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Unsere Heimat

Greenpeace Magazin Ausgabe 6.14

Unsere Heimat

Text: Katja Morgenthaler

Die Oktoberrevolution von 1989 verdankt sich nicht allein dem Freiheitswillen der DDR-Bürger, Gorbatschows Perestroika und einer bankrotten Planwirtschaft. Das Ende des sozialistischen Großexperiments in Deutschland war auch einer Umweltkrise von apokalyptischem Ausmaß geschuldet. Eine persönliche Spurensuche in Leipzig

Wir stehen im Foyer der Schule und singen. Leute strömen herein und gleiten auf Bohnerwachs ins Wahllokal. Unsere Schule ist ein Bau aus der Kaiserzeit, ihr Namenspatron ein antifaschistischer Widerstandskämpfer unseres Stadtteils. Die Welt ist heil an diesem Sonntag in Leipzig: Die Pionierleiterin dirigiert. Die Pioniere singen. Und wer sein Halstuch vergessen hat, muss in die letzte Reihe.

Heute ist der 7. Mai 1989, Kommunalwahlen in der DDR, ein Ritual, das die Eltern Zettelfalten nennen, weil es nichts anzukreuzen gibt. Es ist die letzte Wahl mit Einheitslisten. Am Abend werden Bürgerrechtler der Regierung Wahlbetrug nachweisen. Heute ist der Anfang vom Ende der DDR und ich habe keine Ahnung. Ich bin neun Jahre alt und singe „Unsre Heimat“, ein Pionierlied von 1951. Es ist patriotisch gemeint. Aber 1989 muss es in den Ohren aller, die älter sind als neun, wie Hohn klingen. Denn unsre Heimat stinkt zum Himmel.

Die besungenen Städte und Dörfer versinken im „Industrienebel“. (Smog gibt es nur in der BRD.) Die Hälfte der Bäume im Wald hat „Rauchschäden“. (Das Waldsterben ist eine Erfindung westlicher Medien.) Durch das Gras auf der Wiese fressen sich rund um die Uhr Bagger. (Unsere Braunkohlekumpel sind die fleißigsten der Welt.) Das Korn auf dem Feld ertrinkt in der Gülle industrieller Mastanlagen. (Die sozialistische Schweinehaltung ist modern und effizient.) Die Vögel in der Luft arbeiten sich durch die dicksten Schwefeldioxidwolken Europas. (Unsere Werktätigen sollten weniger rauchen.) Die Tiere der Erde wohnen zwischen zehntausend wilden Abfalldeponien. (Die Jungen Pioniere sammeln fleißig Altpapier für Nicaragua.) Und die Fische im Fluss schwimmen mit dem Bauch nach oben. (Die Partei kümmert sich drum.)

Ob die Heimat dem Volke gehört? Geschenkt. Dass wir sie schützen, ist auf jeden Fall gelogen. Aber ich glaube daran. Die Regierung hat alle Umweltprobleme abgeschafft, als ich im Kindergarten war. Im November 1982 beschloss der Ministerrat eine „Anordnung zur Sicherung des Geheimschutzes auf dem Gebiet der Umweltdaten“, die so geheim ist, dass kaum einer ihren Wortlaut kennt. Der ökologische Kollaps wird totgeschwiegen. Gleichwohl ist er da. Und die meisten Menschen wissen das auch ohne die Mithilfe ihrer Zeitung. Sie können es sehen, riechen und schmecken. Für viele politisch Unzufriedene sind schlechte Luft und tote Flüsse der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. In den Achzigerjahren organisieren sich hunderte Umweltschützer unter dem Dach der Kirche.

Roland Quester zum Beispiel. Während ich „Unsre Heimat“ singe, „stört“ er auf dem Leipziger Markt das „sozialistische Zusammenleben“. Eine Oppositionsgruppe hat zum Wahlboykott aufgerufen und sammelt die Wahlscheine der Verweigerer in einer Urne. Der 24-jährige Tischler fotografiert das „alternative Volksbegehren“ und die Verhaftungen. Dann wird er selbst der Staatssicherheit „zugeführt“ – als einer von mehr als hundert an diesem Tag. „Lustig war das nie, weil man ja nicht wusste: Was machen die mit mir, und wie lange geht das?“

