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Greenpeace Magazin Ausgabe 6.16

„Wir Menschen sind für diese Hitze nicht geschaffen“

Am 22. Juli stieg das Thermometer im kuwaitischen Mitribah auf 54 Grad – damit wurde der als gesichert geltende globale Rekord aus dem Jahr 2013 erneut erreicht. Die Energiebeauftragte Suhaila Marafi beschreibt, wie sich das Leben in der Hitze anfühlt

„Klimaanlagen sind meine ständigen Begleiter. Sie surren in jedem Raum, den ich betrete, und kühlen die Luft auf eine erträgliche Temperatur. Morgens gehe ich von der klimatisierten Wohnung in mein klimatisiertes Auto. Ich fahre zur Arbeit, laufe schnell den überdachten Parkplatz entlang und betrete das Büro, wo – natürlich – ein kühler Hauch aus der Klimaanlage weht. So wie mir geht es den meisten Kuwaitern. Im Sommer sind wir fast nie länger als eine Minute im Freien.

Das mag ungewöhnlich klingen, aber für uns ist es normal. Bei Temperaturen von mehr als fünfzig Grad schlendert man nicht mehr durch den Park. Man bummelt nicht über Märkte oder joggt eine Runde. Kinder können nicht draußen spielen, weil sie sonst einen Sonnenstich bekämen. Handwerkern ist es gesetzlich untersagt, tagsüber auf der Baustelle zu arbeiten. Der menschliche Körper ist einfach nicht dafür geschaffen, diese brütende Hitze zu ertragen. Uns bleibt nichts anderes übrig, als reinzugehen und die Klimaanlage noch weiter aufzudrehen.

Wer wissen will, wie sehr uns die Hitze zusetzt, muss nur unseren Stromverbrauch ansehen. Siebzig Prozent des landesweiten Strombedarfs gehen für Klimaanlagen drauf. Derzeit verbrauchen wir so viel Strom wie nie zuvor. An einem heißen Tag im August erreichten wir einen Rekordbedarf von 13.390 Megawatt – das entspricht einem Sechstel des Spitzenwertes in Deutschland, wo 19-mal mehr Menschen leben. Dabei war der vorherige Spitzenwert da erst wenige Wochen alt. In diesem Jahr liegt unser durchschnittlicher Strombedarf vier Prozent über dem des Vorjahres. Und ich bin mir sicher, dass er sich in den nächsten Jahren noch weiter in die Höhe schrauben wird. Obwohl ich mir kaum vorstellen kann, dass es noch heißer werden soll.

Im Alltag stellt die Hitze erst einmal kein Problem dar. Niemand stirbt hier deswegen. Überall gibt es genügend Trinkwasser. Die Krankenhäuser sind darauf vorbereitet, dehydrierte Patienten zu versorgen. Und wenn jemand eine Panne mit dem Auto hat, halten gleich fünf andere an und bieten ihm an, sich mit in ihren klimatisierten Wagen zu setzen. Unsere größte Sorge ist, dass es einen flächendeckenden Stromausfall geben könnte, der die Klimaanlagen lahmlegen würde. Dann müsste sehr schnell gehandelt werden. Im Ministerium arbeiten wir an Notfallplänen: Bei einem Blackout kaufen wir von einem der anderen Golfstaaten Strom, um die kuwaitische Bevölkerung schnellstmöglich wieder zu versorgen.

Immerhin haben wir hier keine Wirbelstürme oder Erdbeben, und mit der Hitze können wir uns wenigstens arrangieren. Zwar können wir tagsüber nichts im Freien unternehmen – dafür holen wir das nachts nach. Bauarbeiter ziehen nach Sonnenuntergang los, um ihre Arbeit zu machen. Sportbegeisterte spielen spät abends Tennis. Ich gehe dann gerne schwimmen. Kürzlich wollte ich mit einem Freund draußen zu Abend essen. Leider war es selbst in der Dunkelheit noch zu heiß, um auf der Terrasse zu sitzen. Deshalb sind wir einfach in den Swimmingpool gegangen und haben unsere Teller an den Beckenrand gestellt.“
Aufgezeichnet von Julia Huber

Zur Person
Suhaila Marafi ist Direktorin der Abteilung „Studies and Research“ im Ministerium für Elektrizität und Wasser von Kuwait. Die 55-Jährige lebt mit ihrer Mutter, ihrem Bruder und dessen Frau nahe Kuwait-Stadt.