sehen, Herr Feddern? JÖRG FEDDERN: Fast nichts. Herr Zielinski übertreibt maßlos. Gutachten bestätigen, dass man im Jahr nur an 30 besonders klaren Tagen überhaupt etwas erkennen kann. Und selbst dann erblickt man vom Sylter Strand aus nur ein paar schemenhafte Striche von der Größe eines halben Streichholzes.

ZIELINSKI: Auswärtigen ist vielleicht nicht klar, was der Offshore-Park für uns bedeutet. Ich bin ein alter Sylter, gehe gerne an den Strand und angele. Wobei nicht wichtig ist, ob ich was fange. Es ist einfach wunderschön, da zu stehen und zu träumen. Ich schaue zum Horizont und drüber hinaus. Und denke über die Endlichkeit des Lebens nach und was wohl danach kommt. Dieses Feeling möchte ich mir nicht durch Windmühlenanlagen kaputt machen lassen, die penetrant vor dem Sonnenuntergang herumrotieren. Da ist es auch egal, ob man sie an 60, an 30 oder an noch weniger Tagen sieht.

FEDDERN: Bei Ihrer romantischen Betrachtung vergessen Sie, dass noch ein paar Kilometer weiter eines der größten Industriegebiete überhaupt beginnt. Insofern ist auch der Name Ihres Vereins – „Gegenwind. Für eine industriefreie Nordsee“ – irreführend. Die Nordsee ist längst industrialisiert, zum Beispiel durch die Ölmultis, die 450 Öl- und Gasplattformen ins Meer gebaut haben.

ZIELINSKI: Ich bin doch nicht für Ölplattformen in der Nordsee. Aber wenn wir schon diese unglücklichen 450 Anlagen haben, muss ich alles daran setzen, dass nicht noch 12.000 weitere Industriebauwerke hinzukommen.

FEDDERN: Sie können Offshore-Öl doch nicht mit Windmühlen gleichsetzen. Die Ölförderung in der Nordsee verursacht einen CO2-Ausstoß, der dem Norwegens entspricht. Sie verdreckt das Meer mit jährlich 14.000 Tonnen Öl und 100.000 Tonnen Chemikalien. Aber Sie opponieren nicht dagegen, sondern ausgerechnet gegen Windkraftanlagen, die nichts produzieren außer sauberem Strom.

IELINSKI: Von wegen nur sauberer Strom. 12.000 Anlagen…

Moment. Um wie viele Windmühlen geht es?

FEDDERN: Butendiek soll 80 Anlagen haben, geplanter Baubeginn 2007. Insgesamt sind für die Nordsee derzeit 500 Windmühlen genehmigt. Ich gehe davon aus, dass wir das 2010 erreichen. Bis 2030 sehen die Szenarien der Bundesregierung 25.000 Megawatt offshore in der Nordsee installierte Windkraftleistung vor – also 5000 Windmühlen mit fünf Megawatt Leistung; entsprechend mehr, wenn man kleinere Typen wählt.

ZIELINSKI: Ob 5000 oder 12.000 – die Dinger brauchen Wartung, gehen kaputt und müssen ausgetauscht werden. Also sind ständig Versorger unterwegs: Schiffe, Helikopter. Dabei gelangen natürlich ebenfalls giftige Betriebsstoffe ins Meer. Die Offshore-Windparks stellen eine schwere Beeinträchtigung der marinen Ökosysteme dar. Butendiek zum Beispiel soll in einem Natura-2000-Schutzgebiet entstehen. Mitten in die Kinderstube der Schweinswale wird ein Kraftwerk gebaut. Das ist doch schizophren.

Wie riskant ist Butendiek für Schweinswale?

FEDDERN: Vom dänischen Offshore-Windpark Horns Rev, der ja nur wenige Kilometer weiter nördlich liegt, wissen wir, dass die Seehunde und Schweinswale nach dem Bau in das Gebiet zurückgekehrt sind...

ZIELINSKI: ...also erst mal die Flucht ergriffen!

FEDDERN: Richtig. Der Bau ist mit ziemlichem Lärm verbunden, der die Tiere in der Tat vertreibt. Also muss man vor Baubeginn untersuchen, wann sich die Schweinswale in dem Gebiet aufhalten – und dann die Zeiten nutzen, in denen die Belastung am geringsten ist. Ich möchte aber betonen, dass es sich nur um eine vorübergehende Beeinträchtigung handelt. Die wirkliche Gefahr liegt doch ganz woanders: Jahr für Jahr ersticken 10.000 Schweinswale in Stellnetzen von Fischern, was die Population in Nord- und Ostsee massiv gefährdet. Haben Sie eigentlich schon mal dagegen protestiert, wenn Ihnen die Schweinswale so am Herzen liegen?

ZIELINSKI: Die Stellnetzfischerei findet in Dänemark statt. Wir schützen unsere Schweinswale vor den Windkraftanlagen. Deren Masten erzeugen zum Beispiel im Seegang Vibrationen. Die Wale nehmen das unter Wasser als hohe Töne wahr, die ihr Sonarsystem durcheinander bringen.

