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Greenpeace Magazin Ausgabe 1.15

Wider die Verächter des Pazifismus

Text: Antje Vollmer

Pazifistische Überzeugungen stehen aktuell nicht hoch im Kurs. Ganz Deutschland wird stattdessen mithilfe von Schreckensbildern des islamistischen Terrors einem hochmoralischen Härtetest unterzogen, der dem ähnelt, mit dem einst Wehrdienstverweigerer drangsaliert wurden: Was tun Sie, wenn vor Ihren Augen Ihre Mutter von einer Soldateska brutal vergewaltigt wird, und Sie haben eine geladene Pistole in der Hand? Bleiben Sie auch dann gewaltfrei?

Die Mutter unserer Kompanie, Ursula von der Leyen, bringt sich derweil in kugelsicherer Weste mitten im kurdischen Kampfgebiet in fotogene Position, um den fremden Bodentruppen Mut einzuhauchen. Ein Parteivorsitzender der Grünen, Cem Özdemir, lässt verkünden, in solchen Konflikten sei mit der Yogamatte unterm Arm halt nicht viel auszurichten. Solche Witzelei ist in der Partei, die einmal zusammen mit der Friedensbewegung half, die hochgerüstete Blockkonfrontation des Kalten Krieges zu entschärfen und gewaltfrei zu überwinden und die dadurch eine ernstzunehmende Kraft in der europäischen Politik wurde, schon an sich eine Schändung von Geist und Mythos ihrer Gründergeneration von Petra Kelly bis Joseph Beuys. Außerdem ist sie historisch von erschreckender Unbedarftheit.

Dennoch regt sich kaum jemand darüber auf. Pazifismus scheint als Handlungsoption in der heutigen Gefechts- und Konfliktlage rückstandsfrei abgewickelt und ins Reich der Träume aus der Jugendzeit der Bundesrepublik verbannt. Militärische Optionen gelten als zwingend geboten, ja alternativlos. Sie umgeben sich mit der Aura zeitgerechter Verantwortungsethik und dem Ruf nach Erwachsenwerden von Staaten, die ihre neue Rolle in der Welt markieren wollen wie Hunde ihr Revier.

Das hat Züge von ziellosem, fiebrigem Aktionismus. Für die neuen Kriege, die so neu nun auch wieder nicht sind, werden – vorbei an der Uno – Kohorten von Willigen gebildet, Cyber-, Drohnen- und Medienkriege geplant. Eigene Söhne und Töchter werden von den reichen westlichen Staaten nicht mehr als Kanonenfutter dieser neuen Feldzüge vorgesehen, stattdessen fremder Völker namenlose Kinder, vielleicht Migranten oder bindungslose Söldner, denen für das eingegangene Lebensrisiko ein sozialer Aufstieg versprochen wird.

Was auffällt, ist, dass die neue militaristische Selbstsicherheit äußerst wenige erfolgreiche historische Vorbilder für ihre empfohlene Strategie nennen kann. So rechtfertigt sie sich meist mit dem Verweis auf die „schändliche“ Appeasement-Politik der Alliierten gegenüber Hitler zur Zeit des Münchner Abkommens. (Dabei wären die britischen Appeasement-Politiker jener Tage höchst beleidigt, als Pazifisten bezeichnet zu werden, sie waren Machtpolitiker und brauchten nur Zeit für ihre eigene Kriegsvorbereitung.) Oft wird auch das Argument strapaziert, die heutige globale Welt mit ihren asymmetrischen Schlachten erfordere einen Umsturz aller bisherigen Erfahrungen mit Kriegen, Kriegsrecht und Kriegsgeschrei. Am Ende kommt meist die moralische Erpressung durch Medienkampagnen mit Folterbildern, die willkürlich ausgewählt, gezielt skandalisiert und schwer überprüfbar sind. Der Kriegsreporter wird Teil der täglichen Mobilmachung.

Erstaunlich und der einzige Quell von Hoffnung ist, dass die Bevölkerung, gerade in Deutschland, bei all dem von einer zähen Skepsis erfüllt bleibt. Sie ist voller Zweifel, ob dieser neue Menschenrechts-Bellizismus der notwendige Gang der Geschichte und in den aktuellen Konflikten erfolgversprechend ist. Tatsächlich bewahrt diese meist stumme, notorisch kriegsunwillige Mehrheit nicht nur die traumatischen Bilder der letzten Weltkriege und Kriegsfolgen im kollektiven Gedächtnis – die Bilder eigener Schuld an fremden Völkern, von Vernichtungskriegen, Bombenkriegen und eigenen Vertreibungsschicksalen. Sie hat auch die überzeugenden Beispiele großer Politiker vor Augen, die trotz eigener, teils jahrzehntelanger Haft alles, aber auch alles daran setzten, ihren Kampf gewaltfrei zu führen. Diese Vorbilder gewaltfreier Strategien wollten mit der Schonung der eigenen Mitkämpfer auch dem Gegner einen Ausweg zu einer friedlichen gemeinsamen Zukunft offenlassen.

Da war das Beispiel des gewaltlosen Widerstands eines Gandhi gegen das britische Empire, eines Nelson Mandela gegen das blutige Apartheid-Regime, eines Václav Havel und eines Lech Walesa gegen den fortwährenden Stalinismus in ihren Ländern. Letztere riefen schließlich Michail Gorbatschow auf den Plan, der sich aus Afghanistan zurückzog und bei den gewaltfreien Demonstrationen der Jahre 89/90 seine Soldaten in den Kasernen ließ, die doch immer noch ein gewaltiges Blutbad hätten anrichten können. Es fehlt nicht an Beweisen für die politische Qualität des Pazifismus, es fehlt an Politikern, die aus diesen Jahren der Blütezeit gewaltfreier Konfliktlösungen Konsequenzen für heute ziehen.

Sollen wir wirklich glauben, eine Oligarchin Julia Timoschenko, ein russischer Multimilliardär Michail Chodorkowski und eine freche Punk-Band Pussy Riot gehörten in diese Reihe der Freiheitskämpfer der Menschheit? Sollen wir wirklich glauben, die aktuellen Friedensverhandlungen zwischen den auseinanderfallenden Landesteilen der Ukraine seien nur durch einen Bürgerkrieg mit 3000 Toten und eine schwarze Pädagogik gegen Putin erreichbar gewesen? Sollen wir wirklich intellektuell zustimmen, der IS-Terror sei aus dem reinen Nichts des Bösen entstanden und hätte weder mit dem Irakkrieg, noch mit dem Afghanistan-Desaster und der jahrelangen Destabilisierung des ganzen Nahen Ostens zu tun – und auch nichts mit der westlichen Unterstützung von Unrechtsstaaten wie Saudi-Arabien und Katar?

Manchmal scheint mir, die Pazifismus-Verächter rufen immer besonders gern die Pazifisten zur Verantwortung und an ihre Seite, wenn sie am Ende ihrerLogik angekommen sind und die düsteren Schatten des von ihnen verursachten Chaos nicht mehr ertragen. Als bräuchten sie nichts dringender als den Segen von ehemaligen Friedenskämpfern! In einer solchen Situation aber kann auch der Pazifismus nicht helfen, noch nicht einmal als Aggressionsadresse für gescheiterte Bellizisten. Da hilft nur nüchterne Einsicht in die Erfolglosigkeit der eigenen Strategie. Das wäre ein Anfang.


Zur Person: 
Antje Vollmer, 71, ist evangelische Pastorin, Publizistin und Grünen-Politikerin. Sie zog 1983 für die neu gegründete Partei in den Bundestag ein und war von 1994 bis 2005 dessen Vizepräsidentin