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Greenpeace Magazin Ausgabe 3.15

Was die Milch macht

Fotos: Jan Burwick

Zufriedene Kühe auf saftigen Wiesen: Wenigstens auf dem Milchkarton ist die Welt noch in Ordnung. Für 82 Prozent der Deutschen gehören Kühe an die frische Luft, das wissen auch die Molkereien. Tatsächlich aber geht der Trend zur Haltung im Hightech-Stall mit hunderten Tieren. Die Kuh muss liefern, so viel Milch wie möglich, auch wenn das ihre Gesundheit ruiniert und ihr Leben drastisch verkürzt. Nun fällt auch noch die Milchquote, und der Druck auf Kühe und Bauern steigt weiter.

Doch schon jetzt lehnen viele Verbraucher die Praktiken der Agrarindustrie ab und suchen nach Alternativen. Auf ihrer Solidarität ruht die Hoffnung von Milchbauern, die sich dem Wachstumszwang widersetzen. Die wirkliche Form der Tierhaltung – und kein falsches Marketing-Kuhglück – müsse auf der Verpackung klar erkennbar sein, fordern sie.


Wir geben Ihnen Einblicke in die aktuellen Entwicklungen der Milchwirtschaft – und entheddern für Sie das Siegel-Wirrwarr:

„Träumer sind die, die an den Weltmarkt glauben“

Ottmar Ilchmann, Milchbauer im ostfriesischen Rhauderfehn, über die Gefahr von Milchkrisen nach dem Ende der Quote, die Chancen für bäuerliche Familienbetriebe und die Zukunft der Weidehaltung

Herr Ilchmann, wie viel bekommen Sie derzeit für einen Liter Milch? 28 Cent. Vor einem Jahr waren es noch 40, ab Juni sank der Milchpreis dann monatlich in Zwei-Cent-Schritten.

Woran lag das? Die Gründe sind teils hausgemacht. Als der Preis Anfang 2014 relativ hoch war, haben die deutschen Landwirte die Liefermenge stark gesteigert. Viele setzten darauf, dass die Milchquote schon vor ihrem Ende aufgeweicht wird. Sie fütterten vielleicht mehr Kraftfutter, belegten mal einen Stall enger oder reduzierten den Weidegang. Einige Kollegen vervielfachten mit dem Bau von Großställen ihren Bestand. Doch dann ging die weltweite Nachfrage zurück. Als das Russlandembargo hinzukam, brach der Preis ein.

Die Quote, die Mitgliedsstaaten und Milchbauern Höchstmengen vorschrieb, galt als bürokratischer EU-Zwang. Am 1. April lief sie aus. Freut Sie ihr Ende nicht? So wie sie ausgestaltet war, weine ich ihr keine Träne nach. Sie hat ja das Ziel kostendeckender Milchpreise nie erreicht, dafür war sie stets viel zu hoch angesetzt. Dennoch hatte sie eine gewisse preisstabilisierende Wirkung. Dass sie nun ausläuft, verunsichert viele Bauern.

Warum sollen sie sich nicht, wie andere auch, dem Wettbewerb stellen? In der EU gilt seit 20 Jahren das Credo der Weltmarktorientierung. Die Bevölkerung stagniert, deshalb stagniert auch der Markt, aber es gibt die Ideologie, immer mehr produzieren zu müssen. Da braucht man den Weltmarkt als Ventil. Auch der Bauernverband setzt auf neue Märkte. Nur frage ich mich: Wo sollen die sein? Wird man Länder, die nie Milch konsumiert haben, aus einem Dornröschenschlaf wachküssen? Ich glaube zudem, dass wir gar nicht in der Lage sind, zu Weltmarktpreisen zu produzieren. Aus klimatischen Gründen nicht, aber auch wegen der hohen Umwelt-, Tierschutz- und Sozialstandards.

Was erwarten Sie nun? Ich fürchte künftig noch stärkere Preisschwankungen. Jedes Ereignis in fernen Ländern kann auf den Weltmarkt durchschlagen – sei es eine Wirtschaftskrise, ein Bürgerkrieg oder der Ausbau der eigenen Produktion in China. Obwohl nur wenige Prozent der EU-Milch exportiert werden, sind wir Milchbauern den Schwankungen mit der gesamten Milchmenge ausgeliefert. Man kann ja den deutschen Discountern schlecht sagen, okay, der Weltmilchpreis ist um 50 Prozent eingebrochen, ihr zahlt aber bitte so viel wie vorher. Da lachen die sich ja scheckig.

Wie können weitere Milchkrisen verhindert werden? Die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft fordert mit dem Bundesverband Deutscher Milchviehhalter ein mehrstufiges Kriseninstrument, wenn der Milchpreis absackt. In einem Schritt würden Milchbauern entgolten, die freiwillig weniger liefern. Zur Finanzierung müssten jene, die in der Krise ihre Produktion noch steigern wollen, eine Abgabe entrichten.

Landwirte, die viel Milch liefern, sollen bestraft werden? Sie führen ja durch ihre Produktionssteigerung die Krise mit herbei. Unterm Strich wäre es aber auch für sie von Vorteil, wenn der Milchpreis nicht abstürzt.

