Greenpeace Magazin Ausgabe 1.97

Turbo-Kapitalismus: Der 20:80-Faktor

Thilo Bode, Geschäftsführer von Greenpeace International, über die Zeitbombe Globalisierung und die Umwelt

Es gibt in den Industrieländern heute 40 Millionen Arbeitslose – Tendenz steigend. Weil es keine Arbeit mehr gibt, sind die Sozialkassen leer, und der Staat muß an allen Ecken und Enden sparen. Grenzenloser Wettbewerb und die Privatisierung staatlicher Dienstleistungsunternehmen schaffen immer mehr Arbeitslose. Unternehmen aber machen Gewinne wie nie zuvor und investieren weltweit.

Die meisten Politiker sehen diese Entwicklung als unumgänglich an, ja, als einzige Chance, Wachstum und Arbeitsplätze zu schaffen. Die Spiegel-Redakteure Hans-Peter Martin und Harald Schumann, Verfasser des Buches „Die Globalisierungsfalle“*, sind anderer Meinung. Sie glauben, daß sich die Industriestaaten in einer Falle befinden. Ein entfesselter Weltmarkt setzt nationalstaatliche Politik schachmatt. Die internationalen Finanzmärkte verschieben täglich Kapitalströme in sechsstelliger Milliardenhöhe über Grenzen und unterlaufen die Währungs- und Wechselkurspolitik der Nationalstaaten. Konzerne organisieren ihre Produktion global und setzen ganz legal die Steuerhoheit der Nationalstaaten außer Kraft. So gelang es z.B. Siemens und Daimler Benz, ihre Gewinne drastisch zu erhöhen. Ihre Steuerzahlungen und auch die Investitionen im Inland sind jedoch erheblich gesunken.

Die zentrale These der Verfassser ist, daß eine derart unkontrollierte Globalisierung zu einer 20:80-Gesellschaft führt. Ein Fünftel der Gesellschaft freut sich über steigende Einkommen, die anderen 80Prozent werden zunehmend ärmer. Das reiche Fünftel muß sich in bewachte Ghettos zurückziehen, um seinen Reichtum zu schützen.

Was hat das alles mit Umweltschutz zu tun? Sehr viel. Das durch die Globalisierung angeheizte Wirtschaftswachstum wird die natürlichen Ressourcen des Planeten wie nie zuvor beanspruchen, und die 20:80-Gesellschaft bedeutet einen Angriff auf den Mittelstand. Der Mittelstand aber ist diejenige Schicht, die das Ideal des Umweltschutzes politisch trägt und Umweltverbände wie Greenpeace unterstützt. Seiner Schwächung heißt Schwächung des Umweltgedankens.

Das spannend und polemisch geschriebene Buch ist Pflichtlektüre für alle Umweltpolitiker, die sich mit den Konsequenzen der wirtschaftlichen Entwicklung auf die Ökologie befassen und diese in ihrer Strategie mit berücksichtigen. Die Krise der Ökologie ist nicht zu lösen, ohne auch die Krise des Sozialstaates in den Griff zu bekommen. Deshalb muß auch Greenpeace überlegen, welche Auswirkungen das auf seine Kampagnen hat.

Als Ausweg aus dem Dilemma schlagen die Autoren ein starkes Europa vor, das sich den Auswüchsen der Globalisierung entgegenstemmen kann. Sie unterstreichen die Bedeutung einer Ressourcenbesteuerung (also einer Öko-Steuer), die die Abgabenbelastung der Arbeitskraft verringert und dafür die auf den Verbrauch von Rohstoff und Energie erhöht. Ein Weg, der sowohl ökologisch erforderlich ist als auch ökonomisch Sinn macht.

* „Die Globalisierungsfalle“ von Hans-Peter Martin und Harald Schumann, Rowohlt, 1996

Von THILO BODE