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Greenpeace Magazin Ausgabe 4.15

Wenn Fische schreien

Text: Emily Anthes Illustration: Stephen Doyle

Selbst vermeintlich stumme Wasserwesen reagieren auf ihre lauter werdende Umwelt. Doch nicht alle Tiere können sich anpassen  

Im Jahr 1909 entdeckte der französische Arzt Étienne Lombard etwas, das die meisten Leute intuitiv wissen: In einer geräuschvollen Umgebung sprechen Menschen mit lauterer Stimme. Lombard beobachtete diesen Effekt – der später nach ihm benannt wurde – erstmals im Laribosière-Krankenhaus in Paris, wo er bemerkte, dass seine Patienten lauter sprachen, wenn er sie mit dem Zischen oder Knistern aus einer speziellen Apparatur beschallte. Die Patienten passten ihre Lautstärke beim Sprechen offenbar reflexartig an, und Lombard schlug vor, dieses Phänomen zu nutzen, um Simulanten zu identifizieren – solche, die Schwerhörigkeit vortäuschten, um Krankengeld zu kassieren.

Lombard berichtete 1911 in der französischen Fachzeitschrift Annales des Maladies de l’Oreille, du Larynx, du Nez, et du Pharynx von seiner Untersuchung. Seither haben andere Forscher seine Erkenntnisse erweitert. Sie fanden heraus, dass wir in lauter Umgebung nicht nur die Stimme heben – wir sprechen auch in einer höheren Tonlage und ziehen die Vokale in die Länge, was das Gesagte verständlicher macht. Und der Lombard-Effekt beschränkt sich nicht auf Menschen. Tiere nutzen akustische Signale zu vielen Zwecken – um Partner anzulocken und zu umwerben, ein Revier zu beanspruchen und Feinde abzuschrecken, Beute zu finden und Artgenossen davor zu warnen, dass ein Räuber in der Nähe ist. Doch die Natur ist laut. Im Rauschen von Regen und Wind oder in einer plötzlichen Zikadenplage kann ein Ruf untergehen, und Tiere, die sich bei all dem Getöse bemerkbar machen können, haben womöglich einen Überlebensvorteil. Eine ganze Reihe Lebewesen, vom Killerwal bis zur Nachtigall, zeigt den Lombard-Effekt – und einem kürzlich im Fachblatt Behavioral Ecology erschienenen Artikel zufolge tun das sogar einige Fische.

Wir mögen sie für stumm halten, aber Fische machen viele Geräusche, die das menschliche Ohr kaum wahrnimmt. Clownfische knirschen mit den Zähnen, um Zirp- und Knalllaute hervorzubringen. Austernfische brummen und heulen wie Nebelhörner, indem sie Muskeln an ihren Schwimmblasen in schneller Abfolge zusammenziehen. Knurrende Guramis erzeugen ihre charakteristischen Laute, indem sie die Sehnen ihrer Brustflossen schnappen lassen. Man kennt über achthundert Fischarten, die tuten, ächzen, grunzen, stöhnen, klopfen, bellen oder andere Geräusche von sich geben. Carol Johnston, Ökologin an der Auburn-Universität in Montgomery, Alabama, hat eine Vorliebe für die Laute von Lollipop-Springbarschen, kleinen Fischen, die in Alabama und Tennessee heimisch sind. „Sie klingen wie Wale“, sagt sie.

Johnston hat über ein Jahrzehnt damit zugebracht, Lauterzeugung und sensorische Wahrnehmung bei Süßwasserfischen zu erforschen. In Zusammen-arbeit mit ihrem Doktoranden Daniel Holt hat sie vor kurzem zu untersuchen begonnen, wie Fische, die akustisch kommunizieren, mit anthropogenem, also von Menschen erzeugtem Lärm zurechtkommen. Das ist eine immer häufiger auftauchende Frage unter Ökologen. Mit der Zunahme der Weltbevölkerung wird es auf unserem Planeten lauter. Dem US-amerikanischen Verkehrsministerium zufolge hat sich das Luft- und Straßenverkehrsaufkommen im Land seit den Siebziger- und Achtzigerjahren in etwa verdreifacht. Rasenmäher, Laubbläser und Schneemobile tragen zur Kakofonie an Land bei, und Offshore-Windparks jagen Echos durch die Ozeane. „Je lauter es auf der Welt wird, desto wichtiger ist es, sich Gedanken darüber zu machen, welche Tiere sich wie daran anpassen können“, sagt Sue Anne Zollinger, Forscherin am Max-Planck-Institut für Ornithologie im bayerischen Seewiesen.