Es ist nicht sein erstes Verhör. Zwei Jahre zuvor haben er und ein Freund „Atomkraft? Nein danke“ auf ein Bettlaken gemalt – und sind damit zur Maidemonstration gegangen. Fünf Tage nach Tschernobyl war das. „Wir kamen nicht weit.“ Um die Menschen nicht vom Fahnenschwenken abzuhalten, hatte das Neue Deutschland am Vortag vermeldet, die Strahlung sei „stabilisiert“ worden. Im Westfernsehen sah Quester aber leere Spielplätze, und im Westradio hörte er von Hamsterkäufen. „Der Kontrast war einfach zu groß.“ Als die Stasi ihn wieder laufen lässt, erzählt ein Bekannter ihm von Umweltschützern, die sich montags im Jugendpfarramt treffen. Er steckt ihm die Adresse einer Kontaktperson zu. „Dort habe ich dann mal geklingelt und gesagt: Interessiert mich.“

Siebzig Menschen engagieren sich in der 1981 gegründeten Arbeitsgemeinschaft Umweltschutz (AGU). Sie geben die Untergrund-Zeitschrift „Streiflichter“ heraus, betreiben eine Umweltbibliothek, halten Seminare und veranstalten „Grüne Abende“ mit bis zu 600 Besuchern. Im Schutz der Kirche unterlaufen sie das Versammlungs- und Informationsmonopol des Staates. Es ist kein Zufall, dass die AGU eine der größten Umweltgruppen der DDR ist. Leipzig ist ökologisches Notstandsgebiet.

Ich wachse zwischen Chemiedreieck und Kohlerevier auf. Die dreckigste Stadt Europas liegt vierzig Kilometer nördlich: „Sehen wir uns nicht in dieser Welt, dann sehen wir uns in Bitterfeld.“ Zwanzig Kilometer im Süden liegt das dreckigste Dorf: Mölbis, in der Abgasfahne des VEB Kombinat Espenhain. Seit fünf Jahrzehnten laufen die Werke dort ohne größere Reparaturen. In der ausgedehnten Tagebaulandschaft des Leipziger Südraums wird schon für Hitlers Kriegswirtschaft Braun-kohle unter anderem zu Benzin „veredelt“. Der heimische Rohstoff ist schwefeliges Teufelszeug. Allein Espenhain bläst jeden Tag zwanzig Tonnen Schwefeldioxid, 4,5 Tonnen Ammoniak und 1,5 Tonnen Schwefelwasserstoffe in die Luft. Ungefiltert.

Ich weiß damals, dass ich nie nach Paris oder Westberlin reisen werde und in der Schule keine Honecker-Witze erzählen darf. Aber die Umweltkrise ist so normal, dass ich sie nicht wahrnehme. Mein Vater arbeitet als Ingenieur für Verfahrenstechnik im Chemieanlagenbaukombinat und kennt „Dreckschleudern“ auch von innen. „Wir bau’n aufs letzte Wiesenstück ’ne stinkende Chemiefabrik“, sagt er nur halb im Scherz. Im Staatsjargon heißt das: „Chemie gibt Brot, Wohlstand und Schönheit.“ Und Chemie braucht Futter. Bei Westwind quietschen mir die Bagger ein Schlaflied. Sie stehen nur zwei Kilometer entfernt in einem 400 Hektar großen Loch, das einmal der südliche Leipziger Auwald war. Cospuden heißt der Tagebau – nach dem Dorf, das jetzt nicht mehr da ist.

Im dreckigsten Dorf Europas ist es normal, tagsüber mit Licht durch den „Industrienebel“ zu fahren. Mitunter stehen Volkspolizisten mit Fackeln als Wegweiser am Straßenrand. Bäume verlieren manchmal schon im Mai ihre Blätter. Die Lebenserwartung ist unterdurchschnittlich. Viele Kleinkinder leiden an chronischer Bronchitis oder Pseudokrupp. Ärzte empfehlen Familien wegzuziehen. Das ist als Lösung der Probleme so hilfreich, wie vor Bitterfeld die Zugfenster zu schließen – oder vergiftete Flüsse zuzumauern.

