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Greenpeace Magazin Ausgabe 5.16

Was ist an gentechnisch veränderten Lebensmitteln schädlich?

Text: Hanno Charisius

fragt Annette Seifert aus Würzburg

„Frankenfood“ – diese Wortschöpfung bringt die Kritik an der Grünen Gentechnik auf den Punkt. Vielen Menschen erscheinen ihre Produkte, gentechnisch veränderte Pflanzen, wie Ausgeburten menschlichen Größenwahns, gefährlich und unkontrollierbar. Ihre Verfechter werfen Umweltschützern vor, mit solchen Kampfbegriffen unnötig Ängste vor Gesundheitsrisiken zu schüren, um die Menschen auf ihre Seite zu bringen. Eingriffe ins Erbgut seien „nur eine weitere Züchtungsmethode“, argumentieren sie, und alle Befürchtungen unbegründet. Was stimmt?

Während die Folgen einer auf gentechnisch verändertem Saatgut basierenden Landwirtschaft für die Umwelt vielschichtig sind, sehen die meisten Wissenschaftler keinen Anlass zur Sorge vor erhöhten Gesundheitsrisiken. Zusammenfassend lässt sich nach gut zwanzig Jahren Anbau und Nutzung gentechnisch veränderter Pflanzen sagen: Es gibt zurzeit keinen Hinweis darauf, dass aus solchen Gewächsen hergestellte Nahrung schädlich ist – weder für die Gesundheit von Menschen noch für die von Nutztieren. Was es allerdings auch nicht gibt, ist ein Beweis, dass gentechnisch veränderte Lebensmittel generell unschädlich sind.

Es gebe „angemessene Belege“ dafür, dass Menschen und Tiere nicht in Gefahr geraten, wenn sie Gentech-Pflanzen, die heute auf dem Markt sind, oder Teile von ihnen essen. Zu diesem Ergebnis kam im Mai ein zwanzigköpfiges Komitee der amerikanischen National Academies of Sciences, das sich zwei Jahre lang mit den Vorteilen und Risiken gentechnisch veränderter Pflanzen beschäftigt hatte – eine der bislang umfassendsten Untersuchungen zu diesem Thema. Die Experten ziehen den gleichen Schluss wie eine Untersuchung der EU, die 2010 zehn Jahre Sicherheitsforschung zu gentechnisch veränderten Organismen bilanzierte. Eine Studie aus dem Jahr 2013, die mehr als 1500 Fachartikel zusammenfasste, konnte ebenfalls keine Gefahren entdecken.

Der fast 400 Seiten dicke Bericht der US-Gruppe ist keine Jubelarie auf die Grüne Gentechnik, die Experten weisen auf manche Wissenslücken hin. Etwa welche Unterschiede zwischen gentechnisch veränderten und unveränderten Pflanzen, die sich mit neuen Analysemethoden finden lassen, von Bedeutung für die Gesundheit sind. Auch den Einfluss auf die Umwelt sieht das Komitee gemischt. Doch es betont, dass durch Gentechnik hergestellte Pflanzen für die Gesundheit nicht mehr oder weniger Probleme bergen als solche, die aus konventioneller Zucht entstehen. Sein Fazit lautet, dass nicht die Zuchtmethode bei der Gefahrenbeurteilung eine Rolle spielen sollte, sondern jede neu erschaffene Pflanze in gleicher Weise untersucht werden muss.

In Europa werden gentechnisch hergestellte Pflanzen kritischer geprüft als solche aus konventioneller Zucht. Hier gilt das Vorsorgeprinzip, das auch ein Knackpunkt im Streit um die Freihandelsabkommen TTIP und CETA ist. Neue Gentech-Sorten müssen Tests durchlaufen, die andere nicht bestehen müssen. So wird in dreimonatigen Tierversuchen untersucht, ob von der veränderten Pflanze eine Gefahr für die Gesundheit ausgeht. Auch ein Test auf Allergien ist vorgesehen sowie eine Analyse der wichtigsten Inhaltsstoffe. Begründet wird das unter anderem damit, dass die bisherigen gentechnischen Verfahren nicht sehr genau waren. Wurde etwa ein fremdes Gen in eine Pflanze eingeschleust, konnte man nicht vorhersagen, an welcher Stelle sich die neue Erbanlage in das bestehende Erbgut einfügen würde. Entsprechend unvorhersehbar sind die Konsequenzen. Landet das Zusatz-Gen in einem Abschnitt des Pflanzenerbguts, der für das Gewächs lebenswichtig ist, geht es zugrunde. Das ist einfach zu erkennen. Schwieriger ist es, wenn die Folgen nicht so deutlich ausfallen, wenn die Pflanze zum Beispiel anfängt, für Mensch oder Nutztiere schädliche Substanzen zu bilden. Kritiker fürchten, dass manch unvorhergesehene Veränderung erst nach langer Zeit auftreten könnte, zum Beispiel unter extremen Umweltbedingungen. Allerdings können auch konventionell gezüchtete Sorten unvorhersehbar auf neue Umwelteinflüsse reagieren. Vor solchen Effekten etwa durch den Klimawandel warnte jüngst das UN-Umweltprogramm.

