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Vom Gelben Sack ins Schwarze Loch

Greenpeace Magazin Ausgabe 6.15

Vom Gelben Sack ins Schwarze Loch

Text: Christian Sywottek Foto: Enver Hirsch

Die Deutschen produzieren soviel Plastikmüll wie nie zuvor. Fleißig sammeln sie ihre leeren Verpackungen und wiegen sich dabei im Glauben, es würden neue Produkte daraus hergestellt. Doch von einer echten Kreislaufwirtschaft sind wir noch weit entfernt. Dabei ist sie möglich – wenn alle mitmachen.

Sechzehn Millionen Tonnen: Ein riesiger Haufen aus zerknautschtem Plastik und zerfleddertem Papier, aus schmutzigen Flaschen, verbeulten Dosen und zerdrückten Getränkekartons. Ein Güterzug, damit beladen, würde das Gleis der Transsibirischen Eisenbahn von Wladiwostok bis nach Moskau komplett belegen – und dazu die Anschlussstrecke nach Berlin.

Sechzehn Millionen Tonnen, so viel Verpackungsmüll produzieren die Deutschen jährlich. Das sind pro Kopf zwanzig Prozent mehr als im europäischen Durchschnitt, und auch beim gesamten Abfall liegt die Bundesrepublik in der Spitzengruppe. Zugleich wird der Müll immer schwerer verdaulich. Während der Glasanteil auf immer neue Tiefstände sank, hat sich die Masse der Kunststoffverpackungen seit 1993 auf mehr als 2,8 Millionen Tonnen fast verdoppelt. Und nur ein Bruchteil davon wird „hochwertig“ recycelt, bekommt also ein neues Leben als Verpackung oder Konsumerzeugnis.

Wie jetzt? Sind wir Deutschen nicht Recycling-Weltmeister? Die Erfinder der Mülltrennung, die fleißigsten Pfandflaschensammler, das Volk, welches das Ökobewusstsein zur Staatsräson erhoben hat? Und jetzt zählen wir zu den Müll-Champions?

Beim Rundgang durch einen ganz normalen Supermarkt in Köln-Ehrenfeld wird schnell klar, wo das Problem seinen Ursprung hat. In der Gemüsezone geht es schon los: Möhren, Feldsalat, Pak Choi – in der Kunststoffschale. Gurken in Folie eingeschweißt. Die Sanitärabteilung: Sechzig Blatt feuchtes Toilettenpapier in einer Box, robust wie eine Brotdose für Bauarbeiter. Im Kühlregal: Frischkäse und Joghurt in Plastik und Aluminium, Schokostreusel im Extrafach. Und dann die Getränkeabteilung: PET im Überfluss, und kaum zu ergründen, was Mehrweg-, Einweg-Pfand- oder Wegwerfflasche ist.

Hier „müllarm“ einzukaufen, ist schwierig. Und so staunt zu Hause selbst wer sich für einen bewussten Konsumenten hält, wie schnell sich der Gelbe Sack immer wieder füllt. Hersteller unterstreichen durch schicke Verpackungen gern die Wertigkeit ihrer Produkte. Der Einzelhandel will alles schön stapel- und lange haltbar haben. Und natürlich haben die Verbraucher ihren Anteil daran: Praktische „Convenience“-Produkte stehen hoch im Kurs. Ein Supermarkt in Österreich hatte schon mal die glorreiche Idee, geschälte Bananen in der Plastikschale anzubieten – und nahm sie erst nach höhnischen Protesten im Internet wieder aus dem Sortiment. Ananas und Fruchtsalate „to go“ haben sich aber durchgesetzt. „Hier ein Schnickschnack, dort ein extra Kämmerchen“, so beschreibt Michael Angrick vom Umweltbundesamt in Dessau die Entwicklung. Käsescheiben sollen nicht aneinanderkleben – kommt eben eine Folie dazwischen. Der Verbraucher will den Reiniger nicht aufs Tuch geben – da schraubt man eine Sprühpistole auf die Flasche. Und kaum ein Getränkekarton kommt heute ohne Drehverschluss aus. Der Plastikanteil von Tetrapak und Co. ist auch deshalb im Schnitt von 21 auf 27 Prozent gestiegen.