Ich lebe in „Pleiß-Athen“, das Neue Rathaus steht auf den Grundmauern der mittelalterlichen Pleißenburg, aber ich kenne die Pleiße nicht. Mein eigener Großvater, Bauingenieur von Beruf, hat in den Fünfzigerjahren mitgeholfen, den Pleißemühlgraben unter die Erde zu verlegen. Anweisung von oben. Der damalige Stadtbaurat erklärte, man habe den „Pleißelauf zum Tode verurteilt“. Die Pleiße selbst war längst tot: eine schwarze Brühe mit braunroten Schaumbergen, die weithin nach den Ausdünstungen der Kohlechemie stank, „nach diesem Phenol-Gelumpe“, wie mein Großvater auf gut Sächsisch sagt. Die Konzentration der Karbolsäure lag tausendfach über dem Trinkwassergrenzwert. „Rio Phenole“ hatten die Leipziger ihr innerstädtisches Abwasser getauft. Bald wussten nur noch die Älteren, wo es floss.

„Die Symptome verdrängen – im Grunde ist das immer DDR-Politik gewesen und hat sich nie wirklich geändert“, sagt Heinz-Jürgen Böhme. Im Herbst 1988 beteiligt sich der Grafiker und Künstler mit befreundeten Architekten an einem Wettbewerb zur Zukunft des Stadtzentrums. Auf ihren Zeichnungen blitzt Blau, wo längst kein Blau mehr ist. „Überall war der Pleißemühlgraben in seinem alten Verlauf zu sehen.“ Sie haben lange überlegt, ob so ein Entwurf sofort rausfliegen wird. Aber sie können nicht anders. Manch einer im Planungsamt wird wehmütig, als er den Fluss bemerkt. Gute Idee. Allein, die Rahmenbedingungen seien nicht reif. „Das hat sich ja dann überraschend schnell geändert.“ Böhme grinst. Heute ist er Vorsitzender des Vereins Neue Ufer, der das städtische Projekt „Pleiße ans Licht“ kritisch begleitet. Wir stehen an einem Stück wiedergeborener Pleiße. Unter uns huscht eine Plötze durchs Wasser.

Bereits im Juni 1988 treffen sich etliche Leipziger zu einem „Pleißegedenkumzug“. Das ist mutig. Ist die Pleiße doch ein Synonym für Umweltverschmutzung in der DDR und der Umgang mit ihr ein Symbol nicht nur der Umweltpolitik. Der Fluss ist ebenso Verschlusssache wie die Umweltdaten, eine offene Diskussion der Probleme unmöglich.

Wer sich auf Basis selbst recherchierter Fakten kritisch zur Umweltsituation äußert, muss damit rechnen, aufgrund von Spionage, staatsfeindlicher Hetze, öffentlicher Herabwürdigung oder was auch immer angeklagt zu werden. Schon der Begriff Umwelt gerät zur Provokation.

Auf ihrem Gedenkumzug bewegen sich die Menschen aus dem Schutzraum der Kirche hinaus. Die Staatsicherheit zählt 120 bis 140 Teilnehmer, die eine „Umkehr zum Leben“ fordern und vermutet – zu Recht – Mitglieder der AGU unter den Organisatoren. Im Jahr darauf untersagt der Rat der Stadt den Gedenkmarsch. Als „Pleißepilgerweg“ findet er mit hunderten Teilnehmern am 4. Juni 1989 dennoch statt. 74 werden verhaftet. Es ist derselbe Tag, an dem die chinesische Demokratiebewegung vom Platz des Himmlischen Friedens im Kugelhagel der „Volksbefreiungsarmee“ untergeht. Ein Sonntag.

„Diese ‚chinesische Lösung‘ hat uns sehr viel Angst gemacht“, sagt Gisela Kallenbach. Am Montag gestaltet die dreifache Mutter ein Umwelt-Friedensgebet in der Nikolaikirche mit. Etwa 1250 Besucher drängen sich in den weißen Bänken. Zum Glück halten sich die Einsatzkräfte an diesem Abend zurück.

