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Greenpeace Magazin Ausgabe 6.17

Wo steckt Ganter 10?

Text: Wolfgang Hassenstein

Saatgans (Anser fabilis)
Zu Hunderttausenden brütet die Saatgans, eine etwas kleinere, bräunliche Verwandte der Graugans, im Sommer in Nordskandinavien und Ostsibirien. In der kalten Jahreszeit zieht es die meisten der Vögel nach Mitteleuropa. Am liebsten suchen sie auf Äckern nach Nahrung, weshalb sie nicht nur Freunde haben – der Name gibt einen Hinweis auf den Grund.

Einige Hundert Gänse überwintern jedoch alljährlich in Schottland und England, sehr zur Freude der Briten, bekanntermaßen die leidenschaftlichsten Vogelbeobachter der Welt. Die Vogelfamilien suchen stets dieselben Gebiete auf, Paare bleiben sich ein Leben lang treu und Ältere geben ihre Erfahrungen an die Jüngeren weiter – Saatgänse sind traditionsbewusste Vögel.

Nun hat der Ornithologe Carl Mitchell vom britischen Wildfowl and Wetland Trust mithilfe von GPS-Sendern bemerkenswerte Einblicke in ihr Zugverhalten und Orientierungsvermögen gewonnen. In einem noch unveröffentlichten Artikel berichtet er detailliert von „der ereignisreichen Frühjahrswanderung“ der vier Saatgänse mit den Sendernummern 27 und 29 (ein Paar), 30 (?? ) und 10 (??, beide Single). Ihnen hatten Mitchell und seine Kollegen im Oktober 2015 auf dem Slamannan Plateau zwischen Edinburgh und Glasgow Kunststoffhalsbänder mit Sendern umgelegt, ein Jahr später hatten sich die Tiere planmäßig wieder eingefunden.

Recht früh im Jahr starteten sie dann erneut zur ersten Etappe in Richtung Brutgebiet: Im Morgengrauen des 6. Februar 2017 flogen die drei Vögel mit den Nummern 10, 27 und 29 über den Meeresarm Firth of Forth auf die Nordsee hinaus. Schon kurz zuvor war Gans Nummer 30 gestartet, sie wählte mit ihrer Gruppe eine südlichere Route, was sich als gute Idee erweisen sollte. Denn sie erreichte gegen Mitternacht einen traditionellen Saatgans-Treffpunkt nahe der Ortschaft Pandrup im Norden Dänemarks, wo die Vögel vor ihrem Weiterflug nach Norden Kraft sammeln.

Die anderen drei aber gerieten über der Nordsee in schlechtes Wetter. Sie kämpften am Nachmittag gegen Winde von bis zu fünfzig Stundenkilometern an, kamen kaum noch voran, um Mitternacht mussten sie offenbar mitten auf dem Meer notlanden. „Was dann geschah, ist unbekannt“, sagt Mitchell. „Möglicherweise gaben sie die Nordseeüberquerung auf und flogen zurück, oder sie wurden zurückgeweht.“ Jedenfalls landeten sie am nächsten Tag auf Orkney, den Inseln im äußersten Norden von Schottland.

Dort blieben die drei bis zum 8. April zusammen, mit einer unbekannten Zahl von Artgenossen, dann trennten sich auch ihre Wege. Das Gänsepärchen 27/29 flog Richtung Süden – und erreichte nach zwei Tagen wieder das Slamannan Plateau, den Ausgangspunkt der fünftägigen Rundreise. Von dort wagten sie zehn Tage später einen neuen, diesmal erfolgreichen Versuch: Am 20. Februar erreichten sie gegen Mitternacht Dänemark.

Doch wo war Ganter Nummer 10 geblieben? Nun, er hatte sich entschieden, erst mal auf Orkney zu verweilen: zehn Tage am Loch of Swannay und 13 weitere beim Städtchen Stromness, wo er mehrmals von Vogelfreunden gesichtet wurde – mal allein, mal in Gesellschaft von Graugänsen.

Am 2. März aber zog es auch ihn wieder in die Ferne, und tatsächlich schaffte er es, wenn auch auf einer ganz anderen Route, ebenfalls über die Nordsee. Um 14 Uhr erreichte Nummer 10 zunächst die Südküste Norwegens, wo er rastete und einmal übernachtete. Früh am nächsten Morgen schlug er dann den Weg Richtung Südosten ein und erreichte bald darauf Pandrup: Am 3. März gegen 14 Uhr waren die vier Gänse wieder vereint.

Carl Mitchell, 55, ist im Sommer schwer erreichbar, weil er während der Freilandarbeit meist im Funkloch steckt. Seine Gänse-Besenderung hat bisher vor allem bestätigt, was schon direkte Beobachtungen ergeben hatten – die Abenteuer der vier Frühjahrszügler waren da ein echtes Highlight. Auf Englisch (und Lateinisch) heißt die Saatgans übrigens wörtlich „Bohnengans“. Das inspirierte den Autor mit Blick auf Ganter 10 zur schönen Überschrift: „Where have you Bean Goose?“