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Greenpeace Magazin Ausgabe 1.15

Vertragt Euch!

Wie beenden Friedensverträge Blutvergießen und hindern die Kontrahenten daran, wieder zu den Waffen zu greifen, sobald die Tinte trocken ist? Darüber gibt es fast so viele Theorien wie Friedensschlüsse. Einig sind sich Völkerrechtler, Historiker und Konfliktforscher aber in einem Punkt: Der „große Wurf“ gelingt fast nie. Viele kleine Schritte sind nötig, Rückschläge müssen überwunden und alle ins Boot geholt werden, auch wenn das unpopulär, zäh und unbequem ist. Kurzfristig helfen oft Sicherheitsgarantien von außen – Friedensmissionen etwa. Langfristig wirken Institutionen zur Gewalten-teilung friedensstiftend. Ob Erfolg oder Misserfolg, zeigt sich erst im Laufe der Zeit. Fünf Siege des Friedens und ein Achtungserfolg

Westfälischer Friede
24. Oktober 1648, Münster und Osnabrück
Drei Jahrzehnte Gemetzel, Plünderungen, Hunger, Pocken, Pest und mindestens drei Millionen Tote – der Dreißigjährige Krieg um die politische und religiöse Vorherrschaft in Europa war lang und grausam. Und er tobte noch, als sich 1644 nach komplizierten Vorverhandlungen 150 Gesandte aller Kriegsparteien zu einem Friedenskongress in zwei entmilitarisierten Städten trafen: Die simultanen Konferenzen im katholischen Münster und im evangelischen Osnabrück brachten von Schweden bis Spanien fast alle europäischen Nationen zusammen und wurden zum Vorbild für Friedensverhandlungen späterer Jahrhunderte. Vermittler wurden eingeschaltet und alle Staaten hatten, unabhängig von ihrer tatsächlichen Macht, gleich viel Gewicht. Ein Ergebnis des Vertrags war die Gleichstellung der Konfessionen in Deutschland.

Wiener Kongressakte
9. Juni 1815
Nach dem Sturz Napoleons trafen sich 1814 Vertreter von rund 200 Staaten, Herrschaften und Städten, um eine europäische Nachkriegsordnung ohne Feldzüge auszuhandeln. Unter Leitung des österreichischen Außenministers Fürst von Metternich entstand ein über Jahrzehnte stabiles Gleichgewicht der Großmächte – die Heilige Allianz. Neu war, dass der Kriegsverlierer mit am Tisch saß. Selbstredend musste Frankreich alle Annexionen seit 1795 wieder rückgängig machen. Dafür blieb es als gleichberechtigte Großmacht anerkannt.

Israelisch-Ägyptischer Friedensvertrag
26. März 1979, Washington
Der Händedruck von Ägyptens Präsident Anwar as-Sadat, US-Präsident Jimmy Carter und Israels Ministerpräsident Menachem Begin beweist: Eine Aussöhnung Israels mit seinen arabischen Nachbarn ist möglich. Die Verhandlungen zu dem bis heute anhaltenden Frieden hatten 1978 auf Einladung Carters in Camp David begonnen. Ägypten erkannte Israel an, was einem Tabubruch gleichkam. Israel räumte den seit 1967 besetzten Sinai. Für Sadat endete das Abkommen jedoch tödlich: 1981 wurde er von Islamisten ermordet.

„Deutsch-Deutscher Friedensvertrag“
31.10.1983, Ostberlin
Juristisch irrelevant, aber politisch geglückt: Erich Honecker hatte die Grünen eingeladen, um weltoffen zu wirken. Die Delegation um Petra Kelly nutzte den Besuch aber zum Treffen mit Friedensgruppen. Deren Forderungen nach Gewaltverzicht überbrachte sie auf grüner Pappe dem SED-Chef, der – wider Erwarten – unterschrieb. Auf Kellys Pulli prangte das in der DDR verbotene Logo „Schwerter zu Pflugscharen“.

Karfreitagsabkommen
10. April 1998, Belfast
Es war einmal ein blutiger Bürgerkrieg in Westeuropa: 29 Jahre nach Ausbruch der Kämpfe zwischen pro-irischen Katholiken und pro-britischen Protestanten mit 3500 Toten einigten sich der irische Regierungschef Bertie Ahern, der britische Premier Tony Blair und die nordirischen Parteien auf eine politische Konsenssuche für Nordirland. In einem Referendum stimmten 71 Prozent der Nordiren für den Vertrag. Darin hatten unter anderem die proirische IRA und deren Gegnerin UDA ihre Bereitschaft zur Entwaffung erklärt. Irland verzichtete auf die Forderung nach einer Wiedervereinigung mit dem 1921 verlorenen Landesteil.

Zwei-Plus-Vier-Vertrag
12. September 1990, Moskau
Was lange währt, wird manchmal Weltgeschichte. Mit dem „Vertrag über die abschließende Regelung in Bezug auf Deutschland“ zwischen BRD und DDR sowie Frankreich, Großbritannien, USA und UdSSR endete 45 Jahre und vier Monate nach der Kapitulation der Wehrmacht völkerrechtlich die Nachkriegszeit. Deutschland erhielt seine volle ouveränität zurück und sicherte unter anderem zu, nie mehr alte Gebietsansprüche, etwa in Polen, zu erheben. Die Verhandlungen gelten als Sternstunde der Diplomatie. Innerhalb weniger Monate wurden Probleme gelöst, die eine Epoche belastet hatten. Nicht zuletzt ermöglichte das Abkommen die deutsche und europäische Einigung. Es zählt zum Weltdokumentenerbe der Unesco.