Gisela Kallenbach ist eine drahtige Frau von 70 Jahren. Nach 1989 war sie Stadträtin, Referentin im Umweltdezernat, UN-Bürgermeisterin im Kosovo und saß für die Grünen im EU-Parlament sowie im Sächsischen Landtag. Vor 1989 fegte die Leiterin eines Abwasserlabors morgens oft Asche von den Fensterbrettern, sah im Urlaub „kilometerweit tote Bäume“ und bangte um die Zukunft ihrer Kinder. Als Wasserexpertin stieß sie 1982 zur AGU, von 1984 an gestaltete sie die Friedensgebete mit. „Ich wollte meine Verantwortung wahrnehmen.“

Während ich am 7. Mai 1989 am Abendbrottisch sitze, steht Gisela Kallenbach in einem Wahllokal. Sie überwacht wie hunderte andere Bürgerrechtler im Land die Stimmenauszählung. Diesmal soll ihr Nein nicht verschwinden. Seit Jahren schon lehnt sie die Wahlvorschläge ab. Auch an diesem Tag ist sie hinter den Alibi-Paravent gegangen, den sonst niemand benutzt, hat argwöhnische Blicke ignoriert und jeden Kandidaten einzeln durchgestrichen. Nein zu sagen, ist ihr Recht. Die Umwelt zu schützen ebenso.

Ökologie hat in der DDR seit 1968 sogar Verfassungsrang. In Artikel 15, Absatz zwei heißt es: „Die Reinhaltung der Gewässer und der Luft sowie der Schutz der Pflanzen- und Tierwelt und der landschaftlichen Schönheit der Heimat sind durch die zuständigen Organe zu gewährleisten und darüber hinaus auch Sache jedes Bürgers.“ Als zweites europäisches Land nach Schweden erlässt die DDR 1970 ein umfassendes Umweltrecht, das „Landeskulturgesetz“. Und 1971 entsteht ein Umweltministerium – 15 Jahre vor dem der Bundesrepublik.

Auf dem Papier will die DDR vor der ersten internationalen Umweltkonferenz in Stockholm punkten. Später ist angesichts der maroden Wirtschaft für die hehren Ziele kaum Geld da. Schadstoffgrenzwerte sind Verhandlungssache. Mit dem Totschlagargument, andernfalls den Plan nicht erfüllen zu können, erpresst jeder Betrieb eine Ausnahmegenehmigung. Der Versuch, Wohlstand zu schaffen, damit das Volk nicht aufbegehrt, geht mehr und mehr zu Lasten der Natur. Der Umweltminister ist eine irrelevante Figur, praktisch ohne Zugang zum Politbüro. Doch wie so oft im Sozialismus ist die Idee gut.

„Das war der Punkt, an dem wir eingehakt haben“, sagt Gisela Kallenbach. „Wir wollten, dass das Gesetz eingehalten wird.“ Es ist ein strategischer Vorteil der Umweltbewegung, dass sie anders als die Friedens- und Menschenrechtsgruppen den Staat nicht offen angreifen muss. Wer darf schon etwas dagegen haben, wenn Jugendliche Bäume pflanzen? Wenn Dresdner Christen „Saubere Luft für Ferienkinder“ an der See organisieren? Wenn sich Hunderte im Fahrradkorso „Mobil ohne Auto“ bewegen? Die Protestformen sind kreativ. Gisela Kallenbach etwa sammelt seit 1988 „Eine Mark für Espenhain“. Die Aktion kirchlicher Umweltgruppen umgeht das Verbot von Unterschriftenlisten, indem jeder Zeichner eine Spendenquittung erhält.

Gisela Kallenbach weiß, dass sie Glück hatte. Sie hat ihre Stasi-Akte gelesen. Die „Zersetzung“ ihrer Persönlichkeit stand staatlicherseits schon im „Maßnahmeplan“: Wohnungsdurchsuchungen, Diskreditierung im Beruf und Ähnliches. Doch bevor es so weit ist, stürzt die SED. Sie stürzt wohl nicht nur über den Staatsbankrott, den Liebesentzug der Sowjetunion und Leute wie Roland Quester und Gisela Kallenbach, sie stürzt auch über sich selbst. Bis tief in die Reihen von SED und Staatsicherheit reichen die Skrupel – auch wegen der Umweltsünden.

So jedenfalls erlebt es ein späterer Träger des Alternativen Nobelpreises. Der staatskritische Biologe und Agrarwissenschaftler Michael Succow leitet in den Achtzigerjahren die Gesellschaft für Natur- und Umweltschutz (GNU) im Bezirk Frankfurt/Oder. Die GNU ist ein Auffangbecken beim staatlichen Kulturbund, ein Ventil für ökologisch Frustrierte. Sie dürfen Wälder kartieren, Vögel zählen, Rote Listen erstellen.

