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Noch schlimmer als gedacht

Wird die Erde unbewohnbar? Das Interview mit David Wallace-Wells aus dem Heft zur Klimakrise.

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Noch schlimmer als gedacht

Wird die Erde unbewohnbar? Das Interview mit David Wallace-Wells aus dem Heft zur Klimakrise.

Interview: Wolfgang Hassenstein
Illustrationen: Alexander Glandien

 

Der New Yorker Bestseller-Autor Wallace-Wells beschreibt in seinem Buch „Die unbewohnbare Erde“ schonungslos, was auf die Menschheit zukommt, wenn sie die Treibhausgasemissionen nicht schnell auf null bringen. In der Ausgabe 5.19 „Überleben in der Heißzeit" des Greenpeace Magazins bringen wir exklusiv Passagen aus dem Buch, das jetzt auf Deutsch erscheint, und sprechen mit dem Autoren über Hoffnung im Angesicht der Katastrophe. 


Herr Wallace-Wells, Ihr Buch beginnt mit dem Satz: „Es ist schlimmer, viel schlimmer als Sie denken.“ Warum sollten die Leute sich so eine Lektüre antun?

Weil sie alle in der Welt leben werden, die ich beschreibe, und weil es für sie wahrscheinlich von Nutzen sein wird, sich darauf einzustellen. Nicht nur in dem Sinne, dass sie sich ermutigt fühlen, politisch aktiv zu werden, um das Schlimmste zu verhindern, sondern auch um zu verstehen, wie gewaltig das Drama des Klimawandels für uns alle sein wird, unabhängig davon, wo wir leben, wer wir sind oder wie reich wir sind. Was derzeit geschieht, ist eine allumfassende, eine unglaublich dramatische Geschichte, die in gewisser Weise die gesamte Geschichte der Menschheit in der Zeitspanne einer einzigen Generation verdichtet – in der Generation, die heute lebt. Es ist ein Drama in einer Größenordnung, die wir sonst nur aus der Mythologie oder Theologie kennen, und wir erleben es nicht nur als Beobachter, sondern zugleich als Protagonisten.

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Sie beschwören apokalyptisch anmutende Bilder herauf. Ist denn Angst zielführend?

Viele der effektivsten politischen Bewegungen, gerade auch im Umweltbereich, wurden bis zu einem gewissen Grad von Angst angetrieben. In den USA ist die Biologin und Autorin Rachel Carson so etwas wie die Patin der Umweltbewegung. Sie hat im Jahr 1962 das Buch „Der stumme Frühling“ über die Folgen des DDT-Einsatzes geschrieben, was schließlich zum Verbot dieses Pestizids und überdies zur Gründung der US-Umweltbehörde geführt hat. Auch die Bewegungen gegen das Rauchen, gegen betrunkenes Autofahren, gegen die Proliferation von Atomwaffen oder gegen die zivile Nutzung der Atomkraft – mit der ich nicht vollständig übereinstimme – wurden teilweise durch Angst, auch durch eine Rhetorik der Angst motiviert. Die Klimabewegung blieb lange schwach, weil sie die Angst, die ja berechtigt ist, nicht zumindest als Teil ihrer Strategie genutzt hat.

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Besteht nicht die Gefahr, dass die Menschen gelähmt werden, wenn sie so etwas hören, anstatt aktiv zu werden?

Das glaube ich nicht. Und das zeigt sich auch in den Ereignissen der vergangenen Monate. Im Oktober 2018 ist der UN-Bericht erschienen, der den Unterschied zwischen einer Erderwärmung um 1,5 und 2 Grad beschreibt. Seine Botschaft und Wortwahl waren viel alarmierender, als es jemals zuvor bei einem vergleichbaren wissenschaftlichen Report der Fall gewesen ist. Seitdem sehen wir in der gesamten westlichen Welt eine beispiellose politische Reaktion. Greta Thunberg und die Klimastreiks, die sie anführt, und dazu die Extinction-Rebellion-Bewegung haben zum Beispiel in Großbritannien das konservativ geprägte Parlament dazu gezwungen, den Klimanotstand auszurufen und sich zur Kohlenstoffneutralität bis 2050 zu verpflichten. In der EU ist ein entsprechender Beschluss nur am Widerstand einzelner Länder gescheitert. Die Emissionen bis 2050 auf null zu bringen, ist zwar eigentlich nicht schnell genug, aber so eine Zielsetzung ist viel, viel mehr, als noch vor zwei Jahren zu erwarten gewesen wäre. In den USA wiederum liefern sich mehrere demokratische Präsidentschaftskandidaten derzeit eine Art Wettlauf, wer den ehrgeizigsten Klimaplan auf die Beine stellen kann. Und eine Umfrage hat kürzlich gezeigt, dass nun sogar eine Mehrheit der Republikaner scharfe Maßnahmen gegen den Klimawandel möchte.

