Greenpeace Magazin Ausgabe 3.03

"Wir leben wie in einer Diktatur"

Von der Bestsellerautorin zu Indiens schärfster Kritikerin der Globalisierung: Arundhati Roy über die explosive Lage in ihrem Land, den Irakkrieg und gewaltfreie Wege aus der Krise.
 

GPM: Gegen allen Widerstand führen die USA ohne Uno-Mandat Krieg gegen den Irak. Wie kann oder sollte die Welt reagieren?

ARUNDHATI ROY: Es ist beschämend, ein Land erst durch diplomatische Mittel zur Abrüstung und Zerstörung seiner Waffen in die Knie zu zwingen und es dann anzugreifen. Das ist die feigeste und widerwärtigste Art zu kämpfen. Wir müssen uns mit den starken Widerstandsbewegungen in Amerika zusammentun, zivilen Ungehorsam üben und die Sanktionen umdrehen: Wir müssen anfangen, US-Produkte zu boykottieren, um die amerikanische Wirtschaft zu schwächen. Die Bush-Regierung versteht offensichtlich nur diese Sprache.
 
Wie wirkt sich der Krieg auf Ihr Land aus?

Während alle Welt auf Bagdad schaut, geht der alltägliche Wahnsinn weiter: Wer in Indien den Mund aufmacht, gegen Staudämme, Umweltverschmutzung, Korruption oder den Krieg protestiert, wird als Terrorist angesehen. Jeder kann im „Kampf gegen den Terror“ ins Gefängnis geworfen werden. Ohne Kaution. Ohne Prozess. Und ohne dass irgend jemand etwas davon erfährt.
 
Sie selbst mussten auch einen Tag ins Gefängnis...

...ja, weil ich friedlich gegen das Urteil des Obersten Gerichtshofs demonstriert habe, das den Bau des Sardar-Sarovar-Staudamms an der Narmada genehmigte. Der Supreme Court ist die mächtigste und undemokratischste Institution in Indien. Nicht das Parlament, sondern diese Richter entscheiden in letzter Instanz darüber, was in den Geschichtsbüchern stehen soll, ob Slums geräumt werden, ob Privatisierung gut oder schlecht ist, ob Dämme gebaut werden oder nicht. Was sie sagen, soll die Wahrheit sein, Kritik ist nicht erlaubt. Wer sie wagt, wird schikaniert, mit Prozessen überzogen, gejagt, zermürbt – und schließlich verurteilt. Jeder weiß, dass sie korrupt sind. Selbst handfeste Beweise würden nichts nützen, weil man sie vor Gericht nicht vorbringen dürfte. Nichts davon steht in den Zeitungen, die Journalisten haben Angst, selbst in die Fänge des Staatsapparates zu geraten.
De facto leben wir in einer Diktatur.
 
Wie wurden Sie im Gefängnis behandelt?

Nicht anders als alle anderen auch. Viele Häftlinge sitzen im Knast, weil sie Widerstand leisten, weil sie arm und wohl auch kriminell sind. Aber das sind die Leute draußen auch. Fragt sich nur, wer hinter Gitter muss und wer nicht. Wie es der Zufall will, war ich genau in der Nacht auf den 28. Februar im Gefängnis, als auf den Straßen von Gujarat 2000 Muslime niedergemetzelt wurden. Der Politiker, der dieses schreckliche Massaker provoziert hat, läuft bis heute stolz und frei herum. Er wurde danach sogar wiedergewählt! Damit hat das Gericht offensichtlich kein Problem.

Verschärfen sich die religiösen Spannungen im Land und zwischen Pakistan und Indien?

Wann immer eines der beiden Länder innenpolitische Schwierigkeiten hat, schüren die Politiker den Hass auf den Nachbarn. Aber all das Kriegsgeschrei gegen Pakistan schlägt zurück auf die 113 Millionen indischer Muslime, die sich bedroht fühlen. Beispielsweise versucht die indische Regierung derzeit, illegale Immigranten aus Bangladesch und Pakistan loszuwerden – nur die Muslime, die Hindus dürfen bleiben. Es ist so gefährlich, was da gerade passiert. Von Deutschland weiß man, dass Faschismus auf dem Nährboden des Nationalismus gedeiht. Man muss sich nur den Zulauf der rechten Parteien, allen voran die hindu-nationalistische RSS, der auch der indische Premier Atal Bihari Vajpayee angehört, vergegenwärtigen, um zu erkennen, dass Indien auf dem besten Weg dahin ist.