Eines von Succows Themen ist das „Verfaulen“ der Seen infolge intensiver Fischzucht. Er hält ungeschönte Vorträge zur Gewässerökologie – auch auf LPG-Schulungen. Ende der Achtzigerjahre nehmen ihn mehrmals Funktionäre beiseite. Die DDR sei pleite, er werde für einen Neuanfang gebraucht. Diese Gespräche beginnen oft mit den Sätzen: „Sie haben Recht. Mit der Umweltsituation kann es so nicht weitergehen.“ Succow führt den fast gewaltlosen Rückzug des Staates im Herbst 1989 auch auf diese Krise zurück. „Der Glaube an den Sieg des Sozialismus war in großen Teilen der Elite verloren gegangen.“

Mein Glaube gerät am 7. Oktober ins Wanken, einem Samstag fünf Monate nach dem Wahlbetrug. Ich bin jetzt zehn und die DDR feiert 40. „Republikgeburtstag“. In der Innenstadt sehe ich zum ersten Mal Polizisten mit Helm, Schutzschild, Schlagstöcken und Kampfstiefeln. Sie riegeln den Nikolaikirchhof ab. Ich kenne die Männer aus einem Pionierlied, jeden von ihnen. Sie sind „der Volkspolizist, der es gut mit uns meint“, beschützen die Kinder, sind „unser Freund“. Ich stehe vor der Kette und hinter mir werden Stimmen laut: „Schämt Euch!“, „Geht nach Hause!“ Darf man die Volkspolizei beschimpfen?

Als die Lehrerin am Montag nach unserem Wochenende fragt, erzähle ich die Szene vor der Klasse und sehe ihre Lippen schmal werden. Dann sagt sie: „Das hast du nicht gesehen.“ Ich verstehe, dass hier etwas nicht stimmen kann. Am Abend versammeln sich 70.000 Menschen am Nikolaikirchhof und laufen einmal um den Ring. Kein Schuss fällt, kein Stein fliegt, nicht eine Schaufensterscheibe geht zu Bruch. Es ist die entscheidende Montagsdemonstration vom 9. Oktober 1989.

Den Winter über verfolge ich den Umsturz im Fernsehen. Unsre Revolution, statt unsre Heimat. Aussichtslos, meinen Vater in den Massen auszumachen, die im November, drei Tage vor dem Mauerfall, 500.000 erreichen. In Berlin geht der Liedermacher Gerhard Schöne ins Studio und nimmt ein Umweltlied auf, das er schon im Februar geschrieben hat. Ein Lied, das klingt wie die wütende Antwort auf „Unsre Heimat“. Ich bin mit Schönes Kinderliedern aufgewachsen, mit Gassenhauern wie „Jule wäscht sich nie“. Er ist ein höflicher Mann. Aber jetzt schreit er ins Mikrofon. „Die Fichtelberger Fichten, auf die könn’ wir verzichten.“ Ich werde die Amiga-Platte Jahre später entdecken – ein Zeitdokument.

An einem warmen Frühlingsmontag 1990 stehen meine Eltern, meine Schwester und ich am Nordrand des Tagebaus Cospuden, um uns die Stümpfe bereits gerodeter Bäume. Wir sind vier von Zehntausend, die „Stopp Cospuden 90“ fordern. Stoppt Koksbuden, witzeln wir Kinder. Es ist meine erste echte Demo. Irgendwo müssen auch Roland Quester und Gisela Kallenbach sein. Ihr neuer Umweltbund Ökolöwe gehört zu den Veranstaltern des Sternmarschs. Es ist der 2. April 1990, am 20. gibt ein Richter den Demonstranten Recht.

Es ist das verrückte Jahr der Anarchie. Zwischen dem Zusammenbruch der einen und dem Zugriff der anderen Staatsmacht erfüllen sich viele Forderungen über Nacht.

Michael Succow wird kurzzeitig stellvertretender Umweltminister und schafft es, Großschutzgebiete auf den Weg zu bringen, die 4,5 Prozent der Landesfläche umfassen. Der langjährige DDR-Umweltminister Hans Reichelt sagt ihm am ersten Tag: „Ich gebe Ihnen alle Freiheiten, Sie müssen es besser machen.“ Der Physiker Sebastian Pflugbeil wird Minister ohne Geschäftsbereich und sorgt binnen Monaten dafür, dass alle Atomreaktoren vom Netz gehen, sie sind sowjetischen Typs.