Das Komitee der amerikanischen Wissenschaftsakademien fand bei seiner Untersuchung weder in den epidemiologischen Daten der Bevölkerung noch bei Nutztieren einen begründeten Verdacht dafür, dass gentechnisch veränderte Pflanzen ein Gesundheitsrisiko darstellen. Die Experten verglichen Statistiken aus Nordamerika, wo gentechnisch veränderte Pflanzen seit 1996 weit verbreitet sind, und aus Westeuropa, wo sie kaum gegessen werden. Sie fanden keinen Hinweis darauf, dass sie zu einem Anstieg bei Krebsfällen, krankhaftem Übergewicht, Diabetes, Nierenleiden, Autismus, Glutenunverträglichkeit oder Nahrungsmittelallergien geführt haben. Für Christof Potthof vom gentechnikkritischen Verein Gen-Ethisches Netzwerk taugt das jedoch nicht zur Entwarnung, weil man nicht wisse, wer wie viel gentechnisch veränderte Bestandteile mit seiner Nahrung aufnehme. Er kritisiert zudem das derzeitige Zulassungssystem: „Die Hersteller müssen ihre Studien zur Sicherheit neuer Sorten noch immer nicht offenlegen.“

Dass viele Menschen gentechnisch veränderte Lebensmittel für gefährlich halten, könnte auch an einem Ereignis im Jahr 2012 liegen. Am 19. September hielt der französische Molekularbiologe Gilles-Eric Séralini eine Pressekonferenz ab. Er zeigte Fotos von Ratten mit tischtennisballgroßen Tumoren. Dies sei die Folge einer zwei Jahre langen Fütterung mit gentechnisch verändertem Mais, erklärte Séralini. Es dauerte nur ein paar Stunden, bis diese Behauptung als haltlos zerpflückt worden war. Vor allem die statistische Auswertung und die Auswahl der Versuchstiere wurden von Experten kritisiert. Denn der gewählte Rattenstamm bildet auch ohne chemischen Einfluss von außen oft Tumore. Dennoch schafften es die angeblich krebserregenden Gentech-Pflanzen in viele Medien. Radio, Fernsehen und Zeitungen berichteten, heute.de titelte: „Versuchstiere sterben an Gen-Mais.“

Das wohl Beste an Séralinis Auftritt war, dass er damit so viel Aufmerksamkeit für das Thema erregte. Die Europäische Kommission beschloss, Langzeitfütterungsstudien in Auftrag zu geben, um herauszufinden, ob diese neben den bislang vorgeschriebenen Testreihen nützliche Informationen zur Sicherheit einer gentechnisch veränderten Pflanze liefern.

Die damit beauftragten Forscher entdeckten bei ihrer Analyse zwar biochemische Unterschiede zwischen einer gentechnisch veränderten und der unveränderten Ursprungssorte von Mais und auch bei den damit gefütterten Versuchstieren, doch maßen sie diesen Unterschieden keine biologische Relevanz bei. Nun lässt sich schwer sagen, ab wann eine biochemische Veränderung eine Bedeutung hat. In einer zweiten Untersuchung im Auftrag der EU-Kommission, die 2014 startete und noch bis 2018 läuft, soll verstärkt auf diese Unterschiede geachtet werden.

