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Woher kommt der Strom der Zukunft?

Greenpeace Magazin Ausgabe 3.05

Woher kommt der Strom der Zukunft?

Foto: Lin Lambert

Power-Play in Berlin: Jetzt fällt die Entscheidung, ob Deutschland die Energiewende schafft

In der Politik ist es wie im Fußball: Nach dem Spiel ist vor dem Spiel. Deshalb regt sich Gert von der Groeben über seine Schlappe im Kampf um das neue Energiewirtschaftsgesetz (EnWG) Anfang März auch nicht wirklich auf: „Der Entwurf hat Licht und Schatten. Damit können wir nicht zufrieden sein.“ Der Generalbevollmächtigte des Energiegiganten Eon in Berlin tröstet sich damit, dass schon bald die nächste Partie ansteht: Das Gesetz muss durch den Bundesrat. Und aus den Reihen der Union, die dort die Mehrheit hält, seien „so verschiedene Sachen zu hören“, die Groeben zuversichtlich stimmen. Wer im Power-Play um die Gesetzesnovelle, die auf Jahre die Spielregeln auf dem Strom- und Gasmarkt festlegt, am Ende die Nase vorn haben wird, ist für den „Primus inter pares der Energielobbyisten“ („Die Zeit“) längst nicht ausgemacht.

Das weiß auch die grüne Bundestagsabgeordnete Michaele Hustedt. Dennoch freut sie sich, dass ihr Team zumindest ein paar Punkte gegen die einflussreiche Stromkonzerne-Mannschaft gutmachen konnte. Hustedt ist mitverantwortlich für die Taktik in der Auseinandersetzung mit den Stromkonzernen und deren bestem Mann in Berlin, dem Wirtschaftsminister. „Wir haben beim EnWG sehr viel erreicht, etwa eine Regulierungsbehörde, die als Schiedsrichter endlich für Wettbewerb in den Strom- und Gasnetzen sorgt. Minister Clement wollte das verhindern, aber er hat sich nicht durchgesetzt. Ein weiterer Erfolg ist die Stromkennzeichnung, die sagt, woher der Strom stammt, wie er erzeugt wurde und welche Folgen das für die Umwelt hat. Das wird den Markt verändern“, ist die Energieexpertin von Bündnis 90/Die Grünen optimistisch.

Das Energiewirtschaftsgesetz ist nur ein Spielort in der Auseinandersetzung zwischen Klimaschützern und den vier Energieriesen – EnBW, Eon, RWE und Vattenfall –, die zusammen gut 80 Prozent des deutschen Strommarktes und praktisch das gesamte Hochspannungsnetz beherrschen. Es geht darum, ob Deutschland Ernst macht mit dem Klimaschutz. Allein in den nächsten 20 Jahren müssen wegen überalterter Kraftwerke und des Atomausstiegs rund 40.000 Megawatt Kraftwerksleistung durch Neubauten ersetzt werden. Binnen 30 Jahren sogar bis zu 70.000 Megawatt.

Werden dafür CO2-trächtige Stein- oder Braunkohlekraftwerke gebaut, wie zum Beispiel die RWE es anstrebt, oder werden die Weichen für erneuerbare Energien gestellt? Werden weiter Großkraftwerke bevorzugt, oder wird das Stromnetz auch für kleinere Anlagen optimiert – zum Beispiel für Wind- und Biomassekraftwerke sowie hocheffiziente Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen, die ihre Energie allesamt dezentral einspeisen?

40.000 Megawatt – das ist so viel wie zum Beispiel 40 große Kraftwerksblöcke produzieren. Zurzeit sind fünf Kohlekraftwerke mit rund 5000 Megawatt Leistung im Planungs- und Genehmigungsverfahren. Noch 2005 will RWE mit dem Bau eines 2100-Megawatt-Braunkohlekraftwerks in Neurath bei Düsseldorf beginnen. Eine Horrorvorstellung für Umweltschützer. Bereits heute werden dort jährlich 16 Millionen Tonnen Kohlendioxid in die Luft geblasen, mit den beiden neuen Blöcken würden es 30 Millionen Tonnen werden.