Zur ersten und letzten freien Volkskammerwahl versprechen fast alle neuen Parteien und Wahlbündnisse eine ökologische Republik oder grüne Marktwirtschaft. Doch die Zeit geht mit Coladosen und Westautos über die ostdeutsche Umweltrevolution hinweg. Schon bald laufen „moderne“ Braunkohlekraftwerke. Und Cospuden heißt Heuersdorf oder Pödelwitz.


DIESER MUT LÄSST MICH HOFFEN

Als der hessische Dokumentarfilmer Roland Blum zum ersten Mal in die DDR reiste, fand er ein „verschlissenes Land“ vor dem „ökologischen Kollaps“ – und drehte einen Umweltfilm. Seine Langzeitbeobachtung erscheint jetzt auf DVD

Was hat Sie 1990 am meisten schockiert?
In Bitterfeld und Wolfen haben fast 45.000 Leute gearbeitet, die wussten, was aus Werk 12 oder 17 rausdampfte und floss. Dass viele Menschen das so lange ertragen haben, über diese Duldsamkeit schüttele ich immer noch den Kopf.

Wo fanden Sie es am schlimmsten?
Im ganzen „Chemiedreieck“ um Leipzig. Ich bin im Taunus aufgewachsen und kann mich noch an die Hoechst AG erinnern. Da roch es ähnlich wie in Bitterfeld. Und auch der Rhein war schwarz. Aber über die Mulde musste ich mich wundern. Wenn man sieht, dass überhaupt nichts unternommen wird... Ich war Anfang der Siebzigerjahre dabei, als das erste vollbiologische Klärwerk der BASF eröffnet wurde. Da gab es Entwicklungen, die ich in der DDR so nicht sehen konnte.

Welche Rolle hat die kaputte Umwelt beim Mauerfall gespielt?
Ich glaube, dass sie ein wichtiger Katalysator war. Es ist kein Zufall, dass viele Umweltschützer zum Kreis der ersten Montagsmarschierer gehörten, als es noch sehr riskant war, in Leipzig mit einer Kerze auf die Straße zu gehen. Aber die Angst um die Zukunft und die Gesundheit der Kinder war größer als die Angst vor der Staatsgewalt. Das lässt mich auch heute hoffen.

Ist das westdeutsche Filmpublikum überrascht, dass es im Herbst 1989 nicht nur um Bananen und „Visafrei bis Hawaii“ ging?
Ja, viele haben noch nie darüber nachgedacht. Das DDR-Wissen ist im Westen sehr schwach. Vor allem Ostdeutsche interessieren sich für den Film. Leider.

Ihr Film heißt „Mitgift“, weil die Natur der DDR 1990 als „Tafelsilber der Einheit“ bezeichnet wurde. Schwer vorstellbar, wenn man Ihre Bilder sieht.
Es gab ja neben den Industriezonen und der Massentierhaltung auch Nischen. Ich habe in der DDR zum ersten Mal Sonnentau in freier Natur gesehen. Es ist auch erstaunlich, welche Selbstheilungskräfte die Natur aus dem Fundus der DDR-Biosphärenreservate entwickelt hat.

Sie waren im Jahr 2000 und 2013 wieder da. Wie ist Ihre Bilanz?
Der größte Sprung ist bis 2000 geschehen. Manches kann man gar nicht zeigen, dass man in Bitterfeld jetzt wieder blühenden Flieder riechen kann zum Beispiel. Aber die Zukunft bereitet mir Sorgen: Die DDR war das zehntgrößte Industrieland der damaligen Zeit. Wenn wir sehen, welche Anstrengungen es Deutschland und ganz Europa gekostet hat, dort Boden, Luft und Wasser weitgehend wiederherzustellen, darf ich nicht an Länder wie China und Indien denken.

„Mitgift – Ostdeutschland im Wandel“ ist für 19,90 Euro auf DVD im Handel erhältlich. Die Zeitreise von giftigen Altlasten zu (überwiegend) blühenden Landschaften dauert 96 Minuten