FEDDERN: Diese Hypothese ist längst erschöpfend untersucht. Sie ist, mit Verlaub, Unsinn.

Welche Gefahr geht von Butendiek und anderen Offshore-Parks für die Seefahrt aus?

FEDDERN: Windparks unterliegen in Deutschland einer strengen Umweltverträglichkeitsprüfung. Genehmigt werden nur Offshore-Standorte, die Nachteile für Natur und Küstenbewohner auf ein Minimum beschränken. Woanders könnte es in der Tat sein, dass man Ihnen die Mühlen direkt vor den Strand setzt; da wäre Ihr Widerstand auch verständlich. Bei uns wird die Rücksichtnahme so weit getrieben – was ich ausdrücklich begrüße –, dass die behördlichen Auflagen bis an die Grenze der Wirtschaftlichkeit für die Windparks gehen. Das betrifft übrigens auch die Auswirkungen auf die Vogelwelt, die laut neuen Studien aber ohnehin viel geringer sind, als bislang befürchtet. Schließlich gehört zur strengen Eignungsprüfung, dass die Windparks genügend Abstand von Schifffahrtsrouten haben. Ein besonderes Risiko kann ich auch hier nicht erkennen.

ZIELINSKI: Falsch: Offshore-Parks stellen ein gefährliches Hindernis für die Seefahrt dar. Wenn ein Frachter mit ein paar tausend Tonnen Treibstoff an Bord im Sturm einen Ruder- schaden hat und manövrierunfähig in den Windpark driftet, wird er dort zerschellen und eine fürchterliche Ölpest auslösen.

FEDDERN: Für Butendiek haben Experten die Wahrscheinlichkeit eines solchen Unfalls hochgerechnet. Danach ist davon auszugehen, dass es alle 3000 Jahre zu einer Havarie kommen würde, bei der 400 Tonnen Öl austräten. Nochmals zur Erinnerung: Durch die Ölindustrie gelangen Jahr für Jahr 14.000 Tonnen Öl in die Nordsee.

ZIELINSKI: Solche Rechenkunststücke bringen uns nichts. Wenn in Butendiek morgen ein Tanker zerschellt, haben wir ein paar Stunden später das Öl am Strand – nicht tröpfchenweise, wie das bei den Plattformen der Fall ist, sondern als massive schwarze Pest, die den Tourismus auf Jahre zum Erliegen bringen wird. Für uns Sylter wäre das eine massive Existenzgefährdung, bei der es uns auch nicht tröstet, dass wir danach – statistisch gesehen – 3000 Jahre verschont blieben.

FEDDERN: Wir haben in der Deutschen Bucht zum Glück ausgezeichnete Schlepperkapazitäten zur Verhütung von Schiffsunglücken. Lassen Sie uns gemeinsam dafür kämpfen, dass der Schutz noch besser wird: durch eine ausgeweitete Lotsenpflicht, durch Sperrung des Seegebiets rings um die Offshore-Parks bei ungünstigen Wetterlagen.

ZIELINSKI: Das „Pallas“-Unglück 1999 hat ja gezeigt, dass man sich auf Hochseeschlepper nicht verlassen kann. Selbst wenn das Havariekommando nun besser organisiert ist, wie allenthalben behauptet wird, bleibt ein Restrisiko. Und das, tut mir Leid, sind wir nicht bereit zu tragen. Im Übrigen würde der Tourismus nicht erst durch ein von Butendiek verursachtes Schiffsunglück Schaden nehmen. Die Aussicht auf Wind-Industrieanlagen wird unseren Gästen auch so nicht gefallen. Für den Fremdenverkehr sind ja nicht die Nebelperioden wichtig, sondern die 30 schönen und klaren Tage. Laut einer Studie ist zu befürchten, dass die Gästezahlen wegen des Offshore-Parks um 20 Prozent sinken werden. Das sind jährlich 130.000 Leute weniger – eine enorme wirtschaftliche Einbuße.

FEDDERN: Wenn die Insel als Folge des Klimawandels in einigen Jahrzehnten nicht mehr sein wird, was sie heute noch ist, werden Sie im Tourismus noch ganz andere Probleme haben. Das ist die wirkliche Bedrohung für Sylt, nicht die an den Haaren herbeigezogenen Horrorszenarien, mit denen Sie argumentieren. Die durch unsere verfehlte Energiepolitik verursachte Erderwärmung wird einen Anstieg des Meeresspiegels und eine Zunahme von Stürmen zur Folge haben, was auch auf Sylt zu enormen Verheerungen führen wird. Wenn Sie Ihre Insel wirklich so lieben, sollten Sie die minimale Einschränkung durch den Offshore-Park akzeptieren und mithelfen, dass wir die Energiewende schaffen, bevor es vollends zu spät ist. Und zu dieser Wende gehört natürlich auch Windkraft.

IELINSKI: Wir Sylter lassen uns nicht in Geiselhaft nehmen für irgend so einen Klimawandel, von dem gar nicht klar ist, ob es ihn tatsächlich gibt. Sie wissen doch selbst, dass es ernst zu nehmende wissenschaftliche Zweifel an dieser Theorie gibt.

