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Greenpeace Magazin Ausgabe 1.16

"Was nutzt uns Geld, wenn unser Boden wegschwimmt?"

Vor 60 Jahren mussten die Bewohner des Bikini-Atolls US-Atomwaffentests weichen. Nun drohen ihnen steigende Meeresfluten erneut das Zuhause zu nehmen, berichtet Jack Niedenthal

Es gibt hier keine Waffen. Es gibt hier keine Gewalt. Die Bikinianer sind ein friedliches Volk. Sie haben Vertrauen in das Gute im Menschen. Nur deshalb ließen sie sich 1946 von den Amerikanern nach Kili, eine der anderen Marshallinseln, umsiedeln. Eine Insel, die heute im Meer zu versinken droht.

Kili liegt nur zwei Meter über dem Meeresspiegel. Dass die Ozeane ansteigen, wird uns hier schmerzlich vor Augen geführt. Seit 2011 haben wir jedes Jahr verheerende Überflutungen. Weil die Insel nur einen Quadratkilometer groß ist, steht fast jedes Haus direkt am Strand. Bei Sturmfluten schießt Wasser durch Fenster und Türen, kniehoch steht es dann in den Wohnzimmern. Ein Friedhof wurde schon weggeschwemmt. Wenn ein Dummschwätzer im Fernsehen behauptet, es gebe keinen Klimawandel, würde ich ihm am liebsten ein Foto von hier schicken.

Die Bikinianer sind keine Mimosen. Sie machen das Spiel jedes Jahr mit: Sie warten, bis sich das Hochwasser zurückzieht. Dann sehen sie sich das Chaos an, räumen alles auf und säen die Pflanzen neu, die das Salzwasser allesamt zerstört hat. Sie nehmen es hin. Doch manchmal kochen Wut und Frust hoch, oder es macht sich Resignation breit. Darüber, dass sie keine Wahl hatten. Dass sie auf diese winzige, vom Klimawandel gebeutelte Insel gebracht worden sind.

Denn früher hatten die Bikinianer eine gute Heimat: Das 680 Kilometer entfernte Bikini-Atoll liegt doppelt so hoch wie die Insel Kili. Nutzen kann es heute niemand mehr. Mitte der 40er-Jahre machten die Amerikaner das Atoll zur Spielwiese für ihre Atomwaffentests. Damit die damals 167 Bewohner das Feld räumen, versprach die US-Regierung ihnen Hilfe, wann immer sie welche brauchen. Ein Schwindel. Denn sie boten keine fürsorgliche, solidarische Art von Hilfe – sie schickten nur Geld.

Für dieses Geld bin ich nun seit mehr als 30 Jahren zuständig. Ich arbeite als „Trust Liaison Manager“ für die bikinianische Regierung. Ich verwalte die Kompensationszahlungen der Amerikaner. Aus einem Fonds, der 60 Millionen Dollar umfasst, zahle ich Entschädigungen aus. Jeder der mittlerweile rund 3500 Bikinianer, von denen 800 auf Kili leben, bekommt 500 Dollar im Jahr – vom Säugling bis zum Greis. Aus einem zweiten Fonds, dem sogenannten Resettlement Fund, realisieren wir Bildungsprojekte oder bauen Häuser. Außerdem sollen von dem Geld die Folgelasten der Atombombentests beseitigt werden. 110 Millionen Dollar zahlen die USA dafür.

Das hört sich nach einer ganzen Menge Geld an. Doch was nutzt uns das, wenn uns der Boden unter den Füßen wegschwimmt? Wir haben lange diskutiert. Letztendlich haben wir beschlossen, einen Schritt zu erwägen, vor dem bis heute viele Bikinianer zurückschrecken: erneut die Heimat zu verlassen, erneut umzuziehen. Diesen Sommer schickten wir eine Resolution nach Washington. Wir forderten, das Geld aus dem Resettlement Fund auch in den USA nutzen zu dürfen. Zwar dürfen Bikinianer dort hinziehen, aber nach rechtlicher Lage steht ihnen das Geld nur
zur Verfügung, solange sie auf den Marshallinseln bleiben. Nur wenige sind so reich, dass sie einfach aufbrechen und ein neues Leben in den USA beginnen können. Mit dem Geld aus dem Fonds könnte das gelingen.

Aufgezeichnet von Julia Huber

Jack Niedenthal
57, ist US-Amerikaner und kam 1981 im Dienst einer Hilfsorganisation auf die Marshallinseln. Er heiratete eine Bikinianerin, mit der er fünf Kinder und zwei Enkel hat. Niedenthal pendelt zwischen Kili und dem Hauptatoll Majuro.