Jetzt abonnieren Magazinarchiv durchsuchen

Greenpeace Magazin Ausgabe 5.16

Was ist besser: Sahne vom Bauern um die Ecke, bei dem man die Kühe streicheln und füttern darf, oder doch Kokosmilch aus dem Supermarkt?

Text: Dirk Gieselmann Illustrationen: Christoph Niemann

fragt Katharina Mayer aus München

Liebe Frau Mayer, Sie stellen zwei ganz elementare Fragen auf einmal: Wie sollen wir leben? Und: Wie wollen wir leben? Diese Fragen laufen leider nicht unbedingt auf Antworten hinaus, die sich miteinander vertragen, nicht selten widersprechen sie einander sogar. Und genau da liegt das Dilemma der modernen Gesellschaft: Oft leben wir nicht so, wie wir leben sollen, nämlich ohne Plastikmüll anzuhäufen, CO2 im Übermaß zu produzieren und Massentierhaltung zu begünstigen. Und tun wir es doch, wollen wir es eigentlich nicht, da es mit Entsagung einhergeht. Und wie Ihre Frage zeigt, sind damit nicht nur unsere Lebensmittel gemeint, sondern unsere Lebenswelten. Denn wenn wir auf Milch verzichten, gefährden wir die Existenz von Landwirten.

Ich komme aus einem Dorf in Norddeutschland, das in meiner Kindheit, in den Siebziger- und Achtzigerjahren, noch zu einem Großteil aus kleinen Bauernhöfen bestand. Es wurde ein bisschen Ackerbau betrieben, ein bisschen Viehzucht, die Kühe hatten Namen, die Milchprodukte hatten eine Herkunft. Doch im Gegensatz zu den meisten anderen Berufsständen stieg der Lohn der Bauern nicht, ihre Existenz wurde prekär, und viele waren gezwungen, einen Zweitberuf als Schlosser, Installateur oder Fernfahrer zu ergreifen; nicht wenige mussten ihren Hof aufgeben.

Ich erinnere mich noch, wie der Bauer Plassenberg, ein uralter Mann, der das wettergegerbte Gesicht eines Indianers hatte und spindeldürr in seinem Blaumann hing, sich weinend an die letzte Kuh klammerte, die an einem Strick von seinem Hof geführt wurde und in einem Anhänger verschwand: Noch heute ist das für mich ein Symbolbild für den Untergang der bäuerlichen Kultur, beinah ein Menetekel.

Denn verschwanden danach nicht auch allmählich die kleinen Geschäfte, die Bäckereien, die Metzgereien? Hat sich nicht alles zentriert in gigantischen Malls, draußen an den Umgehungsstraßen, in die die Leute hineinlaufen wie Ameisen in Ameisenfallen? Heute gibt es in dem Dorf, aus dem ich komme, nur noch zwei kleinere Höfe, den Rest hat ein Großbauer aufgekauft, dessen Kühe in einem fabrikartigen Massenstall untergebracht sind. Es sollen Tausende sein, Namen haben sie vermutlich nicht.

Opa Plassenberg hatte nun mit biologischer Landwirtschaft so ziemlich nichts am Hut, Demeter hielt er für eine Längeneinheit, die ersten Grünen in der nahen Kreisstadt für esoterisch bewegte „Mallbüdel“, Spinner. Und doch gibt es Anlass genug, ihn und seinesgleichen zu vermissen: als soziale Institution des Bauern von nebenan, der die Milch herstellte, die man trank. Sie war nicht bio, aber eben auch nicht anonym.

Inzwischen sind wir hingegen längst von der Herstellung der Lebensmittel entfremdet worden, die wir konsumieren. Wir sind die sogenannten Endverbraucher, die unter Neonröhrenlicht Produkte in den Einkaufswagen laden, deren Herkunft sie mit der Lupe nachlesen müssen. Damit uns das nicht allzu absurd vorkommt, erweckt die Industrie den Anschein des Unmittelbaren: In der Werbung schreitet ein vertrauenswürdiger Orangensaft-Onkel mit Strohhut durch sonnendurchflutete Haine und prüft jede Frucht mit kennerischem Handgriff auf ihre Reife, bevor er sie höchstpersönlich auspresst. Eierproduzenten kleben, wie man hört, Flaumfedern an die Schalen, damit ihre Produkte weniger industriell und damit so ursprünglich aussehen wie aus Opa Plassenbergs Hühnerstall um die Ecke. Und Großmolkereien drucken Bilder von glücklichen Kühen auf die Packungen, um uns zu suggerieren, die Milchprodukte stammten direkt aus dem Euter, gemolken vom Bauern noch auf der Weide, und seien nicht zuvor pasteurisiert, homogenisiert und dann Hunderte von Kilometern durchs Land gekarrt worden.

Diese Inszenierung ist natürlich eine Lüge, doch das Bedürfnis nach Ursprünglichkeit ist echt. Es gerät umso größer, je absurder andere Teile unserer Existenz werden: Wir bauen Computerchips, auf denen ganze Bibliotheken gespeichert werden können, haben aber keine Zeit mehr, auch nur ein Buch zu lesen. Wir können Quellcodes entziffern, aber die Vogelarten nicht mehr benennen. Wir chatten mit losen Bekannten in fernen Ländern, wissen aber nicht, wie unsere Nachbarn heißen. Doch wenn man für einen Moment aus der Routine des modernen Menschen fällt, kommt einem all das bizarr vor. So auch die Tatsache, dass man Kokosmilch aus Sri Lanka kauft, während der Bauer nebenan pleitegeht.

Ich verwende beim Kochen zuweilen auch Kokosmilch statt Sahne, trinke Hafer- statt Kuhmilch zum Frühstück, vor allem aus gesundheitlichen Gründen. Und doch war ich ganz gerührt, als ich unlängst in meinem Heimatdorf an einem der beiden Höfe vorbeifuhr, die noch nicht vom Großbauern übernommen wurden. An der Straße stand eine kleine Holzhütte, daran hing ein handgemaltes Schild mit der Aufschrift „Milchtankstelle“. Eine Frau mit Kittelschürze verkaufte dort Milch, Molke und sogar Sahne in Glasflaschen, auf die keine Bilder von glücklichen Kühen gedruckt waren, auch kein Biosiegel. Ich kaufte dennoch fünf.

Womöglich habe ich in diesem Moment nicht aktiv am Umweltschutz mitgewirkt (siehe auch Frage 51). Aber wohl doch an etwas, das ich Kulturschutz nennen möchte. Denn ich hatte meine Milch nicht in der Mall gekauft, um dann nach Hause zu fahren, mich vor meinen Plasmabildschirm zu setzen und zu schauen, was los ist in der Welt – ich hatte mit jemandem Kontakt, dem Hersteller dessen, was ich zu mir nehmen würde, ein archaischer, ein ganz normaler Moment. „Schönen Tag noch!“, sagte die Bauersfrau mit der Kittelschürze.

Wie sollen wir leben? Und: Wie wollen wir leben? Es scheint mir eine Herausforderung der Zukunft zu sein, beides auf einen Nenner zu bringen.