FEDDERN: Im Gegenteil: Bis auf ganz wenige Abweichler, über deren Motive ich nicht spekulieren mag, sind sich die Klimaforscher einig. Das Wissenschaftsmagazin „Science“ berichtete jüngst, dass bis 2050 als Folge des Klimawandels zwischen einer und anderthalb Millionen Tier- und Pflanzenarten aussterben werden. Das betrifft dann auch die Seehunde und womöglich die Schweinswale, um die Sie sich so sorgen. Nur für Deutschland wird sich in dem Zeitraum der ökonomische Schaden laut Deutschem Institut für Wirtschaftsforschung auf 137 Milliarden Euro summieren.

ZIELINSKI: Selbst wenn das alles stimmt, wovon ich alles andere als überzeugt bin – mit den lächerlichen 80 Windmühlen vor Sylt werden Sie den Klimawandel nicht stoppen. Sie bewirken damit gar nichts. Außer, dass Sie unsere Heimat kaputt machen.

FEDDERN: Es geht nicht um 80 Mühlen, sondern um 25.000 Megawatt Offshore-Energie aus der Nordsee. Schon jetzt bringt Windkraft in Deutschland eine Verringerung des CO2-Ausstoßes von 21 Millionen Tonnen. Bis 2025 werden es 60 Millionen Tonnen sein, knapp zehn Prozent der Gesamtemissionen. Das ist doch kein Pappenstiel. Und betrachten wir mal die Alternativen: In den nächsten Jahren müssen wir 40.000 Megawatt Kraftwerksleistung ersetzen, weil die Anlagen veralten und wegen des Atomausstiegs. Die sauberste Lösung wäre, diese Energiemenge einzusparen. Aber das brächte enorme Einschränkungen, die vermutlich kaum einer hinnehmen mag. Wir könnten weiter auf Kohle und Öl setzen; die Folgen habe ich Ihnen eben ausgemalt. Oder wir schaffen eine Energiewende hin zu den Regenerativen – die im Übrigen ohnehin kommen muss, weil die fossilen Rohstoffe endlich sind.

ZIELINSKI: Warum soll die Windenergie ausgerechnet vor Sylt gewonnen werden? Es ist klüger, erneuerbare Energien aus Ländern zu importieren, die sie effizienter produzieren können: Wasserkraft aus Norwegen, Sonnenstrom aus Spanien, Windkraft aus China, wo die Ausbeute doppelt so hoch wäre wie hier.

FEDDERN: Mal von der technischen Schwierigkeit abgesehen, Strom über weite Distanzen zu transportieren: Die Chinesen und die Spanier brauchen ebenfalls Energie und werden den Teufel tun, unseren Strombedarf mitabzudecken. Natürlich wird es auch einen Austausch geben, aber unseren Teil müssen wir schon selber beitragen.

ZIELINSKI: Die Leistung der Windenergie unterliegt Witterungsschwankungen und ist insgesamt zu gering, um nennenswert zur Versorgung oder auch zum Klimaschutz beizutragen. Außerdem ist sie ökonomisch unsinnig, weil viel zu teuer.

FEDDERN: Falsch, sie ist nicht nur ein wichtiger Wirtschaftszweig – erneuerbare Energien haben 130.000 Arbeitsplätze in Deutschland geschaffen –, Windkraft steht mit fünf bis sieben Cent je Kilowattstunde an der Schwelle der Wirtschaftlichkeit. Und wenn man Folgekosten der fossilen Brennstoffe mitberücksichtigt, ist sie heute schon viel billiger. Wenn die Kohleindustrie die von ihr verursachten Schäden in den Preis einbeziehen müsste und nicht mehr auf die Allgemeinheit abwälzen dürfte, würde die Kilowattstunde Kohlestrom 14 Cent kosten. Im Übrigen ist Windkraft ein wichtiger, aber nicht der Hauptbestandteil einer künftigen umweltfreundlichen Energieversorgung. Das wäre in den Szenarien des Bundesumweltministeriums die Erdwärme, die dann auch zusammen mit Biomasse und Wasserkraft mögliche Schwankungen bei Windenergie und Fotovoltaik ausgleichen könnte.

Herr Zielinski, sehen Sie eigentlich noch eine Chance, Butendiek zu verhindern?

ZIELINSKI: Der Verwaltungsgerichtsprozess der Gemeinde Kampen auf Sylt gegen den Offshore-Park ist ja aus formalen Gründen gescheitert. Aber damit haben wir als Verein nichts zu tun. Wir setzen zum einen auf politischen Druck durch Aufklärung der Bevölkerung. Schon jetzt haben wir auf Sylt 2000 Unterschriften gegen die Industrialiserung vor unserer Küste gesammelt. Außerdem muss ja immer noch ein Stromkabel vom Windpark an Land geführt werden. Und da werden wir Sylter zusammenhalten und verhindern, dass die Butendiek-Betreiber dafür Land kriegen.

FEDDERN: Ich glaube nicht, dass Sie so den Offshore-Park verhindern können.

ZIELINSKI: Das werden wir ja noch sehen.

Moderation: Marcel Keiffenheim