GREENPEACE IN DER DDR

Mit Details nimmt es die Stasi stets genau. Das Transparent habe 3,10 Meter mal 3,08 Meter gemessen, die Schrift sei bis zu 43 Zentimeter hoch gewesen. So macht ein allmächtiger Geheimdienst das Unfassbare aktenkundig: Fünf Greenpeace-Aktivisten sind am helllichten Tag beim DDR-Umweltministerium vorgefahren und haben aus Protest gegen die Versalzung von Flüssen durch DDR-Kaliwerke einen Zentner Salz aus der Werra ausgekippt. So viel Frechheit sind die DDR-Behörden nicht gewöhnt. Um 9.05 Uhr hängt das Transparent, um 9.08 Uhr stürmen 50 Volkspolizisten das Haus und entfernen das Banner. Seit 1983 gibt es immer wieder Greenpeace-Aktionen in der DDR. Mal schwebt ein Heißluftballon über die Mauer, mal hängt ein gigantisches Plakat an einer Dresdner Elbbrücke. Nicht immer sind die lokalen Umweltgruppen erfreut. Schließlich führen sie ihren Kampf nach Feierabend und ohne Reisepass ins „Nichtsozialistische Ausland“. Doch die Zusammenarbeit wächst. Etwa als der Dresdner Arbeitskreis Ökologie 1988 einen Greenpeace-Testkoffer einschmuggeln kann, um das stark belastete Trinkwasser der Elbstadt zu untersuchen. Greenpeace unterstützt auch die Umweltbibliotheken der Ökologiegruppen mit Material. Die sammeln sogar Unterschriften, etwa für die Greenpeace-Antarktisdeklaration. Im Mai 1989 verteilen 20 Ostberliner fast 20.000 Greenpeace-Postwurfsendungen in der Hauptstadt der DDR. Ein Büro – wie im bereits liberaleren Moskau oder Budapest – ist aber ausgeschlossen. Greenpeace DDR entsteht erst im Frühling 1990. An Bord: einige der mutigsten ostdeutschen Umweltaktivisten.


UNSERE HEIMAT

Unsre Heimat,
das sind nicht nur die Städte und Dörfer,
unsre Heimat sind auch all die Bäume im Wald.
Unsre Heimat ist das Gras auf der Wiese,
das Korn auf dem Feld und die Vögel in der Luft
und die Tiere der Erde und die Fische im Fluß
sind die Heimat.

Und wir lieben die Heimat, die schöne,
und wir schützen sie, weil sie dem Volke gehört,
weil sie unserem Volke gehört.

(Lied der Pionierorganisation Ernst Thälmann, 1951, Text: Herbert Keller, Melodie: Hans Naumilkat)


KOPF IM SAND

Was ist das, was die Luft verdreckt?
Was ists, woran der Baum verreckt?
Was fließt da in den Fluß hinein?
So schlimm wird’s wohl nicht sein.

Die Fichtelberger Fichten,
auf die könn’ wir verzichten!
Ich hab gehört, die züchten
jetzt neue Bäume ran,
die noch mehr Gift vertragen.
Man kann sich nicht beklagen.
Und keiner braucht zu fragen,
was keiner wissen kann.

Refr.:
Wir müssen vertrauen – den Kopf im Sand,
Vertrauen – am Felsenrand.
Vertrauen – spieln „Blinde Kuh“.
Und raus bist du!

Der Müll, den uns der Westen schickt,
wird in die Erde neigedrückt.
Und was da drinsteckt, weiß kein Schwein.
So schlimm wird’s wohl nicht sein.

(...)
Das Wasser von der Havel,
stell niemals auf die Tafel.
Mit Wasser aus der Luppe
kocht keiner seine Suppe.
Das Wasser aus der Elbe
ist auch nicht mehr das Gelbe.
Das Wasser aus der Oder
reimt sich nur noch auf Moder.
Das Wasser aus der Pleiße,
.........................Scheiße.
Die Mulde hinter Glauche,
........................Jauche.
Im Wasser von der Saale
vergiften sich die Aale.
Das Wasser von der Spree
tut keinem Fisch mehr weh.

Refr.:
Als Tschernobyl in Strahlen stand,
gab’s Gurken am Gemüsestand.
Bei uns war eitel Sonnenschein,
denn so schlimm wird’s nicht sein.

Wenn heut’ die Luft so sauer riecht,
das Baby kaum noch Atem kriegt
und grün und blau im Bettchen liegt,
dann stell das Radio an!
Ruf auch die Auskunft an und frag!
Schau nach im Tageblatt vom Tag!
Verpass’ nicht, was das Fernsehn sagt!
Vielleicht erfährst du dann:

Refr.: Wir müssen vertrauen! ...

(Melodie und Text: Gerhard Schöne, Februar 1989)