Greenpeace Magazin Ausgabe 5.14

Verletzliche Eispanzer

In fünfzig Jahren werden die Gletscher der bolivianischen Anden verschwunden sein – mit dramatischen Folgen für den Regierungssitz La Paz

Die Talstation liegt auf 5300 Metern Höhe, ganz vorne an einem steilen Abgrund. Von hier aus geht der Blick über die Weite des 1300 Meter tiefer gelegenen Altiplano. Bei guter Sicht erkennt man einzelne Gehöfte, kleine Herden von Lamas und Schafen. Hinten flimmern die Wellblechdächer von El Alto, dem riesigen Nachbarn des bolivianischen Regierungssitzes La Paz. Der liegt dahinter, verborgen in einer tiefen Schlucht. Am Horizont zeigt sich der 6439 Meter hohe schneebedeckte Inti Illimani.

Es ist noch keine zehn Jahr her, als im Tourismusbüro in La Paz eine Werbebroschüre für „die höchste Skipiste der Welt“ auslag. Die Talstation auf dem Chacaltaya-Berg erreichten die Wintersportler über eine holprige Straße in eineinhalb Stunden. Von dort schleppte sie der Lift über den Chacaltaya-Gletscher hinauf auf den 5395 Meter hohen Vorgipfel. 2001 fanden dort noch Skirennen statt.

Nur neun Jahre später ist der Gletscher endgültig verschwunden. Das Stahlseil des Lifts hängt über dem braunen, steinigen Hang, der von vereinzelten Schneeresten bedeckt ist. Die Liftbügel sind längst verheizt, die Talstation verfällt. „Der Tod des Chacaltaya ist der erste dokumentierte Fall eines verschwundenen tropischen Gletschers“, sagt der Klimaforscher Francesco Zaratti. „Er war immer klein, fast wie ein Kind, und wie das so ist bei Kindern: Wenn sie ernsthaft krank werden, sterben sie schneller als die Großen.“