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Greenpeace Magazin Ausgabe 5.15

Was auf die Landwirtschaft zukommt

KLIMA-SERIE
Hitze, veränderte Niederschlagsmuster, Extremwetter – weltweit müssen Bauern sich auf tiefgreifende Umwälzungen einstellen

Wenn die Menschheit beim Schutz des Klimas versagt, wird sich die Erde bis zum Ende des Jahrhunderts um mehrere Grad erwärmen. Stärker als jeder andere Sektor ist davon die Landwirtschaft betroffen. Sie muss sich durch Bewässerung, den Umstieg auf andere Feldfrüchte oder neu gezüchtete Tier- und Pflanzensorten anpassen. Vor allem Kleinbauern droht das jedoch zu überfordern.

In großen Teilen Afrikas, des Mittelmeerraumes und vielen anderen Weltregionen wird es so heiß und trocken werden, dass Ackerbau und Viehzucht kollabieren könnten. Dagegen werden vor allem nördliche Gebiete profitieren – theoretisch. Denn dort, wo sich die Bedingungen verbessern, leben oft kaum Menschen, wächst dichter Wald, und viele ungenutzte Gebiete stehen unter Naturschutz. Wissenschaftler versuchen, die regionalen Folgen für die Landwirtschaft anhand von Klimamodellen abzuschätzen. Das ist aufgrund der komplexen Wechselwirkungen mit vielen Unsicherheiten behaftet. Ihre Ergebnisse können aber eine Vorstellung davon vermitteln, was auf nachfolgende Generationen zukommt. In dieser Karte zeigen wir die Berechnung eines Teams um den Münchner Geografen Florian Zabel. Die Forscher haben anhand von Bodenbeschaffenheit, Topografie und Klimamodelldaten dargestellt, wie sich die landwirtschaftlichen Bedingungen bis Ende des Jahrhunderts ändern werden, und zwar jeweils für die am besten geeignete Feldfrucht. Die Simulation beinhaltet einige Anpassungsmaßnahmen, etwa frühere Aussaattermine; eine mögliche Ausweitung der Bewässerung wurde aber nicht berücksichtigt. Auch die Folgen von Extremwetterereignissen – also von Hitzewellen, Stürmen und Überschwemmungen – sind nicht dargestellt. Sie werden die Lage vieler Bauern noch verschärfen.

Kanada ist eines der Länder, die von der Erwärmung profitieren könnten. Doch dort, wo Ackerbau möglich wird, wachsen heute ausgedehnte Wälder – ihre Rodung würde große Mengen CO2 freisetzen.

In Deutschland werden zwar weniger extreme Veränderungen erwartet als in anderen Regionen, die Landwirtschaft muss sich dennoch anpassen. Tendenziell werden die Bedingungen im eher trockenen und warmen Osten und Südwesten schlechter, während der feuchtkühle Norden teilweise profitieren wird. Im Jahr 2100 ist beinahe bundesweit Weinanbau möglich.

Dem Süden der USA drohen verheerende langjährige Dürren wie derzeit in Kalifornien. Unklar ist, wie lange die großen Grundwasserreserven noch reichen. In anderen Landwirtschaftszentren des Landes könnten sich die Bedingungen verbessern.

Wird es in Lateinamerika zu heiß, könnte der Regenwald im Amazonasbecken kollabieren. Für den Ackerbau ist der Boden dort aber ohnehin nicht gut geeignet. In vielen Ländern, etwa in Mexiko, werden Hitze und Dürre den Bauern große Probleme bereiten.

Extrem wird der Mittelmeerraum betroffen sein, ohne Bewässerungsprojekte drohen große Gebiete zu Wüste zu werden. Die Frage ist, ob im Winterhalbjahr genügend Regen fallen wird, um die Stauseen zu füllen.

In Russland wächst die theoretisch nutzbare Fläche am stärksten. Doch die kaum besiedelten Weiten Sibiriens sind großenteils von Wäldern bedeckt, deren Abholzung den Klimawandel noch anheizen würde. Eine Urbarmachung wäre sehr teuer und kaum realistisch.

Die Zukunft der Landwirtschaft in China ist ungewiss. Der Süden könnte fruchtbarer werden, im Norden breiten sich Wüsten aus – gigantische Wasserumleitungen sind geplant. Im Einzugsgebiet des Himalayas wird die stete Versorgung durch Gletscherschmelzwasser versiegen.

In Australien leiden Farmer und Winzer bereits stark unter häufigeren Hitzewellen, Dürren und Überflutungen, das Ackerland schrumpft dramatisch. Weitere Ernte- und Gebietsrückgänge werden erwartet, 70 Prozent der Weinbaugebiete gehen verloren.

Im Fruchtbaren Halbmond im Nahen Osten wurden vor Jahrtausenden die wichtigsten Nutzpflanzen kultiviert und Tiere domestiziert – nun droht der Region der landwirtschaftliche Niedergang. In Syrien trieb vor wenigen Jahren eine mehrjährige Dürre bis zu 150.000 Bauern in die Städte – Forscher sehen darin einen der Auslöser des Bürgerkrieges.

In Afrika wird die Bevölkerung noch kräftig wachsen, zugleich ist es der Kontinent mit dem größten ungenutzten landwirtschaftlichen Potenzial. Der Klimawandel wird dies dramatisch ändern: Er könnte einen Nettoverlust von mehr als zwei Millionen Quadratkilometern nutzbaren Ackerlandes mit sich bringen.

Indien ist vom Monsun abhängig. Schon kleine Änderungen der saisonalen Regenfälle führen zu Überschwemmungen oder Trockenheit. In Zukunft könnte die Regenzeit immer unzuverlässiger werden. Fast alles nutzbare Land ist bewirtschaftet, ein Ausweichen unmöglich.