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Greenpeace Magazin Ausgabe 5.15

Wettstreit der Ideologien

Text: Andrea Hösch

Profite oder Ernährungssicherung: Um die Felder armer Länder tobt ein Kampf zwischen Agrarkonzernen und Kleinbauern

Zwanzig Prozent mehr Erträge wurden ihm versprochen. Doch dann kamen gewaltige Fluten. „Wie lange stand das Wasser?“, fragt Kusum Misra. „Fünf Tage“, antwortet der verzweifelte Bauer. Sein Hybrid-Reis hat das nicht überlebt. Diese Szene fing Valentin Thurn an der indischen Westküste für seinen Dokumentarfilm „10 Milliarden“ ein. Kameraschwenk: Auf dem Nachbarfeld hat das Hochwasser keinen Schaden angerichtet. Dieses Saatgut stammt nicht von Agrarkonzernen, sondern aus der bäuerlichen Saatgutbank in Balasore, die Kusum Misra leitet.

Wie in Indien tobt auf vielen Feldern Asiens, Afrikas und Lateinamerikas der Wettstreit zweier Systeme, die beide von sich behaupten, die wachsende Weltbevölkerung ernähren zu können. Einmal ist das die von milliardenschweren Konzernen gelenkte industrielle Landwirtschaft – zehn von ihnen kontrollieren 75 Prozent des Saatgutmarkts. Sie propagieren eine zweite Grüne Revolution nach westlichem Vorbild und versprechen mehr Erträge und Produktivitätssteigerung durch Hochertragssorten, Pestizide, Dünger und Gentechnik. Ihnen dürften die Erfolge Chinas im Kampf gegen den Hunger mit eben diesen Mitteln Auftrieb geben. Dass die kommenden Generationen den Preis für die Zerstörung der Böden zahlen müssen, verrät keine Bilanz.

Dieser geballten Konzernmacht stehen rund 500 Millionen Kleinbauern gegenüber, die noch immer einen Großteil der Weltbevölkerung ernähren. Viele von ihnen setzen auf agrarökologische Konzepte, die Biolandbau mit traditionellen, standortgerechten Methoden verbinden. Diese boden- und klimaschonende Anbauweise erzielt gute Ernten, fördert die Biodiversität, erfordert keine hohen Investitionen, kommt ohne Agrargifte und mit viel weniger Energie aus. Da Bauern ihr Saatgut weiterhin selbst vermehren, geraten sie nicht in Abhängigkeiten.

Genau darauf zielen die Agrarmultis. Vor allem in Afrika wittern Monsanto & Co. profitable Märkte: Bislang stammen hier 90 Prozent des Saatguts aus eigener Ernte und nur zwei bis fünf Prozent der weltweit eingesetzten Pestizide landen auf afrikanischen Feldern. Doch unter dem Deckmantel der Hungerbekämpfung verhelfen große Stiftungen wie Bill Gates und Rockefeller, Regierungen von Industrienationen sowie afrikanische Staatslenker Unternehmen mit Gentechnik und Patenten auf Saatgut zu Milliardengeschäften. Investiert wird in Cashcrops wie Mais, Palmöl oder Soja – in riesigen Monokulturen angebaut, versprechen sie hohe Gewinnmargen. Die Ernte landet nicht auf dem Teller der Armen, sondern im Viehtrog, im Tank und in der Lebensmittelindustrie.

Um diesen Teufelskreis zu durchbrechen, fordern Entwicklungshilfeorganisationen schon lange eine andere Subventionspolitik und „wahre Preise“ für die Lebensmittel, welche die Gesundheits- und Umweltkosten mit einbeziehen. Tatsächlich scheint sich in den Köpfen der Geldgeber langsam etwas zu bewegen. „Wir müssen den Unternehmen klare Grenzen setzen“, erklärt Gunther Beger vom Entwicklungsministerium in Berlin. Die lokale Bevölkerung müsse Investitionen vorab zustimmen, außerdem seien traditionelle Land- und Gewohnheitsrechte zu berücksichtigen. Das klingt gut, dürfte sich aber schwerlich umsetzen lassen.