Einige Arten beginnen bereits ihr Verhalten zu ändern. Zahlreiche Studien haben ergeben, dass Vögel in der Stadt lauter und höher singen als auf dem Land, vielleicht um das tieffrequente Rumoren des Straßenverkehrs zu übertönen. Der bedrohte Atlantische Nordkaper, ein Wal, der häufig Gebiete mit viel Schiffsverkehr passiert, bringt in Gewässern mit mehr Lärm lautere Rufe hervor. Süßwasserbiotope wie jene, die Johnston untersucht, werden ebenfalls von Störungen heimgesucht, vor allem durch vorbeifahrende Autos. „Straßenlärm hat eine große Reichweite“, erklärt sie. „Er kann in bestimmten Entfernungen die Signale von Fischen überdecken, und es ist wirklich schwer, ihm zu entkommen.“ Um zu testen, wie Lärm Fische beeinflusst, fingen Johnston und Holt in Nebenflüssen des Chattahoochee in Alabama Exemplare der dort sehr verbreiteten Schwarzschwanz-Orfe. Die Männchen bringen Knurrlaute hervor, wenn sie Weibchen umwerben, und Klopfgeräusche, wenn sie aggressiv sind. Johnston und Holt brachten die Fische in ihr Labor und setzten zwei Männchen mit ein bis zwei Weibchen in ein mit Audiogeräten ausgerüstetes Aquarium. Sie übertrugen weißes Rauschen durch einen Lautsprecher, wobei sich siebzehn Minuten bis zweieinhalb Stunden andauernde Lärmphasen mit ruhigen Perioden abwechselten. Dann analysierten sie Audio- und Videoaufnahmen der Versuche, um festzustellen, wie die Fische auf das Rauschen reagierten. Die Forscher hatten vermutet, die Fische würden sich näher aufeinander zubewegen, um einander besser hören zu können, aber es ergab sich kein klares Bild. „Wir dachten, was sie sonst noch tun könnten, wäre schreien – ihre Stimmen anheben“, so Johnston. „Und genau das taten sie.“ Während der Lärmphasen erzeugten die Fische lautere Klopf- und Knurrgeräusche.

Irgendwie ist die Erkenntnis, dass Schwarzschwanz-Orfen und andere Tiere uns überschreien können, ermutigend: Es erinnert uns daran, dass sie dynamische, anpassungsfähige Kreaturen sind, keine passiven Objekte in einer vom Menschen dominierten Welt. Die Flexibilität ihres Verhaltens könnte ihre Überlebenschancen verbessern, wo immer wir die Wildnis umgestalten. Doch das befreit uns nicht von der Verantwortung; der Lombard-Effekt setzt bestimmte anatomische und kognitive Mechanismen voraus, über die nicht alle Arten verfügen. „Es muss ein Rückkopplungssystem vorhanden sein“, sagt Zollinger. „Man muss die eigene Stimme hören und beurteilen können, wie sie im Verhältnis zum Hintergrundlärm klingt, und man muss auch in der Lage sein, sie lauter klingen zu lassen.“ So haben Forscher beispielsweise keine Anzeichen des Lombard-Effekts bei Fröschen gefunden. Sie erzeugen Laute, indem sie Luft aus der Lunge in ihren Luftsack pressen.

Wahrscheinlich weil dies viel Energie erfordert und die Kapazität der Frösche zur Luftaufnahme begrenzt ist, können sie nicht lauter quaken. „Tiere, denen die Fähigkeit für den Lombard-Effekt fehlt, werden Pech haben, wenn von Menschen erzeugter Lärm immer mehr zum Problem wird“, sagt Zollinger. „Schlimmstenfalls werden sie in Gebieten, wo sie sich kein Gehör verschaffen können, nicht überleben.“ Doch sogar Tiere, die ihre Rufe verändern können, sind womöglich nicht immer in der Lage, sich der lauter werdenden Welt schnell genug anzupassen, weil Lärmbelastung neben der erschwerten Kommunikation auch noch andere Folgen hat. Studien an Ratten, Mäusen, Hunden, Pandabären, Hennen, Hüttensängern, Forellen, Garnelen, Seepferdchen und anderen Tieren – einschließlich des Menschen – haben ergeben, dass Lärm das Herz schädigen, das Wachstum verlangsamen, die Lernfähigkeit beeinträchtigen und den Stoffwechsel sowie das Immunsystem verändern kann. Für ein anderes Projekt hat Johnstons Team Daten gesammelt, die nahelegen, dass Schwarzschwanz-Orfen – wie auch viele andere Arten – in einer lauten Umgebung größere Mengen des Stresshormons Cortisol ausschütten. Ihrer Prognose zufolge wird sich auch erweisen, dass Lärm Wachstum und Fortpflanzung der Fische beeinträchtigt. „Bei Wasserbewohnern geht die Artenvielfalt in einem unglaublichen Tempo verloren, und dies könnte einer von vielen Faktoren sein, die dazu beitragen“, meint sie. Zwar ist es unwahrscheinlich, dass wir in absehbarer Zeit aufhören werden zu fahren, zu fliegen oder Schiffe zu benutzen, aber es gibt Wege, den Lärm zu dämpfen: So kann es helfen, die Höchstgeschwindigkeit in der Nähe von Lebensräumen empfindlicher Wildtiere zu begrenzen, Lärmschutzwände zu errichten oder Straßenoberflächen leicht abzusenken, damit der Boden einen Teil der Geräusche schluckt.

Johnston schlägt vor, die Zahl der Brücken über fragilen Süßwasser-Ökosystemen zu verringern. Wie die Dinge derzeit liegen, ist der menschengemachte Krach allgegenwärtig. Zollinger erinnert sich an einen späten Abendspaziergang mit ihrem Hund über ein von Bäumen gesäumtes Feld. Die Amerikanerin lebt in einem kleinen Bauerndorf eine Stunde südlich von München. „Trotz der scheinbaren ländlichen Ruhe ist es fast unmöglich, einen Ort zu finden, der frei von anthropogenem Lärm ist, sogar mitten im Wald oder in den Wiesen“, sagt sie. „Während unseres kurzen Spaziergangs flogen drei Flugzeuge über uns hinweg. Es gab kaum einen Moment wirklicher Stille.“

Übersetzung: Kerstin Eitner