„Weil neue Kraftwerke rund 40 Jahre lang laufen, legen wir mit den Neubauentscheidungen schon heute fest, wie hoch die deutschen CO2-Emissionen im Jahr 2050 sein werden“, erklärt Hans-Joachim Ziesing vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin, warum die Entscheidung so wichtig ist. Um eine drohende Klimaerwärmung von mehr als zwei Grad Celsius mit ihren katastrophalen Folgen zu verhindern, müssen die Industriestaaten ihren Kohlendioxidausstoß drastisch senken: Bislang hat sich Deutschland verpflichtet, die Treibhausgasemissionen bis 2012 um 21 Prozent zu senken im Vergleich zu 1990. Bis 2050 ist nach Aussagen der Klima-Enquetekommission der Bundesregierung sogar eine Absenkung um 80 Prozent nötig. Nur so könnten Entwicklungs- und Schwellenländer ihren wachsenden Energiebedarf ohne Schaden für das Weltklima stillen.

Was die Bundesrepublik Mitte des Jahrhunderts an CO2 emittieren dürfte, stoßen heute allein die Braunkohlekraftwerke im rheinischen Revier und in Ostdeutschland aus. Weder aus Steinkohle- und Gaskraftwerken, noch aus Industrie, Haushalten und Verkehr dürfte dann noch eine weitere Tonne CO2 hinzukommen.

„Es ist eine echte Richtungsentscheidung“, sagt Energieexperte Jörg Feddern von Greenpeace. „Kohlekraftwerke müssen wie Atomkraftwerke mit gleicher Leistung rund um die Uhr laufen. Die Energiewende erfordert aber eine flexible Kraftwerksstruktur. Wenn wir schon für eine Übergangszeit fossile Energien nutzen müssen, dann nur Gas.“ Beim Verbrennen von Gas wird weniger CO2 ausgestoßen als bei Kohle. Und außerdem sind Gaskraftwerke in ihrer Leistung viel flexibler als Kohle- oder gar Atomanlagen: Wenn mal weniger Wind weht, fährt man sie herauf – und herunter, wenn der Wind stärker bläst. Doch mit solchen Argumenten fand Feddern bislang kein Gehör beim Wirtschaftsminister.

Top-Lobbyisten wie von der Groeben, vor seinem Wechsel zu Eon Energiereferent bei der SPD-Bundestagsfraktion, oder sein RWE-Pendant Volker Heck hingegen erhalten problemlos Zugang in die höchsten Etagen: zu Clement oder direkt zum Kanzler. Manchmal bringen die Chefs der großen Vier gleich Formulierungshilfen für Gesetze mit. Wie im November, als sie zum „Energiegipfel“ bei Minister Clement weilten. Dort stellten die Strom-Bosse die „Notwendigen Rahmenbedingungen aus der Sicht von EnBW, Eon, RWE und Vattenfall Europe“ vor. Sie wünschten sich im EnWG zum Beispiel bei den Körperschaftssteuern, die sie auf Gewinne aus den von ihnen kontrollierten Stromnetzen zahlen müssen, eine ziemlich unverfrorene Änderung: Die Konzerne wollen die gezahlten Steuern auf die Netzkosten draufsatteln dürfen – und sie sich so von den Verbrauchern zurückholen. Das wäre so, als könnten normale Steuerzahler die Einkommenssteuer aus dem Jahr A im Jahr B wieder von der Steuer absetzen. Clement hatte dagegen nichts einzuwenden, obwohl diese Regelung pro Jahr 1,5 Milliarden Euro aus den leeren Kassen des Fiskus in die ohnehin gut gefüllten Taschen der Konzerne gespült hätte.

Vielleicht hatte den Minister ja die Drohung der Energieriesen beeindruckt, sie könnten – „unter Inkaufnahme von Risiken für die Versorgungssicherheit“ – Milliardeninvestitionen in die Netze zurückhalten, wenn ihre Rendite nicht stimme.

„Da kann man sich schon wundern. Das Erneuerbare-Energien-Gesetz, das die Vergütung für Strom aus Wind oder Biomasse regelt, soll der Untergang des Abendlandes sein, weil es pro Jahr rund 1,5 Milliarden kostet. Den Stromkonzernen mal eben Gewinne in gleicher Größenordnung zuzuschanzen, ist aber kein Problem“, wundert sich die Grüne Hustedt, dass solch ein Ansinnen überhaupt ernsthaft geprüft wurde. Bei der letzten nächtlichen Verhandlung zum EnWG konnten SPD und Grüne es aber doch noch abwehren.