Herr Ilchmann, Sie halten 55 Milchkühe. Ist ein Hof dieser Größe noch zeitgemäß? Man darf sich nicht täuschen, hier in Ostfriesland liegt der Schnitt noch bei 70, 80 Milchkühen, das ist der normale Familienbetrieb. Natürlich gibt es heute etliche Kollegen, die 200 oder 250 Kühe haben, einzelne auch an die 500. Die Frage ist, ob die am Ende viel mehr übrig behalten. Zwar haben sie ganz andere Einnahmen, aber eben auch viel höhere Kosten. Übrigens trifft die Großen, die ihre Schuldendienste abbezahlen müssen, der jüngste Absturz des Milchpreises viel härter. Dennoch wird uns immer erzählt: Ihr müsst wachsen oder weichen. Viele Kollegen lassen sich dadurch entmutigen. Sie wollen es sich nicht antun, in einen Stall Hunderttausende oder gar Millionen Euro zu investieren und sich damit für Jahrzehnte festzulegen. Da steigen sie lieber aus.

Spricht aus Sicht der Kühe etwas gegen den Großstall? Sie können immerhin frei herumlaufen. Sicher, sie haben es dort ganz gut, man kann einen modernen Kuhstall nicht mit einer Mastanlage für Hähnchen oder Schweine vergleichen. Aber in der intensiven Stallhaltung wird viel Kraftfutter gefüttert, das für Wiederkäuer nicht artgerecht ist. Es bringt die Tiere an ihre körperlichen Leistungsgrenzen und macht sie krankheitsanfällig. Am besten bleibt für Kühe der Weidegang. Von Haus aus fressen sie nur frisches Gras und Kräuter. Man muss nur mal sehen, wie Kühe rennen, springen und sich im Gras wälzen, wenn sie im Frühjahr auf die Weide kommen.

Ist denn die Weidehaltung noch wirtschaftlich? Wenn ich die Kuh auf die Weide schicke, holt sie sich ihr Futter selbst und bringt ihren Dung aus, da spare ich mir zwei Arbeitsschritte. Ich kann damit durchaus erfolgreich sein, da ich geringe Kosten habe. Hinzu kommt der Umweltaspekt. Wir haben hier in Ostfriesland viele Wiesenbrüter. Uferschnepfen und Kiebitze fühlen sich auf beweideten Flächen am wohlsten, sie erstochern in den Kuhfladen sogar Nahrung.

Wie nett, dass Sie als Milchbauer an die Uferschnepfe denken. So bin ich (lacht). Aber die meisten meiner Kollegen finden es toll, wenn man ihnen ein Kiebitzgelege auf der Weide zeigt. Sie sind dann auch bereit, etwas dafür zu tun, dass die Vögel bleiben.

Sie sind kein Biobauer. Da überraschen solche Aussagen schon etwas. Ich bin auch kein Umweltschützer, sondern Landwirtsvertreter. Aber wenn wir eine bäuerliche, kleinstrukturierte Landwirtschaft erhalten wollen, sind wir auf gesellschaftliche Unterstützung angewiesen. Und die kann auch von Umwelt- oder Tierschützern kommen, die sagen, Weidehaltung ist auch für unsere Ziele gut.

Warum geht der Trend denn zur reinen Stallhaltung? Viele Kollegen sehen sich zur Intensivierung geradezu gezwungen. Die Pachtpreise sind stark gestiegen, auch durch die Biogaskonkurrenz. Wer das Doppelte für die Fläche zahlen muss, versucht auch das Doppelte zu ernten. Dass man durch Mähen mehr Ertrag vom Grünland holen kann, ist unbestritten. Mit intensiver Fütterung im Stall ermelke ich pro Kuh rund tausend Liter mehr im Jahr. Und wenn ich einen Großstall mit hunderten Tieren habe, kann ich meine Kühe wegen mangelnder Flächen ohnehin nicht mehr auf die Weide schicken.

Sieht man also in Ostfriesland bald keine Kühe mehr draußen? Der Prozess ist ja schleichend. Noch kommen in Niedersachsen rund 40 Prozent der Kühe auf die Weide, allerdings mit stark fallender Tendenz. Würden sie ganz aus der Landschaft verschwinden, wäre das meiner Ansicht nach fatal. Es gibt hier viele Fahrradtouristen, die halten an, streicheln die Kühe durch den Zaun – da besteht eine große emotionale Nähe. Und uns Milchbauern bringt das ein gutes Image.

Was könnte man tun, damit das so bleibt? Ich denke, wir sollten verstärkt die Verbraucher in die Pflicht nehmen. Umfragen zeigen, dass viele bereit sind, für Weidemilch oder gentechnikfreie Produkte tiefer in die Tasche zu greifen. Deshalb müssen sie klar erkennbar sein. Die Großmolkereien fürchten jedoch eine Situation, in der die Kunden im Geschäft die gute Weidemilch mit der Stallmilch vergleichen können.

Sie engagieren sich für die Erhaltung der bäuerlichen Landwirtschaft. Ist das nicht reine Nostalgie? Uns wird oft vorgeworfen, wir seien romantische Träumer. Aber mir scheinen eher diejenigen Träumer zu sein, die meinen, dass sie durch Expansion auf dem Weltmarkt bestehen werden. Das ewige Wachstum ist politisch gewollt. Große Betriebe werden bevorteilt, etwa durch hohe EU-Direktzahlungen und Fördergelder für den Bau riesiger Ställe. Doch bäuerliche Betriebe können auf Veränderungen schneller und flexibler reagieren. Mir wäre um sie überhaupt nicht bange, ließe man sie auf Augenhöhe mit den Großen konkurrieren.

Interview: Wolfgang Hassenstein

Zur Person:
Ottmar Ilchmann, 53, ist Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) in Niedersachsen