„Vor allem der Trend zu kleineren Füllgrößen treibt die Müllmenge in immer neue Höhen“, sagt Angrick. Schuld sei auch die demografische Entwicklung: Die Verbraucher werden älter, „und Ältere kaufen lieber kleine Portionen“. Außerdem gebe es immer mehr Ein- und Zweipersonenhaushalte.

Auch die Biobranche ist mit von der Partie: mehr Plastik, weniger Mehrweg. „Es läuft wie bei konventionellen Produzenten“, räumt Renate Dylla von der Arbeitsgemeinschaft ökologischer Lebensmittelhersteller ein. Zwar gebe es Vorreiter, die nach sparsamen und nachhaltigen Alternativen suchten. Aber grundsätzlich werde der Umweltschutz in diesem Bereich eher kleingeschrieben. „Viele Biokunden ticken auch nicht anders als andere. Sie wollen es gesund, der Rest interessiert sie weniger.“ Dylla berichtet von „massiven Zwängen“ in den herkömmlichen Supermärkten. Die Hersteller müssten ihre Ware aufwendig verpacken, um die Haltbarkeit zu verlängern. Zudem erhält Bio-Obst und -Gemüse oft eine Extrahülle, damit es an der Kasse nicht als billige Normalware durchgeht. Dass dies ausgerechnet die „Öko“-Produkte trifft, habe sogar Sinn, weil weniger davon verkauft werden.

In den reinen Biosupermärkten bekommt man Obst und Gemüse zwar noch überwiegend lose. Aber auch bei Alnatura gibt es „Caffè Latte“ im Plastikbecher, mit Papphülle, Aluverschluss und einem Extradeckel mit Trinköffnung – die süße Plörre ist im Nu getrunken, der Rest ist Müll. Bio sei ein Massenmarkt geworden, auf dem nicht mehr die Ökopioniere die Regeln vorschreiben, erklärt Renate Dylla: „Für die konventionellen Hersteller, die Bio nur machen, um ein Wachstumssegment abzugreifen, spielen Umweltgesichtspunkte eine Nebenrolle.“

Henning Wilts, der am Wuppertal-Institut zu Stoffströmen und Ressourcenmanagement forscht, wundert das alles nicht: „Die Deutschen glauben an Mülltrennung und Recycling, für sie ist das Problem mit den Verpackungen gelöst.“ Die Müllabfuhr arbeitet zuverlässig. Aber was passiert eigentlich danach mit all dem Ramsch?

In der Sortieranlage der Lobbe Entsorgung West GmbH & Co. KG im westfälischen Iserlohn riecht es süßlich-faul und es herrscht ohrenbetäubender Lärm. Mehr als hundert Förderbänder, insgesamt über einen Kilometer lang, jagen täglich bis zu vierhundert Tonnen Müll aus den Gelben Säcken durch verschiedene „Trennstufen“. Erst sortiert eine betonmischergroße Siebtrommel alles nach Größe. In einer zweiten Siebtrommel kratzen scharfe Kanten den Dreck runter. Dann saugt ein baumdickes Rohr mit kräftigem Zug die Folien ab. Es folgt ein Kasten, in dem Magnete Dosen und Kronkorken aus dem Müll pflücken – und Aluminium, das ebenfalls leicht magnetisch ist.

Deutschlands modernste Sortieranlage, 2014 für 13 Millionen Euro erbaut, schafft es recht gut, den wachsenden Kunststoffanteil vom anderen Verpackungsmüll zu trennen. Doch Plastik ist nicht gleich Plastik: Um die verschiedenen Sorten recyceln zu können, müssen sie sorgfältig sortiert werden, was immer schwieriger wird. Das Problem offenbart sich in einem Stahlkasten, den die Förderbänder in rasendem Tempo mit neuem Material füttern. Infrarotstrahlen tasten darin Becher, Flaschen und Folienverpackungen ab, erkennen die Kunststoffe und geben entsprechende Signale an eine Reihe winziger Luftdüsen, die die Teile mit einem kurzen Fauchen auf separate Förderbänder schießen. Theoretisch klappt das wunderbar. Praktisch herrscht am Ende oft ein Durcheinander.