Hält die Demokratie dem allem stand?

Die indische Gesellschaft zerfällt in Macht und Ohnmacht: Wenige fällen Entscheidungen, unter denen die Massen leiden. Selbst die letzte Waffe der Menschen, das Wahlrecht, ist stumpf geworden. Was nützt den Armen ihre Stimme, wenn nicht die Politiker, sondern internationale Konzerne bestimmen, was im Land geschieht? Enron, Esso, Chevron & Co. kontrollieren die Ressourcen, den Energiemarkt und die Wassernutzung – die Lebensadern der Wirtschaft. Die Multis hatten leichtes Spiel, weil die Menschen die korrupte Politik so satt hatten. Aber es war, als gäbe man jemandem, der Tuberkulose hat, Medikamente gegen Malaria. Nichts besserte sich, im Gegenteil: Die Multis machen auf unsere Kosten Profit und wollen uns noch immer weismachen, sie handelten in unserem Interesse. Bis heute benimmt sich Indien wie die Frau, die zu ihrem prügelnden Mann zurückkehrt, weil er ihr wieder mal geschworen hat, sie nicht mehr zu schlagen.

Aber es gibt doch starke Widerstandsbewegungen?

Einige fangen an, dieses Spiel zu durchschauen. Sie begreifen, dass die Konzerne in den nationalen Regierungen willfährige Mitprofiteure finden, die die Begleiterscheinungen der Globalisierung billigend in Kauf nehmen: Nicht ein einziger Fluss in ganz Indien hat noch Trinkwasserqualität, es gibt mehr Dürregebiete als vor 50 Jahren, der Grundwasserspiegel sinkt bedrohlich ab, viele Menschen werden vertrieben, verarmen, hungern – oder bringen sich um. Im Bundesstaat Punjab, wo einst die reichsten Bauern Indiens lebten, brachten sich in den letzten Monaten Hunderte von ihnen um. Sie bekommen keine Subventionen, müssen aber dennoch auf dem Weltmarkt konkurrieren. Und weil der Boden langsam versalzt, verringern sich ihre Ernteerträge, obgleich sie immer mehr Pestizide einsetzen. Hoch verschuldet sehen viele oft keinen anderen Ausweg mehr. Wenn du gegen diese Missstände protestierst, nennen sie dich Terrorist. Aber ist es nicht besser, solch ein „Terrorist“ zu sein als wehrlos zu verhungern?

Rechtfertigen Sie damit den Einsatz von Gewalt als legitimes Mittel?

Was sollen wir davon halten, wenn jede gewaltfreie Bewegung in Indien – wie auch im Rest der Welt – wie Dreck behandelt wird? Wer das tut, provoziert einen gewaltsamen Gegenschlag. Um etwas zu verändern, reicht es nicht, nur den Politikern die Schuld zu geben. Wir müssen stören, aufmüpfig und militanter werden.

Um was zu erreichen?

Dezentralisierung und Machtverteilung. Die Menschen müssen mehr Kontrolle über ihr Leben zurückgewinnen. Wie im Narmada-Tal. Die Leute dort haben realisiert, dass ihnen die Dämme kein Wasser bringen und beginnen jetzt, Regenwasser aufzufangen. Würde man die Kosten für den Sardar-Sarovar-Damm in Regenwasserauffangbecken investieren, könnte jedes Dorf in Gujarat mit Trinkwasser versorgt werden.

Also lokale Entwicklungshilfeprogramme statt gigantischer Jahrhundertprojekte?
Auf jeden Fall. Leider passiert zur Zeit das krasse Gegenteil: Binnen zehn Jahren, so lautet die Verfügung des Supreme Court, sollen alle indischen Flüsse miteinander vernetzt werden, so dass je nach Bedarf Wasser von A nach B umgeleitet werden kann. Ich glaube allerdings nicht, dass dieses stalinistische Projekt ernsthaft umgesetzt wird. Vielmehr geht es darum, im Vorfeld Millionen von Rupien für Studien und Planungen rauszuschlagen.
 
