Greenpeace Magazin Ausgabe 2.99

Vorsicht Kamera

Sie sind „camcordistas“ — Rebellen mit Videokameras. Vier junge Engländer produzieren preisgekrönte News, die in anderen Medien lieber totgeschwiegen werden.

Wenn Roddy Mansfield mal von seinem Bildschirm aufschaut, sieht er sich selbst – auf Zeitungsfotos an der Wand: Roddy im Polizeigriff, Roddy eingekeilt zwischen kräftigen Bobbys, Roddy am Boden, wie ihm seine Videokamera entwunden wird. Der schmächtige, 28jährige Video-Journalist, der früher mal als Paparazzo gearbeitet hat, wird auf Demonstrationen regelmäßig festgenommen. Trotz seines Presseausweises, den er immer um den Hals trägt, und obwohl er gerade bei der Polizei bekannt ist wie ein bunter Hund. „Achtmal allein in den letzten beiden Jahren“, zählt er vor, „das ist britischer Rekord, glaube ich. Sie mögen es einfach nicht, wenn man sie filmt.“

Wenn Roddy aber gebannt auf die Mattscheibe starrt, wie an diesem kühlen, nassen Januarmorgen in Oxford, bricht er immer wieder in Gelächter aus. „Das ist die schönste Zeit des Tages“, sagt er und bläst in seinen Kräutertee, „wenn ich morgens neues Material auswerte.“ Heute inspiziert er ein Video aus Belgien, von den anarchistischen, gleichwohl ungeheuer effizienten „Entarteurs“, die „aufgeblasene Prominente“ mit Sahnetorten attackieren.

Mit professionellem Respekt studiert Mansfield, wie „gloup, gloup, gloup“ rufende Aktivisten dem milchgesichtigen Bill Gates ein Sahnehäubchen aufsetzen und wie ein zäher Kameramann den Microsoft-Boß und dessen bullige Bodyguards bis auf die Herrentoilette verfolgt, wo der völlig humorfreie Multimilliardär versucht, Torte und Schmach wieder abzuwaschen.

„Lustig, aber nichts für uns“, befindet Mansfield schließlich und legt die nächste Kassette ein. Die ganze Welt ist bereits – über die News der großen TV-Sender – Zeuge dieser präzisen Sahnierung gewesen. Roddy aber, als Archivar von „Undercurrents“, sucht nach Aktionen und Bildern, die eben nicht schon überall gezeigt wurden. „Wir produzieren die Nachrichten, die sonst nicht in die Nachrichten kommen“, erklärt sein Kollege Paul O’Connor, 28, der Undercurrents mitgegründet hat. Gegen den „Mainstream“ arbeiten die Briten, und „Undercurrents“ steht dabei für eine „Unterströmung“, die an der Oberfläche kaum zu spüren ist, die Gesellschaft aber dennoch unmerklich verändert.

Alles fing damit an, daß Paul O’Connor ein paarmal zu oft Prügel einstecken mußte. Auf Demonstrationen. Von der Polizei. Und nie gab es Zeugen. Angeblich. Im Fernsehen kamen Protestler fast nur als zweifelhafte Elemente vor, wie sie gerade in Handschellen abgeführt wurden. „Wenn die News nur eine Seite zeigen, dachte ich mir, filme ich eben selbst die andere Seite der Medaille“, erzählt der frühere Sportfotograf. Paul O’Connor kaufte sich einen eigenen Video-8-Camcorder und legte los, ohne je zuvor gefilmt zu haben.

Das liegt gut fünf Jahre und knapp ein Dutzend nationale und internationale Fernseh- und Videopreise zurück. Längst bilden Paul, die anderen drei bezahlten und Dutzende freiwillige Mitstreiter die Speerspitze einer weltweit wachsenden Graswurzel-Bewegung: der Video-Aktivisten. „Wir filmen immer auf Seiten der Protestler“, erklärt Paul, „wir sind zwar subjektiv, aber das sind die anderen Medien auch.“ So begleiten und unterstützen sie lokale Protestgruppen – etwa gegen die Zerstörung von Wäldern durch den Straßenbau oder gegen die Yuppisierung von Arbeitervierteln – mit simplen Camcordern oder dokumentieren Polizeiübergriffe gegen Demonstranten. Was die Beamten, die ihrerseits alles filmen, derart nervt, daß sie Video-Aktivisten wie Roddy Mansfield inzwischen ganz gezielt aus der Menge greifen.

„Sie halten uns möglichst so lange fest“, sagt Roddy, der seit zwei Jahren fest bei Undercurrents und schon seit fünf Jahren „Camcordista“ ist, „daß wir unsere Bilder, etwa von einem brutalen Einsatz, nicht mehr in die Nachrichten bekommen. Dann lassen sie uns wieder frei.“ Angeklagt wurde er, trotz etlicher Festnahmen, noch nie. Mittlerweile filmen sich die Aktivisten gegenseitig, um solche Verstöße gegen Pressefreiheit und Bürgerrechte zu beweisen. Die Bänder der Arrestierten werden in der Regel von der Polizei gelöscht, was diese ebenso regelmäßig bestreitet. Trotzdem bleibt immer wieder genug übrig, um vor Gericht als Beweismittel verwendet zu werden. „Früher riefen Leute, die verprügelt oder verhaftet wurden, immer um Hilfe“, erzählt Mansfield, „heute rufen sie: Kamera!“ Und die Polizei hält sich sichtlich zurück, solange sie auf Video gebannt wird.

Zwar verkaufen die chronisch unterbezahlten und überarbeiteten Video-Aktivisten ihr Material und das ihres weltweiten „Camcorder Activist Network“ auch an kommerzielle Medien. Um jedoch die Kontrolle darüber zu behalten, „welche Botschaft rüberkommt“, produzieren sie in ihren winzigen Räumen im Herzen der Universitätsstadt rund 90minütige Videomagazine. Gerade ist Nummer 10 in Arbeit.

„Wir haben Abonnenten in der ganzen Welt“, erklärt Joanna Huddart, 26, die für Marketing und Vertrieb zuständig ist, „und wir führen die Videos überall im Land vor.“ Von ihrer eigenen Homepage im Internet (www.undercurrents.org) erhoffen sie sich einen weiteren Publicity-Schub: „Bei einer Aktion gegen die Politik von Shell in Nigeria haben wir in deren Zentrale Räume besetzt“, erzählt Roddy Mansfield. „Während sie noch bestritten, daß was läuft, haben wir bereits live übers Internet gesendet.“ Alles was sie brauchten, um den Öl-Multi öffentlich vorzuführen, waren ein digitaler Camcorder, ein Laptop und ein Mobiltelefon. „Eigentlich“, grinst Roddy, „kann jeder ein Camcordista sein.“

Von MICHAEL FRIEDRICH
Fotos: FLORIAN JAENICKE und