Es ist die komplizierte Beschaffenheit des angelieferten Kunststoffmülls, an dem die Hightechmaschine scheitert. Denn immer häufiger werden dickwandige Plastikhüllen aus nur einem Material durch leichtere „Verbundmaterialien“ ersetzt. Käse und Wurst stecken aus Convenience-Gründen in Folienverpackungen aus verschiedenen Kunststoffen, die auch noch verklebt sind. Dünnwandige Joghurtbecher bekommen, eigentlich gut gemeint, eine Pappmanschette, die längst nicht alle Leute getrennt entsorgen. Stark gestiegen ist die Menge der folienversiegelten PET-Schalen – die Abkürzung steht für „Polyethylenterephthalat“ – in denen Supermärkte Frischfleisch anbieten oder das schnelle Sushi für die Mittagspause. „Schön, leicht und bunt“, sagt Lobbe-Geschäftsführer Michael Wiezcorek, „das mag für Konsumenten sexy sein. Der Sortierung und dem Recycling dient es nicht.“

Denn weil die Infrarottechnik nur die oberste Lage identifiziert, schafft selbst die neue Anlage in Iserlohn nur eine Sortenreinheit von 46 Prozent. Mehr als die Hälfte des Plastikmülls wird zu minderwertigem Mischkunststoff oder geht als „Ersatzbrennstoff“ in Zement- oder Kraftwerke. Manchmal sei das sogar sinnvoll, sagen Experten: Bei kleinen und verschmutzten Teilen werde so mehr Energie gewonnen, als das Recycling kosten würde.

Die nächste Station im vermeintlichen Kreislauf sind die Recyclingunternehmer. Auch hier herrscht Unmut: Sie klagen über die schlechte Qualität des Rohstoffs, den sie von den Sortierern erhalten. Die Firma „mtm plastics“ im thüringischen Niedergebra produziert jährlich 30.000 Tonnen Granulate aus Polyethylen und Polypropylen, die anschließend zu neuen Verpackungen, Büromöbeln oder Autoteilen verarbeitet werden. Doch Geschäftsführer Michael Scriba berichtet von sinkenden Ausbeuten: „Die Probleme bereitet eindeutig das Material.“ Leichte Mehrschichtfolien etwa, bei denen das Verhältnis zwischen Gewicht und Verschmutzung nicht mehr stimmt, sodass sich Recyceln nicht lohnt. PET-Schalen, die mit anderen Kunststoffen untrennbar verbunden sind und die Prozesse „versauen“. Klebstoffe und Pigmente, die das Granulat verfärben. Scriba recycelt deshalb nur noch zwischen 50 und 75 Prozent des vorsortierten Ausgangsmaterials.

So gibt es also Verluste an allen Stationen. Schon in den Haushalten landet ein knappes Drittel der Verpackungskunststoffe im Restmüll. In den Aufbereitungs- und Recyclinganlagen fallen weitere „Sortierreste“ an. Und selbst hochwertige Kunststoffe enden noch immer oft als Parkbank oder Lärmschutzwand, ersetzen also nur andere Werkstoffe. Das Ergebnis: Nur rund ein Viertel unseres liebevoll gesammelten Plastikmülls fließt wirklich in einen „Kreislauf“. Mehr als die Hälfte geht am Ende in Flammen auf. Und das hat auch politische Gründe.

Die Müllverbrennungsanlage Köln-Niehl hat ein sanft geschwungenes Dach und viel Grün an der Fassade. Mit einer Jahreskapazität von 790.000 Tonnen ist sie eine der größten im Land. Überregionale Bekanntheit erlangte sie aber als Auslöser des „Kölner Müllskandals“. In den 90er-Jahren hatten illegale Parteispenden die dortige SPD dazu bewogen, dem Bau zuzustimmen – obwohl es für eine so große Anlage gar keinen Bedarf gab, wie Kritiker warnten. Heute wird hier sogar Müll aus dem Ausland verbrannt.

