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Greenpeace Magazin Ausgabe 4.18

Unter Haien

Text: Wolfgang Hassenstein

Tigerhai (Galeocerdo cuvier)

„Hawaii ist ein großartiger Ort, um ein Hai zu sein“, sagt der Meeresbiologe Carl Meyer so rundheraus positiv, wie es selten ist in seiner Zunft. „In der Kultur der Knaka Maoli, der Ureinwohner von Hawaii, werden Haie sehr respektiert, und Praktiken wie das Finning, also das Abschneiden der teuren Flossen, sind streng verboten.“ Weil rund um die Pazifikinseln keine kommerzielle Haifischerei stattfindet wie in so vielen anderen Meeren, sind die meisten Bestände der vierzig hier lebenden Arten stabil. So ging es bei Meyers aktuellem Forschungsprojekt auch nicht etwa um die Gefährdung von Haien, sondern um jene durch Haie.

Vor allem die Strände von Maui, bekannt für beste Surf- und Schnorchelbedingungen, gehören nämlich zu den „gefährlichsten der Welt“, wie die Zeitschrift „Tauchen“ einmal warnte. Obwohl Maui weniger Touristen zählt als die Nachbarinsel Oahu mit der Hauptstadt Honululu, gibt es mehr Haiunfälle, und Carl Meyer möchte wissen, warum das so ist. Vor einigen Jahren hatten Medien alarmiert über eine Zunahme von „Haiattacken“ berichtet. 2013 war auch eine junge Schnorchlerin aus Deutschland gestorben, nachdem ihr ein Tigerhai einen Arm abgerissen hatte.

Tiere dieser Art, die fast so groß werden wie Weiße Haie, sind an den meisten Unfällen bei Hawaii beteiligt und dafür bekannt, beinahe alles zu fressen. Carl Meyer und sein Team wählten Thunfischköpfe als Köder, als sie zwischen 2013 und 2015 mit großen Haken 41 Exemplare fingen. „Tigerhaie sind enorm stark“, berichtet er. „Wir manövrieren sie vorsichtig längsseits unseres kleinen Bootes und legen ihnen eine Schlinge um den Schwanz. Dann drehen wir sie im Wasser auf den Rücken, wodurch sie in eine tranceartige Starre fallen. So können wir sie sicher vermessen und Sender implantieren oder an den Flossen befestigen.“

Seine Forschungsergebnisse, die nun in „Scientific Reports“ erschienen sind, kann man beruhigend finden oder nicht: Tigerhaie beißen vor Maui schlicht deshalb häufiger zu als anderswo, weil sie im flachen Korallenmeer, das die Insel umgibt, beste Lebensbedingungen vorfinden und deshalb besonders zahlreich und ortstreu sind. Ab und zu unternehmen sie zwar Ausflüge zu anderen Ufern wie die Haidame mit der Sendernummer 133362 auf unserer Karte, doch kehren sie meist wieder ins Ursprungsgebiet zurück. So schwimmen rund um Maui „täglich oder fast täglich“ große Haie in unmittelbarer Nähe der beliebten Urlaubsstrände, und je häufiger sich Hai und Mensch begegnen, desto öfter passiert nun einmal etwas. Das Gleiche gilt übrigens weltweit: Grund für den Anstieg der Haiunfälle über die letzten Jahrzehnte, so die Internationale Datenbank für Haiangriffe in Florida, sei die Tatsache, dass sich immer mehr Menschen schwimmend, surfend oder stand-up-paddelnd in den Meeren vergnügen.

Dennoch war 2017 nur ein durchschnittliches Jahr: Gerade einmal fünf Menschen starben weltweit durch Haibisse. Und so werden Experten nicht müde zu betonen, wie unwahrscheinlich klein die Gefahr eigentlich ist. „In diesem Jahr sind bei Maui schon zwölf Menschen ertrunken“, erklärt Meyer. „Einen Haibiss gab es noch nicht.“

Hawaii-Touristen müssen also mit dem Restrisiko leben, zumal sogenannte „Hai-Kontrollprogramme“ sowieso nichts nützen. Ende der Sechzigerjahre hatte Hawaii 1727 Haie töten lassen, um Imagesorgen der wachsenden Tourismusindustrie zu zerstreuen. Trotzdem bissen die Haie im Jahr 1969 öfter zu als zuvor – allerdings auch dann nur zweimal, wobei es beide Male denselben Pechvogel namens Lucius Lee traf. „Der Fall hat gezeigt, wie ineffektiv solche Maßnahmen sind“, erklärt Meyer. „Lee wurde genau da gebissen, wo zuvor 33 Tigerhaie getötet wurden.“
 
Wie das sein kann, darauf liefert seine Forschung nun einen Hinweis. Es hat sich nämlich herausgestellt, dass Tigerhaie nicht überall so zufrieden sind wie bei Maui. Haie aus weniger attraktiven Gewässern wandern häufiger. Kommen sie an Maui vorbei und dort ist gerade eine Lücke im Bestand, dann bleiben sie.

Zur Person: Carl Meyer, 50, stammt von einer Inselgruppe mit rauerem Klima: den britischen Kanalinseln. Der leidenschaftliche Surfer und Freitaucher lebt seit 25 Jahren auf Oahu. Beruflich erforscht er am Meeresbiologischen Institut der Uni Hawaii die Orientierungsfähigkeit von Haien, die Folgen von Hai-Ökotourismus für die Natur und den Nutzen von Meeresschutzgebieten.