Greenpeace Magazin Ausgabe 5.14

Tiertransporte – Tortur auf See

Text: Jana Eisberg

Hunderttausende Tiere werden unter Qualen rund um den Globus verschifft – viele verenden auf der Überfahrt

„Papa, guck mal“, sagt ein chinesischer Junge, er hält eine rote Dose in die Kamera. „Die Milch trinke ich jetzt jeden Tag, damit ich größer und stärker werde als du.“ Dieser Werbespot mag harmlos klingen, er offenbart aber eine folgen schwere Entwicklung, welche die chinesische Regierung durch Subventionen und Steueranreize unterstützt: Die Volksrepublik will der größte Milchproduzent der Welt werden.

Der Milchdurst der Chinesen wächst schneller als der Bestand ihrer Kühe; in zwischen stehen rund acht Millionen Tiere in chinesischen Ställen. Deshalb treibt die Regierung die Industrialisierung der Milchwirtschaft voran. Die Folgen sind Luftverpestung, Grundwasserverschmutzung, Überdüngung – und vor allem Tiertransporte.

Weil eine chinesische Kuh nur halb so viel Milch wie eine amerikanische gibt, werden Hochleistungstiere, Kraftfutter sowie Sperma und Zuchtembryonen für weitere Zuchtlinien um die halbe Welt geschickt. Seit 2009 ist China weltweit der größte Käufer von Milchkühen. In den vergangenen drei Jahren wurden rund 250.000 Kuhkälber eingeführt. Allein 2011 importierte China nach Angaben der Welternährungsorganisation (FAO) 130.000 Zuchtrinder für knapp 230 Millionen Euro.

Die wochenlangen Transporte sind qualvoll für die Tiere, berichtet die Tierschutzorganisation Animals’ Angels. Zunächst werden sie auf Lastwagen in die Hafenstädte gefahren und verladen. „Die Rampen sind steil und rutschig, und oft werden die Tiere mit Stöcken oder Elektrostößen getrieben“, sagt Sophie Greger von Animals’ Angels. An Bord ist „die Luft unglaublich stickig, es riecht stechend nach dem Reizgas Ammoniak, das durch Fäulnisbildung im Mist entsteht“, erzählt die Tierschützerin. Noch dazu ist es eng: Laut der EU-Transportrichtlinie EG 1/2005 darf jedes Rind nur 1,3 Quadratmeter beanspruchen. Auf bis zu neun Etagen stehen die Tiere deshalb so dicht gedrängt, dass es für viele schwierig ist, an die oft mit Kot verunreinigten Tränken zu kommen. „Die Tiere sind gestresst und ihr Immunsystem ist geschwächt“, bestätigt Dietrich de Frenne, ehemaliger Tierarzt der EU-Kommission.

Seuchen und Krankheiten könnten sich deshalb schnell ausbreiten. Auf europäischem Boden gilt zwar die Transportrichtlinie der EU, und Tierärzte überprüfen die Transportfähigkeit der Tiere. „Doch den unterschiedlichen Ansprüchen der Tiere wird auch durch die Verordnung nicht Rechnung getragen“, sagt Tierarzt Michael Marahrens vom Friedrich-Loeffler-Institut für Tiergesundheit. Und sobald das Schiff ablegt, sei die EU machtlos.

Bislang kauft China die Wiederkäuer vor allem in Australien, Neuseeland und Uruguay. Doch auch die EU will in das Geschäft einsteigen. Rumänien schloss jüngst einen millionenschweren Deal: In den nächsten sieben bis zehn Jahren will Europas größter Kuhexporteur 500.000 Zuchtkühe ins Land der Mitte verschiffen.

Europa liefert Turbotiere hauptsächlich nach Nordafrika und in den Nahen Osten. Die EU-Länder exportierten im Jahr 2012 knapp 770.000 Rinder, davon fast 250.000 in die Türkei, etwa 77.000 in den Libanon und jeweils rund 50.000 nach Algerien und Israel. Aufgrund des subtropischen Klimas müssen Herden oft mit Sprinkleranlagen gekühlt werden. „In einem Wüstenstaat, wo Wassermangel herrscht, trinkt eine Kuh 40 Liter am Tag – das ist Irrsinn!“, sagt Sophie Greger.

Auf viele Tiere, die die Überfahrt überleben, wartet der Tod. Das sogenannte „Schlachtvieh“ wird meist in den Mittleren Osten geliefert. Denn Judentum und Islam schreiben das unbetäubte Töten (Schächten) vor. Am beliebtesten sind Schafe, und die kommen vor allem aus Australien. Zwei bis vier Millionen exportiert das Land laut FAO jedes Jahr. Die drei- bis vierwöchige Überfahrt dieser Tiere gilt als besonders qualvoll. Im Inneren des Frachters ist es unerträglich heiß – fällt dann auch noch die Lüftung aus, sind die Folgen laut Tierschützern „katastrophal“. Australische Medienberichte bestätigen, dass jedes Jahr 20.000 Schafe während des Transports verenden.