Korruption und Fehlplanungen gab es nicht nur in Köln. Bundesweit bestehen Überkapazitäten bei Müllverbrennungsanlagen – die nun im komplizierten Geflecht der Abfallwirtschaft dazu führen, dass viel Plastik gar nicht erst bei den Recyclern ankommt. Weil in den Haushalten immer weniger Restmüll anfällt, werben die MVA-Betreiber mit billigen Abnahmepreisen etwa um Gewerbeabfälle. Diese fehlen in den eigentlich effizienteren Ersatzbrennstoff-Kraftwerken der Industrie – die nun verstärkt um energiereichen Plastikmüll werben. „Die vielen Müllverbrennungsanlagen verzerren den Markt“, schimpft Unternehmer Michael Scriba. „Da kann das Recycling nicht mithalten.“

Hinzu kommt, dass die Vorgaben der Verpackungsverordnung von 1993 stammen. Kunststoffe müssen demnach zu 36 Prozent recycelt werden – eine Quote, die die Entsorger heute fast von selbst erfüllen. Es lohnt sich für sie schlicht nicht, den Verpackungsmüll sortenreiner aufzubereiten: Die Recyclingfirmen zahlen zu wenig dafür. Denn die finden für ihre Granulate nur Käufer, wenn sie deutlich günstiger sind als Neu-Kunststoffe – welche aber wegen des niedrigen Ölpreises derzeit besonders billig sind. Klar ist also: Der Markt wird es nicht richten.

Ändern wird sich das verkorkste System nur durch neue Rahmenbedingungen. Experten fordern unisono eine höhere verpflichtende Recyclingquote für Kunststoffverpackungen – manche halten bis zu 65 Prozent für machbar. Sortierer und Recycler würden so gezwungen, gründlicher zu arbeiten. In diese Richtung könnte das seit Jahren geplante neue „Wertstoffgesetz“ wirken. Darin will Berlin auch die Einführung der Wertstofftonne festschreiben, in die man künftig nicht nur Verpackungen werfen soll – sondern auch Spielzeug oder die alte Pfanne mit Kunststoffgriff.

Die Idee ist so schön: Alle machen mit bei der konsequenten Kreislaufwirtschaft, in der kein Rohstoff verloren geht. Visionäre wie Michael Braungart, der Erfinder des Cradle-to-Cradle-Prinzips („von der Wiege zur Wiege“, GPM 3.12), sehen darin den einzigen Weg in eine nachhaltige Zukunft. Doch damit sein Plan eine Chance hat, müssen alle Produkte – nicht nur Verpackungen – von Anfang an so gestaltet werden, dass sie sich vollständig wiederverwerten lassen. Die derzeit so populären Mischkunststoff- und Verbundverpackungen führen genau in die andere Richtung.

„Wenn man nicht nur die Symptome kurieren will, muss man das große Rad drehen“, sagt Henning Wilts vom Wuppertal-Institut. Er plädiert für eine „Ressourcensteuer“, die den Herstellern zusätzliche Lasten aufbrummt, wenn ihre Verpackungen nicht recyclingfähig sind – und solche belohnt, die viel Recyclingmaterial verwenden. Leider findet dieser Vorschlag im jüngsten Eckpunktepapier aus Berlin zum Wertstoffgesetz keine Beachtung. Auch fehlen darin Aussagen zu ambitionierten Quoten oder zur Qualität des Recyclings. Immerhin soll das Papier der Startschuss sein, um das seit langem geplante Gesetz überhaupt auf den Weg zu bringen.

Für alle, denen das zu lange dauert, gibt es zum Glück schon heute ein Konzept, das die Umwelt noch viel besser entlastet als jedes Recycling und das jeder selbst in der Hand hat: Müllvermeidung. Es empfiehlt sich zum Beispiel, öfter mit dem Einkaufskorb auf den Wochenmarkt zu gehen. Passenderweise machen außerdem in jüngster Zeit vielerorts Läden auf, die Lebensmittel lose verkaufen.

Und Getränke – kauft man ohnehin am besten in der guten alten Glas-Pfandflasche. Wenn die nach rund fünfzig Zyklen aussortiert wird, landet sie in einem zweiten Kreislauf, der längst reibungslos und fast verlustfrei funktioniert: dem Glasrecycling.