Dabei hatte sich wieder einmal gezeigt, dass sich die SPD-Fraktion im Bundestag nicht mehr so einseitig wie früher für die Kohle und für die Stromkonzerne stark macht. Abgeordnete wie der Bonner Ulrich Kelber nehmen der Wirtschaft zwar „ernste Sorgen wegen der Wettbewerbsfähigkeit und der Versorgungsicherheit“ ab. Ihm ist aber auch nicht verborgen geblieben, dass Strom aus Windkraft in diesem Februar billiger war als konventionelle Energie am Spotmarkt der Strombörse Leipzig. „Und das wird so weiter gehen“, glaubt Kelber. Deshalb will er den Strommarkt stärker für „emissionsärmere oder -freie Energieträger öffnen“. Wirtschaftsinteressen dürften nicht mit Konzerninteressen verwechselt werden, findet er.

Solche Positionen durchzusetzen, ist nicht einfach im Lobby-Dschungel Berlin: 1800 Verbände und Organisationen sind dort offiziell registriert, etliche Firmen unterhalten Verbindungsbüros, geschätzte 4500 Interessensvertreter bearbeiten unablässig Parteien, Ministerien – und Journalisten.

Kaum anders ist es zu erklären, dass selbst eher durchsichtige Versuche, die Kohle weiß – respektive grün – zu waschen, in den Medien so weite Verbreitung finden. Man müsse Stein- und Braunkohlekraftwerke neu bewerten, hieß es da, es werde doch an der Abscheidung von CO2 geforscht (siehe Kasten Seite 35). Zwar wehrt sich auch Michaele Hustedt nicht gegen die Erforschung solcher Verfahren. Tatsache ist aber, dass derartige Kraftwerke frühestens im Jahre 2020 zur Verfügung stünden – falls überhaupt. Beim jetzt anstehenden Kraftwerksneubau spielen sie keine praktische Rolle. Auch wenn sich ein möglicher Nutzen fürs Klima allenfalls in ferner Zukunft einstellen mag, die Lobbyisten hoffen, dass beim Wähler schon jetzt das Schlagwort von der „sauberen Kohle“ verfängt.

Freuen würde dies den Ex-Bundeswirtschaftsminister und heutigen Chef des Kohlekonzerns RAG Werner Müller, der auch mal Vorstand beim in Eon aufgegangenen Energiekonzern Veba war. Heute träumt Müller davon, eine neue Zeche nördlich des Ruhrgebietes zu öffnen. Sein früherer Staatssekretär Alfred Tacke, der für ihn eine umstrittene „Ministererlaubnis“ für die Übernahme von Ruhrgas durch Eon erteilte, wechselte als Chef zum Steinkohleverstromer Steag, ein Tochterunternehmen des RAG-Konzerns – und an dem wiederum hält Eon 40 Prozent der Aktien. So schließt sich der Kreis. Oder so: Bis zum Wechsel ins Bundeswirtschaftsministerium war der für Energiewirtschaft zuständige Staatssekretär Georg Wilhelm Adamowitsch Beauftragter für Bundes- und Europaangelegenheiten beim später mit RWE verschmolzenen Energieversorger VEW.

Kein Wunder, dass Themen, die für Stromkonzerne ein rotes Tuch sind, im Wirtschaftsministerium wenige Freunde haben. Energiesparen oder Kraft-Wärme-Kopplung zum Beispiel. Dabei entscheiden die wesentlich mit über deutsche Erfolge beim Klimaschutz. „Um Stromeffizienz kümmert sich keiner so richtig“, weiß Uwe Leprich vom Institut für Zukunftsenergien, „da sind wohl die politischen Konflikte zu groß.“ Auch DIW-Forscher Hans-Joachim Ziesing wundert sich, dass „Stromsparen politisch nicht entschieden vorangetrieben“ wird. Während in Deutschland wegen des Widerstands der großen Vier gerade mal zehn Prozent der Energie aus der äußerst energieeffizienten Kraft-Wärme-Kopplung stammen, sind es in Ländern wie Finnland bereits 50 Prozent.

Die nächsten Konfliktfelder zeichnen sich schon ab: Noch gibt es in Deutschland keine offiziellen Klimaschutzziele für die Zeit nach 2012. Im Gegenteil: Greenpeace hat in Brüssel erfahren, dass die Deutschen hinterrücks an ambitionierten EU-Zielen sägen. Wollte die EU mal bis 2020 30 Prozent CO2 einsparen (verglichen mit 1990), sind es seit dem Frühjahrstreffen der Regierungschefs nur noch „15 bis 30 Prozent“. Muss Deutschland dann bis 2020 auch nicht mehr 40 Prozent einsparen, wie einmal versprochen? Auf Betreiben des Kanzlers ist von den Sparzielen bis 2050 (60 bis 80 Prozent) gar keine Rede mehr. Sie wären mit dem von den Stromkonzernen gewünschten kohlelastigen Energiemix nicht zu schaffen.

