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Greenpeace Magazin Ausgabe 5.16

Warum gibt es so viele überflüssige Verpackungen?

Text: Wolfgang Hassenstein

fragt Thomas Bergmann aus Bad Waldsee-Michelwinnaden

Die Müllflut ist ein ewiges Ärgernis. Wir haben nachgefragt, was die Supermärkte dagegen tun wollen


Die meisten Leserinnen und Leser werden das kennen: Da müht man sich, müllarm einzukaufen, und trotzdem füllt sich zu Hause der Gelbe Sack scheinbar ganz von allein. Das nagt am Ökogewissen, schließlich wissen wir, dass nur der kleinste Teil der „Wertstoffe“ am Ende sinnvoll recycelt wird. Einen herzlichen Gruß und Daumen hoch an dieser Stelle an all jene, die konsequent mit dem eigenen Korb auf Märkten und in Hofläden einkaufen!

Für alle anderen haben wir die Frage von Herrn Bergmann konkretisiert und an jene weitergereicht, die die Antwort kennen müssten, nämlich an Edeka, Rewe und Alnatura. Unsere Bitte um Interviews mit den Verpackungsexperten löste in den Presseabteilungen der zufällig ausgewählten Supermarktketten spürbar Hektik aus. Edeka lehnte schließlich ab und schickte eine allgemeine Antwort, ohne im Detail auf unsere Fragen einzugehen. Auch Rewe wollte erst nicht mit uns sprechen, stimmte dann aber doch noch zu. Unkompliziert klappte es mit Alnatura.

Die gute Nachricht: Alle geloben Besserung. „Uns ist bewusst, dass wir bei vielen Verpackungen Optimierungsbedarf haben“, schreibt Edeka. „Wir gehen die umweltverträglichere Gestaltung der Eigenmarken-Verpackungen seit 2015 systematisch an.“ Auch Daniela Büchel, Mitglied der Rewe-Geschäftsleitung, erklärt, man nehme die Sache „sehr, sehr ernst“ und verbanne deshalb gerade die Plastiktüten von den Kassen. Das ist lobenswert, hilft aber allen, die längst ihre eigenen Beutel mitbringen, nicht weiter.

Schauen wir uns also mal in einem Supermarkt um und beginnen in der Obst- und Gemüseabteilung. Für das Selbstbedienungskonzept sei „der Schutz der Ware im Hinblick auf Qualitätssicherung, Hygiene und vor vorzeitigem Verderb“ eine Voraussetzung, erklärt Edeka, „sowie der Schutz vor Verwechslung verschiedener Ware, etwa von Bio und konventioneller Ware“. Der letzte Halbsatz ist spannend: Weil weniger Ökoprodukte verkauft werden als andere, verpacken die Supermärkte sie und nicht die Billigware extra, was so gesehen tatsächlich Ressourcen spart. Umweltbewusste Kunden aber bringt es immer wieder in eine Zwickmühle. Nicht nur Bio-Salate, -Beeren und -Tomaten liegen bei Edeka in folienumhüllten Kunststoffschalen, auch ökologisch erzeugte Champignons, Zucchini und Fenchelknollen. Ähnlich sieht es bei Rewe aus.

 Dagegen verkauft Alnatura Obst und Gemüse meist lose, denn der Öko-Supermarkt hat kein Problem mit der Verwechslungsgefahr. Edekas Argument der „Qualitätssicherung“ sticht nicht, schließlich verfügen Früchte über eine natürliche Verpackung namens Schale. Immerhin, erfahren wir, nutzt Edeka zunehmend „Kartontrays“. Und Rewe ersetzt gerade das „Gurkenkondom“ durch Banderolen, so Daniela Büchel.

Nun stehe der Kampf gegen die „Knotenbeutel“ ganz oben auf der Agenda, fügt sie hinzu. Demnächst sollen Rewe-Kunden Obst und Gemüse in wiederverwendbare Netzsäckchen aus Biobaumwolle füllen können. Ähnliches plant Alnatura: „Unsere IT arbeitet an Lösungen“, sagt Qualitätsmanagerin Isabell Kuhl. Per Tastendruck könnte schon bald an der Kasse das Gewicht der Mehrwegbeutel abgezogen werden.

Bei Obst und Gemüse sind also Öko-Supermärkte klar im Vorteil. Dagegen unterscheidet sich das Kühlregal von Alnatura kaum von dem der Konkurrenz: jede Menge Plastikbecher, Getränkekartons und Frischfleisch in PET-Schalen. Wie bei Rewe und Edeka liegen Wurst, Käse und Veggie-Aufschnitt aufgefächert in Hartschalen mit Foliendeckel.

Solche Verpackungen aus mehreren Kunststoffen bereiten in den Sortieranlagen Probleme. „Aber bei leicht verderblicher Ware braucht man Mehrschicht-Kunststoffe mit Sauerstoffbarriere“, erklärt Isabell Kuhl. Da ist es offenbar nachrangig, dass Verbraucherschützer empfehlen, die Kontaktfläche von Produkt und Verpackung so gering wie möglich zu halten. Zwar sei es denkbar, die Scheiben einfach gestapelt einzuschweißen. „Aber das sähe nach einem extremen Discountprodukt aus, das machen die Kunden nicht mit“, erklärt die Alnatura-Managerin.

Selbst der Öko-Supermarkt verpackt also die eine oder andere Ware aufwendiger als nötig – aus Marketinggründen. Denn was auffällt und handlich ist, landet schneller im Einkaufswagen. Auch Bio-Kunden greifen bei Kiwis im Viererpack oder „Paprika-Ampeln“ zu, auch sie mögen Caffè Latte to go mit Trinkhilfe. Bei Alnatura an der Kasse gibt es palettenweise Apfelschorle für unterwegs – in pfandfreien Plastikflaschen. „Das ist bei uns die intern am meisten diskutierte Verpackung“, räumt Isabell Kuhl ein.

Jedem Kunden steht es frei, die Schorle links liegen zu lassen. Täten es alle, wäre sie wohl bald ausgelistet. Aber es tun eben nicht alle. Umweltschützer fordern deshalb eine Ressourcensteuer, um die Verschwendung zu stoppen.