Sie haben beispielsweise enthüllt, dass Industriebetriebe 70 Prozent der im Bundesstaat Madhya Pradesh produzierten Energie verbrauchen, ohne je dafür zu bezahlen. Gab es danach einen öffentlichen Aufschrei?

Nein. Jeder weiß, dass die Industrie Strom stiehlt und auch riesige Kredite nicht zurückzahlt. Genau darum geht es: solche Missstände nicht mehr hinzunehmen. Weltbank, Wirtschaft und Politiker wollen uns einreden, dass nur jemand, der auf der Harvard Business School war, verstehen kann, warum der eine rausgeschmissen wird und der andere kein Wasser bekommt. Aber wir lassen uns nicht einschüchtern. Die Weltwirtschaft mag ein komplexes Gefüge sein, wer warum welchen Part spielt, ist dennoch leicht zu durchschauen.

Was ist die Alternative zur Globalisierung?

Wir wollen nicht eine, sondern eine Million Alternativen. Politische Vielfalt ist genauso wichtig wie die biologische Artenvielfalt. Es geht darum, die absoluten Machtstrukturen zu brechen. Im übrigen bin ich gar keine Globalisierungsgegnerin. Mir fallen spontan viele Dinge ein, die ich gerne globalisieren würde: Menschenrechte, Atom- und Chemiewaffensperrverträge, Klimaschutzabkommen – die Frage ist immer nur, wer was globalisieren will.

Wie verhält sich der indische Mittelstand?

Viele wohlhabende Inder kritisieren die Industrie, weil sie die gravierenden Umweltprobleme, die Ungerechtigkeit und Armut sehen. Sie gehen aber nicht auf die Straße, um gegen das System zu kämpfen, sondern glauben, es von innen heraus verändern zu können. Angenommen, Esso würde einen Preis für den besten Forstwächter ausloben, würden diese Leute zweifellos in die PR-Falle tappen. Denn letztlich wollen sie ihre eigene Macht nicht verlieren. Und wer gegen den Damm kämpft, kriegt nun mal keinen Job mehr in der Regierung.

Gehen Sie auf die Straße?

Im Narmada-Tal habe ich gegen die zerstörerischen Staudammprojekte protestiert. Dem Staat auf diese Weise die Stirn zu bieten, hat mich mit Stolz erfüllt. Ich stehe auf der richtigen Seite. Als Schriftstellerin muss ich die Machtstrukturen des Systems freilegen – ähnlich wie der Elektriker den Putz abklopft, um die maroden Leitungen zu Tage zu fördern. Ich bringe Tag und Nacht damit zu, mir zu überlegen, wie ich Dinge ausdrücken kann, ohne sie zu vereinfachen, so dass die Menschen begreifen, was vor sich geht. Nackte Zahlen und Tatsachen verpuffen, Bilder bleiben haften.

Werden Sie für Ihre Arbeit gehasst oder geschätzt?

Sowohl als auch. Es gibt viele Leute, die mich hassen. Solange mich regierungsnahe, rechte Medien bekämpfen, weiß ich, dass ich richtig liege. Ich buhle nicht um Popularität, sondern nutze meine Fähigkeit, Geschichten zu erzählen, bestehe auf meinen Zorn, meine Gedanken und Gefühle.

Unterstützen Sie die Umweltschutz- und Menschenrechtsbewegungen?

So gut ich kann. Erst kürzlich habe ich einen mit 350.000 Dollar dotierten Preis von der Lannan-Stiftung in New Mexico bekommen. Dieses Geld habe ich unter 50 Widerstandsbewegungen und Medieninitiativen aufgeteilt. Ich würde nie eine große Summe an eine kleine Initiative geben, weil ich überzeugt bin, dass sie dadurch zerstört wird.

Mit welchen Gefühlen blicken Sie in die Zukunft?

Ich befürchte, dass die ganze Welt eine ernste Krise erfasst. Nicht mal während des Kalten Krieges lag eine solche Spannung in der Luft wie jetzt. Ich bin sicher, dass dieser Krieg die US-amerikanische Gesellschaft wachrütteln wird und in der Folge die Machtstrukturen in diesem Land aufbrechen werden. Die Weltmacht muss wieder Bodenhaftung bekommen.

   
 

Von ANDREA HÖSCH