SPD-Energiespezialist Ulrich Kelber sieht noch mehr Streit auf die Politik zukommen: „Sollte es 2006 einen Regierungswechsel geben, habe ich nicht nur Muffensausen, dass die Axt ans Erneuerbare-Energien-Gesetz gelegt wird. Dann könnten auch die Laufzeiten der Atomkraftwerke verlängert werden.“ Schon rüttelt BDI-Chef Jürgen Thumann am Atomausstieg – über das Thema müsse „sachlich und ideologiefrei“ diskutiert werden. „Die Sache ist noch nicht entschieden“, ahnt Hans-Joachim Ziesing vom DIW.

Und deshalb bleiben Politik-Profis wie der Eon-Mann Gert von der Groeben ganz locker. Nach dem Spiel ist schließlich vor dem Spiel.

Michael Friedrich


Real sparen mit virtuellen Kraftwerken

Weil Wind- und Solarkraftwerke — je nach Windstärke und Sonneneinstrahlung — mehr oder weniger Strom liefern, sind sie nicht so berechenbar wie herkömmliche Kraftwerke. Und das werfen ihnen die Gegner von erneuerbaren Energien auch gerne vor. Dabei schwankt der Stromverbrauch oft ebenso kräftig. Zum Beispiel, wenn mittags alle Heimköche und Küchenchefs ihre Herdplatten und Kochkessel einschalten. Solche „Lastspitzen“ federn Stromversorger bislang — sehr teuer — durch Hochfahren ihrer Kraftwerke oder Zukauf von Strom ab.

Abhilfe bieten neue Verfahren, die sich am Prinzip „Negawatt statt Megawatt“ orientieren: Plötzlich steigender Strombedarf wird nicht mehr durch reale Kraftwerke gedeckt, sondern mit so genannten virtuellen Kraftwerken – mit intelligenten Lösungen, die Lastspitzen verhindern und den Stromverbrauch möglichst konstant halten. Ein Beispiel dafür ist das „Globale Energiemanagement“ der Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAW) in Hamburg, das ein Team um Professor Franz Schubert entwickelt hat. Dort werden Kochkessel in der Großküche, Heizung, Lüftung oder Druckluftkompressoren in Werkstätten, zentral gesteuert, um Sekunden oder Minuten versetzt eingeschaltet, damit keine Lastspitzen entstehen.

Zusätzlich steuern die Hamburger Forscher den Energieverbrauch von drei HAW-Standorten übers Internet. Wenn in einem Hochschulgebäude hoher Strombedarf herrscht, können in einem anderen Bau Kühlschränke oder Maschinen kurzfristig abgeschaltet werden —
der Verbrauch der HAW bleibt konstant und kein fossiler Brennstoff muss zusätzlich verfeuert werden, um den Bedarf zu decken. Negawatt statt Megawatt. Gut für die HAW und gut fürs Klima. Doch die Möglichkeiten reichen noch weiter: Wenn zudem die Energieversorger per Datenleitung mit solchen Einsparkraftwerken in ihrem Einzugsgebiet verbunden werden, können sie sich dort ebenfalls kurzfristig fehlenden Strom holen, falls andernorts im Netz eine Lastspitze bevorsteht oder Wind- und Fotovoltaikanlagen gerade weniger Energie erzeugen.

Es können aber nicht nur Energieverbraucher vernetzt werden — auch Energieerzeuger wie Wind-, Wasser-, Biomasse- oder Blockheizkraftwerke lassen sich zu virtuellen Kraftwerken zusammen-schalten. In einem solchen Verbund springen Kraftwerke wie Biogasanlagen, deren Leistung herauf- oder heruntergeregelt werden kann, bei einer Flaute für fehlenden Windstrom ein. So können in Zukunft auch die erneuerbaren Energien zuverlässig und berechenbar Leistung ins Netz liefern. Die Stadtwerke Unna haben Anfang dieses Jahres das erste virtuelle Kraftwerk in Betrieb genommen. Schon bald soll ein wesentlich größeres im Harz folgen, bei dem vor allem private Blockheizkraftwerke zusammengeschaltet werden. Experten sind sich einig, dass Einsparkraftwerke und virtuelle Kraftwerke den regenerativen Energien einen wesentlich größeren Anteil am Strommarkt sichern werden.