Hans Herren will Konzerne erst gar nicht zum Zug kommen lassen. Der Ko-Präsident des Weltagrarrats favorisiert die zukunftsweisende Agrarökologie, deren Ziel es ist, für jedes regionale Ökosystem optimale Lösungen zu finden (siehe Beispiele). Mit Kleinbauernromantik hat sein Plädoyer nichts zu tun. „Auch die kleinbäuerliche Landwirtschaft muss modernisiert und mechanisiert werden“, ist Herren überzeugt, „damit die Landarbeit auch für junge Menschen attraktiv bleibt“. Dazu seien agrarökologische Schulungen, Speicher- und Kühlmöglichkeiten nötig – sowie ein verbesserter Zugang zu lokalen Märkten.

Wie in Brasilien: Im Rahmen des Null-Hunger-Programms der Regierung wurden dort vor einigen Jahren Schulen verpflichtet, einen Großteil der Lebensmittel für die Kantinen bei den umliegenden Bauern einzukaufen. Dieses Beschaffungsgesetz sorgt für gesundes Essen, verringert die Armut und lässt regionale Märkte entstehen. Wo immer regionale Wirtschaftskreisläufe unabhängig vom Weltmarkt geschaffen werden, das zeigen auch alle Beispiele in Thurns Dokumentarfilm, blüht die bäuerliche Landwirtschaft auf. Wie der verzweifelte indische Reisbauer müssten viele „eine schmerzhafte Lektion lernen“, sagt Kusum Misra. Erst danach würden sie zu widerstandsfähigeren, traditionellen Sorten zurückkehren. Dank Saatgutwächtern wie Kusum Misra und anderen Genbanken wird es sie dann hoffentlich noch geben.

Locken und vertreiben
Im Südwesten Äthiopiens vernichten zwei Schädlinge bis zu ein Viertel der Ernte. Kleinbauern bekämpfen die Stängelbohrer-Motte und das parasitische Unkraut Striga mit der Push-Pull-Methode: Zwischen Mais und Hirse pflanzen sie die Hülsenfrucht Desmodium. Sie unterdrückt das Wachstum des Striga-Unkrauts, zudem vertreibt ihr Geruch den Stängelbohrer (push). Das rund um die Felder ausgebrachte Napiergras lockt die Stängelbohrerweibchen zudem aus dem Feld heraus (pull). Seit 2000 wenden fast 100.000 Kleinbauern in Ostafrika diese natürliche Waffe gegen Schädlinge erfolgreich an.
push-pull.net

Mit weniger mehr ernten
Das agrarökologische Reisanbauverfahrens „System of Rice Intensification“ (SRI) entwickelte der Jesuitenpater Henri de Laulanié Anfang der 80er-Jahre auf Madagaskar. Anders als bisher stehen die Setzlinge nicht ständig unter Wasser, sie werden zudem früher und in größeren Abständen ausgepflanzt. So
können sie kräftigere Wurzeln und mehr Triebe entwickeln. Auf diese Weise konnten die Bauern in Madagaskar ihre Erträge von zwei auf acht Tonnen Reis pro Hektar steigern – mit einem Zehntel des Saatguts. Inzwischen wenden bis zu fünf Millionen Reisbauern in mehr als 50 Ländern Afrikas, Asiens und Lateinamerikas die SRI-Methode an.
sri.cals.cornell.edu

Blühendes Ökodorf
Chololo liegt in einer vom Klimawandel gefährdeten Region in Zentral-Tansania. Trotz Hitze und Trockenheit muss dort niemand hungern. Dank eines EU-Klimaprojekts hat sich Chololo in den vergangenen vier Jahren zum Ökodorf entwickelt: Die rund 400 Kleinbauern erlernten agrarökologische Anbaumethoden, legten Fischteiche und eine Baumschule an, bauten eine Biogasanlage und Energiesparherde. Außerdem nutzen die Bewohner Sonnenenergie, fangen Regenwasser auf, halten neben Kühen und Ziegen auch Bienen und stellen Ledersandalen her. Nun soll das Modellprojekt im ganzen Land Schule machen.
chololoecovillage.wordpress.com

Unterricht im Garten
„Ich will ein Farmer werden“, sagt ein kenianischer Junge und strahlt in die Kamera. Damit hat Slow Food schon ein wichtiges Projektziel in Afrika erreicht: die Wertschätzung der Landwirtschaft durch die junge Generation. Mithilfe von Spendengeldern will die Stiftung für biologische Vielfalt in den kommenden Jahren 10.000 Obst- und Gemüsegärten auf dem gesamten Kontinent anlegen. Vor allem Schulkinder sollen beim Säen, Hacken und Jäten lernen, wie man gesundes Essen produziert.
fondazioneslowfood.com/en