Jetzt abonnieren Magazinarchiv durchsuchen

Greenpeace Magazin Ausgabe 5.16

Warum hat das Welternährungsprogramm Schwierigkeiten, in Flüchtlingslagern für ausreichend Nahrung zu sorgen?

Text: Vito Avantario

fragt Stephanie Schwenkenbecher aus Greifswald

Fünf Fragen an Ralf Südhoff vom Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen

Rund 800 Millionen Menschen hungern, viele von ihnen sind Geflüchtete. Wie viel Geld wäre nötig, um die Hungernden zu versorgen? Gut 18 Milliarden Euro müssten pro Jahr weltweit insgesamt aufgebracht werden, um diesen Menschen zu helfen. Das World Food Programme bräuchte rund acht Milliarden Euro, um die Ursachen der Not zu beseitigen – etwa mit Entwicklungsprogrammen für Kleinbauern, Frauen oder Schulkinder. Faktisch betrug unser Gesamtetat, der im Wesentlichen aus Zuwendungen der UN-Mitglieder besteht, im vergangenen Jahr aber nur 4,5 Milliarden Euro.

Welche Staaten sind zuverlässige Zahler? Wir müssen Jahr für Jahr neu für unsere Anliegen werben. Viele Staaten verkünden dann Hilfspakete – die Skandinavier leisten sogar Zahlungen, bei denen es uns überlassen ist, zu entscheiden, wo das Geld am dringendsten benötigt wird. Deutschland trug 2015 die Rekordsumme von 300 Millionen Euro bei. Dieses Jahr wird der deutsche Anteil vermutlich sogar bei etwa 800 Millionen liegen. Auch Großbritannien und die USA sind große Spender.

Welche Partner sind unzuverlässig? Für 2016 haben etwa einige arabische Staaten große Beträge zugesagt, bisher ist aber kein Geld bei uns eingegangen. Viele osteuropäische Staaten sehen sich zudem nicht in der Pflicht, was auch daran liegen kann, dass in diesen relativ jungen Demokratien die Kultur des Gebens und der Flüchtlingshilfe oft noch nicht wirklich ausgebildet ist.

Wie kann es sein, dass Staaten ihre Zusagen nicht einhalten? Alle Zuwendungen erfolgen freiwillig. Staaten sagen bisweilen auch aus PR-Gründen Hilfspakete zu. Ob und an wen dann gezahlt wird, kann im Laufe eines Jahres nur schwer nachverfolgt werden. Meist gilt zudem: Je länger Krisen und Konflikte dauern, desto geringer ist die Bereitschaft der Staaten zu helfen – solange keine Lösungen in Sicht sind.

Sie müssen Jahr für Jahr um Geld bitten. Wäre es nicht besser, die Staaten in Abkommen zum Helfen zu verpflichten? Es wäre für Hilfsorganisationen ein Fortschritt, wenn es neben den immer notwendigen schnellen Hilfen – etwa im Falle einer Naturkatastrophe – feste Budgets gäbe, eine Art Sockelbetrag, über den sie bei Großkrisen nach Bedarf und Dringlichkeit entscheiden können. Dazu haben sich die Staaten auch beim jüngsten Weltgipfel für Humanitäre Hilfe verpflichtet: Es müssen mehr finanzielle Mittel bereitgestellt werden, davon sollten 30 Prozent frei verfügbar sein. Das würde die Hilfe effektiver und günstiger machen. Jetzt müssen die Staaten diesen Beschluss aber auch umsetzen.

Zur Person:
Ralf Südhoff
ist Direktor des UN-Welternährungsprogramms in Deutschland und Österreich. Es ist die weltweit größte humanitäre Organisation im Kampf gegen den Hunger. Jährlich unterstützt sie etwa 80 Millionen Menschen in rund 80 Ländern