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Greenpeace Magazin Ausgabe 5.16

Wie viele menschliche Esser verträgt die Erde?

Text: Kerstin Eitner

fragt Jörg Jurr aus Markkleeberg

Darüber denken kluge Leute schon seit langer Zeit nach. Die Berechnungen schwankten je nach politischer Einstellung und fachlichem Hintergrund. Endgültig zu beantworten ist die Frage wohl nicht. Und jede vermeintliche Grenze kann sich durch menschlichen Erfindergeist auch wieder verschieben.

So entwickelten Anfang des 20. Jahrhunderts Fritz Haber und Carl Bosch das Haber-Bosch-Verfahren zur Ammoniakherstellung – die Grundlage für die Produktion von Kunstdünger. Und im Zuge der „Grünen Revolution“ verbreiteten sich in den Sechzigerjahren die vom US-Agrarwissenschaftler Norman Borlaug gezüchteten Hochertragssorten.

Heute produzieren wir mehr Lebensmittel als je zuvor. Dennoch leiden 800 Millionen der insgesamt gut 7,4 Milliarden Menschen unter Hunger und Mangelernährung. Das liegt keineswegs nur an Naturkatastrophen: Kriege, Klimawandel, Landraub und Exportsubventionen sind weitere Ursachen. Der hohe Fleischkonsum und die Verschwendung in reichen Ländern verschärfen das Problem.

1741 prägte Johann Peter Süßmilch, Propst der Lutherisch-Brandenburgischen Kirche in Berlin, den Begriff „Tragfähigkeit der Erde“. Aufgrund von empirischen Daten aus Kirchenbüchern sowie Berechnungen der Lebenserwartung, die er mit dem Mathematiker Leonhard Euler angestellt hatte, kam er zu dem für damalige Zeiten erstaunlichen Schluss, die Erde könne sieben Milliarden Menschen „tragen“, also ernähren. Nach Überprüfung seiner Berechnungen verdoppelte er diese Zahl 1765 gar auf 14 Milliarden. Zu jener Zeit lebten auf der Erde gerade einmal 700 Millionen Menschen.

Der britische Mathematiker Robert Malthus dagegen sah die Tragfähigkeit der Erde zum Ende des 18.Jahrhunderts mit knapp einer Milliarde Menschen schon nahezu erreicht. Die Vermehrungskraft der Bevölkerung sei viel größer als „die Kraft der Erde, Unterhaltsmittel für den Menschen hervorzubringen“. Die Bevölkerung wachse exponentiell, die „Unterhaltsmittel“ jedoch linear. Gesellschaftliche Reformen und die Verbesserung sozialer Bedingungen nützten nichts, sie seien sogar kontraproduktiv. Das veranlasste den britischen Premier William Pitt, die Ausweitung der Armenhilfe zu widerrufen.

Der US-amerikanische Biologieprofessor Paul R. Ehrlich warnte 1968 – bei einer Weltbevölkerung von vier Milliarden – in seinem Buch „Die Bevölkerungsbombe“ vor einer Apokalypse: In den kommenden zwei Jahrzehnten würden Hunderte Millionen Menschen infolge von Hungersnöten sterben. Später musste Ehrlich einräumen, dass er sich geirrt hatte. Heute hält er eine Erdbevölkerung von anderthalb bis zwei Milliarden für optimal. Wenn wir „wie Käfighühner“ leben wollten, könne man aber eventuell auch sieben Milliarden auf Dauer ernähren.

Doch das Wachstum verlangsamt sich. Wo Wohlstand und Bildungsgrad zunehmen, sinkt die Geburtenrate: Brachte eine Frau in den Sechzigerjahren noch durchschnittlich fünf Kinder zur Welt, so liegt dieser Wert inzwischen weltweit bei 2,5. Während sich die Zahl der Menschen zwischen 1960 und 2000 mehr als verdoppelt hat, wird für die folgenden vier Jahrzehnte ein Zuwachs von nur noch 50 Prozent auf gut 9 Milliarden im Jahr 2040 erwartet.

Schätzungen zufolge würde die derzeit produzierte Nahrung ausreichen, um zwölf bis 14 Milliarden Menschen satt zu machen, wenn wir es denn richtig anstellen würden – etwa, indem wir sie richtig verteilen und indem wir Getreide als Lebensmittel nutzen und nicht die Hälfte der Ernte ans Vieh verfüttern (siehe auch Frage 8).