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Ist Greta Thunberg auch in Amerika so bekannt?

Natürlich. Ich denke, Greta ist schon jetzt eine historische Figur. Sie hat Millionen Menschen inspiriert, ihrer eigenen Sorge Ausdruck zu verleihen. Die Klarheit ihrer Vision – natürlich nicht nur ihrer – ist wirklich kraftvoll, und für mich ist es interessant zu sehen, wie sie aussprechen kann, wozu viele Erwachsene nie fähig waren. Sie sagt einfach: Wenn ihr glaubt, was die Wissenschaft sagt, und seht, was mit diesem Planeten geschieht, wie könnt ihr dann einfach untätig bleiben? Das ist eine Anklage gegen alle, die in irgendeiner bestimmenden Position sind. Hätten Sie mich im vergangenen September gefragt, ob eine solche Protestwelle möglich ist, ich hätte es verneint.

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Spielen nicht auch die Veränderungen in der Natur eine Rolle? Europa zum Beispiel hat im vergangenen Jahr eine monatelange Dürre erlebt, wie es kaum jemand für möglich gehalten hätte.

Es gibt sicherlich mehrere Faktoren. Der 1,5-Grad-Bericht war meiner Ansicht nach der wichtigste. Zugleich lehren die real zunehmenden Extremwetterereignisse Menschen weltweit, dass der Klimawandel bereits da ist. Die Entwicklung ist natürlich nicht linear, aber derzeit hat man den Eindruck, als werde jeder Sommer schlimmer als der vorangegangene, als bringe jedes Jahr mehr Rekordhitzewellen, mehr Waldbrände, mehr Wirbelstürme und mehr Überschwemmungen. Wir leben bereits in einem Klima, das es so in der Menschheitsgeschichte noch nie gegeben hat. Und selbst wenn es die Menschen nicht immer direkt trifft, sehen sie doch auf den Fernsehbildschirmen, was gerade in anderen Teilen der Welt geschieht. Ich denke, Wissenschaftler, Nichtregierungsorganisationen und Journalisten, die sich mit dem Klima beschäftigen, haben aus den Reaktionen auf den UN-Report und die Extremwetterereignisse der letzten Jahre gelernt. Sie dachten lange, es sei unverantwortlich, die Menschen zu ängstigen. Nun sehen sie, dass die Öffentlichkeit durch klare Aussagen mobilisiert werden kann. In der Wissenschaft selbst herrscht ja tiefe Besorgnis. Und nun zeigt sich, dass es wirksamere Kommunikationsstrategien gibt als jene Zurückhaltung, auf die die meisten Wissenschaftler in den letzten Jahrzehnten gesetzt haben – und die das Problembewusstsein der Menschen und erst recht der Politik nur sehr wenig geschärft hat.

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Und das ändert sich gerade?

Ich denke, dass die Öffentlichkeit in Amerika und im Rest der Welt gerade aufwacht und den Klimawandel als existenzielle Krise erkennt. In der Politik ist das aber noch längst nicht überall angekommen. Natürlich wäre es jetzt wichtig, dass die Welt angesichts der Bedrohung an einem Strang zieht, aber derzeit ziehen sich viele Nationen eher aus der internationalen Kooperation zurück und verfolgen nationalistische Eigeninteressen. Noch immer erfüllt kein Land die Verpflichtungen, die sich aus dem Pariser Klimaabkommen ergeben, abgesehen von Marokko und Gambia. Immerhin gibt es in China – dem Land, in dem die Klimazukunft maßgeblich geschrieben wird – neben vielem, was pessimistisch stimmt, auch positive Entwicklungen.

