Greenpeace Magazin Ausgabe 4.02

Vergiften. Das Erbe der Chemieindustrie

Andreas Bernstorff, Giftmüllexperte von Greenpeace, über die Lage in Afrika

Sie sollten ein Zaubermittel gegen den Hunger sein – nun sind sie nur noch eines: eine giftige Plage für das mit Hunger, Armut und Aids genug geschlagene Afrika. Die Rede ist von hochgefährlichen Pestiziden, die vor Jahren und Jahrzehnten von westlichen Herstellern eingeführt wurden und jetzt in tausenden von Depots über den ganzen Kontinent verteilt sind.

Unter Parolen wie „grüne Revolution“ drängten Konzerne von Bayer bis Monsanto den unerfahrenen afrikanischen Bürokratien ihre Agrargifte auf – bezahlt aus der Entwicklungshilfe oder mit Krediten der Weltbank. Prompt ging schief, was schief gehen konnte: Schlechte Infrastruktur behinderte die Verteilung der Stoffe. Mittel zur Flächenbesprühung aus der Luft wurden angeliefert, nur Sprühflugzeuge gab es nicht. Insektizide für den Hirseanbau landeten in Gebieten, wo keine Hirse wächst. So türmten sich die Pestizide auf. Ungenutzt – und tödlich giftig.

Die Chemiemultis aus dem Norden schieben die Schuld allein den Afrikanern zu, obwohl sie das Desaster mitverursacht haben. Zwar helfen sie schon mal gnädig bei der Entsorgung. Größere Anstrengung aber investieren sie in die Öffentlichkeitsarbeitndelt sich längst um Giftmüll schlimmster Art. Das Verfallsdatum der Produkte ist längst abgelaufen, ihr Einsatz wäre illegal. Viele, wie Dieldrin (Shell), sind inzwischen verboten. Etwa ein Drittel sind gar so genannte POPs, nicht abbaubare und sich im Fettgewebe anreichernde Dauergifte, deren Verbot und endgültige Vernichtung in der Stockholmer Konvention festgelegt ist. Wo immer wir auch kontrollieren: Der Verpackungszustand der Pestizide ist erbärmlich, die Aufbewahrung abenteuerlich. Mal stehen lecke Behälter auf freiem Feld oder türmen sich Stapel von Ackergiften in wilden Lagern, immer wieder finden sich welche bei Brunnen oder nahe Siedlungen. In Mosambik wurden bei den letzten Hochwassern dutzende Giftfässer von den Fluten davongetragen und sind nicht mehr zu finden.

Nur wenige Spezialisten beschäftigen sich mit dem Problem, voran der Äthiopier Alemayehu Wodageneh von der Welternährungsorganisation FAO. Nach seinen Recherchen lagern rund 100.000 Tonnen Altpestizide in Afrika, in mehr als 30 der 54 Staaten. FAO-Mann Kevin Helps hat Helfer in Äthiopien ausgebildet, die an über 900 Standorten insgesamt 3000 Agrarchemikalien einsammeln sollen. Das Projekt ist aus FAO-Mitteln nur zur Hälfte finanziert. Die Chemieindustrie beteiligt sich bislang nicht.

Wie wenig Konzerne und Regierungen aus den üblen Erfahrungen der letzten Jahrzehnte gelernt haben, erfuhr Greenpeace in Kamerun: In Kumba, im regenreichen Nordwesten, finden wir in einer Halle neue Kartons. Der Lagerverwalter ist sicher, dass die Bauern vor Ablauf des Verfallsdatums von manchem Mittel nur ein Drittel verbrauchen können, von anderen ein Viertel oder die Hälfte. Andere Gifte, versichert er, werde er gar nicht los, die Bauern kennen sie nicht.

„Diese Mengen wurden uns aufgezwungen: von der Regierung und den ausländischen Anbietern“, sagt der Verwalter. Eines Tages habe ein Beamter aus der Hauptstadt angerufen: alles räumen, im Hafen Douala sind neue Mittel angekommen, die jetzt ins Lager müssen. Die Namen stehen auf den Kartons: Bayer, Ciba Geigy (Novartis, Schweiz), Dow Elanco (USA), Rhône Poulenc (Frankreich, heute bei Bayer), Zeneca (GB). „Nach ein, zwei Jahren sind sie abgelaufen und der Einsatz verboten“, sagt der Mann. Unter den aus dem Lager geschmissenen Mitteln war auch das in Kamerun verbotene Lindan.

Doch in Farmerläden können wir Lindan, das mit Darm- und Leberkrebs in Verbindung gebracht wird, kanisterweise kaufen. Das Verfallsdatum ist längst überschritten. Nach dem Prinzip kann man Altlasten über graue Märkte im ganzen Land „entsorgen“.

Bayer sagt bis heute, über die Standorte seiner Altpestizide fehlten Informationen. Wer nicht sucht, der findet auch nicht. Doch es kann geholfen werden. In Afrika sind es laut FAO folgende Länder: Ägypten, Äthiopien, Benin, Botsuana, Burkina Faso, Erit-rea, Gambia, Kap Verde, Kenia, Malawi, Mali, Nigeria, Sierra Leone, Sudan, Tansania, Togo, Simbabwe.