Karsten Schäfer


Blütenträume vom CO2-freien Kohlekraftwerk

Es ist Frühling, die lauen Lüften wehen, da will auch die deutsche Kohlelobby Schönwetter machen: Die Kohle soll sauber werden. Galt sie bislang, zu Recht, als Klimakiller Nummer Eins, wird nun das „Kohlendioxid-freie Kohlekraftwerk“ heraufbeschworen, als könne es schon morgen ans Netz gehen.

Technisch wird es eines Tages möglich sein, das CO2 aus dem Abgas herauszuholen, meint Manfred Fischedick, Kraftwerksexperte am Wuppertal-Institut: So soll CO2 chemisch aus dem Rauchgas herausgewaschen werden, ähnlich wie bei der Entschwefelung. Erforscht wird zudem, Kohle mit reinem Sauerstoff statt normaler Luft zu verbrennen: Am Ende wird durch Abkühlen der Rauchgase Wasserdampf abgetrennt, um das konzentrierte CO2 einzufangen. Überlegt wird auch, Kohle nicht zu verbrennen, sondern zu vergasen, wobei der Kohlenstoff abgeschieden — sequestriert — werden kann. Bei allen Verfahren dürfte der Abscheidungsgrad unter 90 Prozent liegen.

Ohnehin werden nach Einschätzung von Heinz Scholtholt, Technikvorstand beim Kohleverstromer Steag, bis zu einem großtechnischen Einsatz noch „zehn, eher 15 Jahre“ vergehen. Zudem senkt die CO2-Abscheidung den Wirkungsgrad eines Kraftwerkes um rund 15 Prozent — mehr Brennstoff muss verfeuert werden, die Stromerzeugung wird teurer. Damit nicht genug: Studien schätzen die Kosten für die Sequestrierung (inkl. Transport und Speicherung) auf mindestens 50 Euro je Tonne CO2. Selbst die Strombranche geht von „etwa einer Verdoppelung“ der heutigen Erzeugungskosten aus, gut acht statt vier Cent pro Kilowattstunde derzeit. „Neue Windturbinen produzieren schon bald billigeren Strom als Steinkohlekraftwerke der übernächsten Generation“, sagt Manfred Fischedick.

Noch weiter verschlechtert sich die Bilanz der „CO2-freien Kohle“ durch die Kosten für Transport und Lagerung des abgetrennten Kohlendioxids. Es geht um gewaltige Mengen. Ein einziger 1000-Megawatt-Kohleblock bläst jährlich mehr als acht Millionen Tonnen CO2 in die Atmosphäre. Und noch weiß niemand, wohin damit. Norwegen und Kanada experimentieren mit der Deponierung in Erdölfeldern. Da kann CO2-Injizierung sogar die Ausbeute steigern, wie im Westen Kanadas. Im Weyburn-Projekt werden täglich rund 5000 Tonnen CO2 ins Ölreservoir gepumpt, die über hunderte Kilometer per Pipeline aus den USA herangeführt werden. Japan überlegt, Kohlendioxid im Ozean zu deponieren. In den USA arbeiten Wissenschaftler an einer Mineralisierung der Kohlenstoffe.

Bleibt ein weiteres Problem: „Niemand kann wirklich sagen, ob das CO2 nicht irgendwann aus undichten Lagern austritt“, sagt die Greenpeace-Expertin Gabriela von Goerne. „Sollte dies geschehen, könnten die global zulässigen Emissionen überschritten werden. Und dann würde der Klimawandel durch eben jene Technologie verschärft, die ihn verhindern sollte.“ Auch von einem Pilotversuch in Ketzin bei Potsdam erwartet sie keinen Durchbruch für die Deponierung. Dort soll das abgetrennte Kohlendioxid in unterirdischen Grundwasserleitern gelagert werden. „Selbst wenn das Ketzin-Projekt erfolgreich wäre, lässt sich das nicht einfach auf andere Orte übertragen, weil sich die geologischen Bedingungen unterscheiden“, sagt von Goerne. Sie zieht daraus eine logische Konsequenz: „Wir müssen CO2 nicht deponieren, wir müssen seine Entstehung vermeiden.“

Selbst die Stromkonzerne glauben nicht mehr recht an die CO2-freie Kohle. „Vor 2020 sehen wir diesen neuen Kraftwerkstyp nicht“, sagt Gerd Jäger, Vorstand bei RWE Power. Bis dahin sind nicht nur viele Frühlinge durchs Land gezogen. Bis dahin ist auch schon das Gros der 40.000 Megawatt Kraftwerkskapazität neu gebaut, die in den kommenden 15 Jahren

Ralf Köpke