Es gibt also Anlass für Optimismus?

Sicher. Hoffnung macht mir, dass die Wirtschaft umdenkt. Noch vor einigen Jahren hätten die meisten Ökonomen gesagt, dass Klimaschutz zu teuer und deshalb nicht ratsam ist. Sie hätten womöglich eingeräumt, dass der Klimawandel menschliches Leid verursacht, aber rein ökonomisch gesehen seien die Kosten des Klimawandels im Vergleich zum Klimaschutz eher gering. Enstprechend dachten und handelten dann auch die politischen Entscheidungsträger. In den letzten Jahren aber haben wir eine Abkehr von dieser Logik erlebt. Inzwischen würden fast alle Ökonomen sagen, dass der Klimaschutz, wirtschaftlich gesehen, so schnell wie möglich gehen sollte. Laut einer kürzlich veröffentlichten Studie würde ein Temperaturanstieg um zwei Grad die Welt zwanzig Billionen Dollar kosten. Eine Erderwärmung um 3,7 Grad – ein Wert, den ich für deutlich wahrscheinlicher halte – würde Schäden im Wert von 551 Billionen Dollar verursachen. Dabei beträgt das weltweite Vermögen heute gerade 280 Billionen Dollar.

Sie haben über die Verantwortung von Politikern, Staaten und der Wirtschaft gesprochen. Wenn es um die Verantwortung des Einzelnen geht, winken Sie eher ab: Viele Menschen im Westen würden nun versuchen, ihr Gewissen zu beruhigen, indem sie ihr Konsumverhalten in ein „moralisches Lehrstück“ verwandelten. Warum diese Skepsis?

Die individuelle Verantwortung ist wichtig. Ich glaube aber, dass es für den Einzelnen mit Abstand am wichtigsten und wirkungsvollsten ist, sich für einen Politikwandel einzusetzen. Wenn Sie Ihren CO2-Fußabdruck senken wollen, sollten Sie das tun. Sie leben dann in Übereinstimmung mit Ihren Werten und zeigen anderen, dass Sie ums Klima besorgt sind. Das ist gut, denn wir sprechen viel zu selten über dieses Thema, selbst wenn es uns belastet. Es ist auch ein Signal an die Politik, dass man ein erfolgreiches, erfülltes Leben führen und dennoch verantwortlich handeln kann. Es kann aber nur ein erster Schritt sein. Denn um die Temperatur des Planeten zu stabilisieren – auf welchem Niveau es am Ende auch sein wird –, müssen wir den CO2-Ausstoß nicht nur reduzieren, wir müssen alle Emissionen eliminieren. Das bedeutet, dass entweder jeder auf der Welt freiwillig aufs Fliegen und auf den Fleischkonsum verzichtet. Oder dass Regeln und Gesetze gelten, die dazu führen, dass mittels Forschung und Entwicklung emissionsfreie Lösungen für jeden Wirtschaftszweig gefunden werden. Einige dieser Innovationen werden sehr teuer sein. Aber es ist die einzige Chance, die wir haben.

Herr Wallace-Wells, während Sie Ihr Buch geschrieben haben, sind Sie Vater geworden. Ihre Tochter werde „nicht nur zuschauen, sondern mitwirken an der buchstäblich größten Geschichte, die je erzählt wurde“, schreiben Sie. Verraten Sie uns, warum ein Teil von Ihnen trotz allem zuversichtlich ist?

Die Antwort ist, dass alles in unserer Macht steht, nichts ist in Stein gemeißelt. Alles hängt davon ab, wie viel CO2 wir noch in die Atmosphäre entlassen. Wir sind verantwortlich für dieses System, so groß und kompliziert es auch sein mag. Es geht jetzt darum, aktiv zu werden, damit es in der Zukunft weniger Leiden, weniger Schmerz und weniger Sterben gibt.


Weitere Geschichten können Sie in der Ausgabe des Greenpeace Magazins 5.19 „Überleben in der Heißzeit" lesen. Unser Schwerpunkt thematisiert, wie wir uns an den Klimawandel anpassen können und müssen. Es ist ein Heft über das richtige Leben im falschen Klima.