Bislang ist nur eine überschaubare Zahl von Pflanzen auf dem globalen Markt, die mit Hilfe der Gentechnik zumeist gegen Herbizide oder Schädlinge resistent gemacht wurden. Die internationale Lobbyorganisation für Agrar-Biotechnologie ISAAA listet in ihrer Datenbank 342 Sorten aus 22 Pflanzenarten, die gentechnisch verändert und für den menschlichen Verzehr zugelassen wurden. In Europa darf derzeit nur ein Gentech-Mais (MON810 von Monsanto) angebaut werden, doch über fünfzig Sorten sind für den Import zugelassen. Es gibt zwar inzwischen auch Pflanzen mit anderen Eigenschaften, etwa einer veränderten Nährstoffzusammensetzung oder solche, die Trockenheit besser vertragen sollen. Sie spielen auf dem Markt bislang aber kaum eine Rolle.

Viel wurde im letzten Jahr über neue Verfahren wie Genome Editing berichtet. Dahinter verbergen sich Methoden, die viel präziser und billiger sind als die alte Gentechnik. Mit einigen davon sind so subtile Eingriffe möglich, dass sie sich hinterher nicht mehr nachweisen lassen. Für manche markiert das eine neue Ära ohne gruselig anmutenden Gentransfer über Artgrenzen hinweg. Und weil sich die Pflanzen teilweise im Ergebnis nicht von klassisch gezüchteten unterscheiden lassen, bräuchten sie auch keine besonderen Zulassungsverfahren mehr, argumentieren sie. Für Christof Potthof ist das indiskutabel, solange die Hersteller nicht die möglichen Risiken ausgeschlossen haben. Auch bei den neuen Techniken werde Erbmaterial von außen in die Zellen eingebracht, wenn auch in diesem Fall synthetisch erzeugtes.

Fazit: In Bezug auf die Gesundheit von Menschen und Nutztieren gibt es bisher keine Anzeichen dafür, dass gentechnisch veränderte Pflanzen gefährlicher sind als herkömmlich gezüchtete. Wer aber aus grundsätzlichen Erwägungen oder ethischen Gründen etwas gegen Eingriffe ins Erbgut hat, den werden all diese Studien sicher auch nicht umstimmen.

LANGZEITEXPERIMENT MIT DER UMWELT
Es klang alles so schön: weniger Gift, weniger Aufwand, mehr Ertrag. Das versprachen Konzerne wie Monsanto, als sie vor 20 Jahren die ersten gentechnisch veränderten Nutzpflanzen auf den Markt brachten. Tatsächlich verlief zunächst alles nach Plan, fasst eine Studie der amerikanischen National Academies of Sciences (siehe Haupttext) zusammen: Bauern spritzten weniger Pestizide, weil die Pflanzen nun selbst Gift gegen die Schädlinge produzierten. Dadurch stieg die Zahl der Insektenarten mancherorts sogar wieder an. Andere Pflanzen wurden genetisch so manipuliert, dass sie immun gegen das Breitbandherbizid Glyphosat waren. Landwirte konnten so auf andere Unkrautvernichtungsmittel verzichten. Doch es kam schließlich wie von Kritikern vorausgesagt: Durch den großflächigen Einsatz von Glyphosat (siehe auch Frage 38) entwickelten Unkräuter Resistenzen. Die Folge: Bauern spritzen wieder mehr Gift. Wissenschaftler aus Pennsylvania gehen davon aus, dass sich in den USA der Verbrauch des Herbizids bis ins Jahr 2025 verdoppeln wird, berichtet die Zeitschrift „Nature“. Und die Experten der US-Wissenschaftsakademien sagen zwar, Gentechnik könne positive Effekte auf die Umwelt haben. Die Bauern müssten aber bestimmte Anbauregeln befolgen, Fruchtfolgen etwa, oder den Einfluss lokaler Bedingungen berücksichtigen – all das, was auch bei herkömmlicher Landwirtschaft helfen kann, die Entwicklung von Resistenzen zu verhindern. Doch das bleibt meist Theorie. Weil durch Grüne Gentechnik mit weniger Aufwand noch mehr produziert werden kann, ermuntert sie zu der Art von Landwirtschaft, die auf Monokulturen und Masse setzt, und fördert damit viele Umweltprobleme. Kritiker warnen überdies, dass sich einige Gen-Pflanzen unkontrolliert ausbreiten können – mit unabsehbaren Folgen.
Text: Frauke Ladleif