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Greenpeace Magazin Ausgabe 6.15

Zu Fuß durch Pegidaland

Text: David Sahay

Ganz Deutschland heißt Flüchtlinge willkommen. Ganz Deutschland? Aus einem Bundesland kommen besonders viele alarmierende Nachrichten. Dresden, Freital, Heidenau. Was ist los im Staate Sachsen? Und wie geht es denen, die Flüchtlingen helfen? Zwei Reporter haben sich diesen Fragen ganz langsam genähert. Zu Fuß, weil man so mehr sieht. Eine Nahaufnahme

An einem Montag im August steht Abdul Quadir mit leuchtenden Augen am Rande des Dresdner Neumarkts und staunt: Um ihn herum gleiten schwarz-rot-goldene Fahnen durch die Luft, die Abendsonne spendet majestätisches Licht. „Wow“, sagt Quadir, als ich an ihm vorbeigehe. Er zückt sein Handy für ein Video. „Weißt du, was hier passiert?“, frage ich. Quadir, dunkler Teint, Dreitagebart und zartes Lächeln, schüttelt den Kopf, ohne vom Handybildschirm wegzusehen. Der Flüchtling aus Afghanistan ist zufällig in eine Pegida-Demo spaziert.

Im Zentrum der Menschenmenge schwillt ein Sprechchor an. Erst als unverständliches Grollen, dann als deutliches Brausen erreichen uns die Silben: „AB-SCHIE-BEN, AB-SCHIE-BEN!“

Ich übersetze für Quadir. „Sie wollen keine Flüchtlinge“, sage ich. Der junge Mann wendet seinen Blick vom Bildschirm ab, zieht die Brauen hoch und schaut mir direkt in die Augen: „Warum?“ fragt er. Ja, warum eigentlich?

Dresden, Freital, Heidenau. In Sachsen lehnen die Menschen Flüchtlinge stärker ab als anderswo. Wir wollen verstehen, was in den Köpfen vorgeht, im ganz nahen Osten. Unsere Reise durch Pegidaland beginnt in der Stadt mit dem größten Flüchtlingsheim Sachsens. Kamenz liegt vierzig Kilometer nordöstlich von Dresden. Endstation der Städtebahn 34. Ich bin mit Richard Boes verabredet, Treffpunkt Eiscafé. „Kamenz ist so klein, das finden Sie schon“, hatte er in einer E-Mail geschrieben. „Ich werde eine rote Hose und ein blaues Hemd tragen. Wir sind zu zweit.“

Richard Boes gründete vor vier Jahren das „Bündnis für Humanität und Toleranz“. Sein Begleiter, Jörg Stern, war ebenfalls von Anfang an dabei. Boes’ Augen glänzen, wenn er von seinen Projekten redet: Deutschkurse, Sommerfest, Hausaufgabenbetreuung und mehr. Mittlerweile organisiert das Bündnis regelmäßig Runde Tische. Bringt Behörden zusammen, „um dat ganze Ding zu lösen“, sagt Boes, der ursprünglich aus Mülheim an der Ruhr kommt. Vor einem Jahr ehrte man sein Bündnis mit dem Sächsischen Bürgerpreis. Gemeinsam fahren wir zur Flüchtlingsunterkunft am Rande der Stadt.

Vorbei an bunt leuchtenden Häusern und Pflastergassen, hinaus zum alten Flugplatz. Hier steht die ehemalige Polizeischule, die jetzt ein Heim für Flüchtlinge ist. Vier Stockwerke. 400 Plätze. 368 belegt. Boes sagt: „Vier Menschen pro Fenster“, und deutet auf den gelben Klotz. „Als sie das gebaut haben, dachten sie, das reicht für den ganzen Landkreis“, sagt Stern und wird von einem Kichern geschüttelt. Damals gab es 300 Asylbewerber im Landkreis, inzwischen sind es 1500. Was in Kamenz gut läuft, sieht zehn Kilometer weiter, in Häslich, einem Dorf mit 500 Einwohnern, anders aus.

Seit vergangenem Herbst demonstriert ein Großteil der Bewohner gegen ein geplantes Flüchtlingsheim. Vor ein paar Tagen wurde es trotzdem eröffnet. Stern sagt: „Häslich ist ’ne komplizierte Veranstaltung.“ Boes meint: „Wir wissen noch nicht, was dat gibt.“ Mit dem Fotografen Victor Hedwig will ich mir den Ort anschauen. Wir laufen los. Zu Fuß sind es gut zwei Stunden durch Felder und Wälder.

An der Straße, die in das Tal hinabführt, stehen wenige Häuser. Eine Frau hängt im Garten Wäsche auf. Sie entdeckt unsere großen Rucksäcke, kommt an den Gartenzaun und fragt freundlich, was wir suchen. Wir stellen uns als Journalisten vor, und ihr Lächeln gefriert. Wieder jemand, der sie in die rechte Ecke stecken wolle. Sie blafft: „Dann sucht weiter“, und wendet sich ab.

Unten im Ort plaudern wir als Wanderer mit einem älteren Herrn. Wenn ihr verstehen wollt, was sich hier abspielt, müsst ihr mit Jens Opitz reden, empfiehlt der. Man treffe ihn abends auf der Demo auf dem Platz vor dem Steinbruchmuseum.

Am Abend müssen wir nicht lange suchen: Opitz steht in der Mitte des Platzes und spricht ins Mikrofon. Der Frührentner, 52 Jahre alt, trägt eine sehr kurze Jeans, Silberkette und hat lila Haare mit rot leuchtendem Pony. Um ihn herum etwa fünfzig Häslicher mit Reichskriegsflaggen aus der Zeit des Kaiserreichs.

Jens Opitz hat kaum angefangen zu reden, da fährt eine junge Frau im Kombi vorbei, schreit: „Ihr seid peinlich!“ und gibt wieder Gas. Opitz lacht und spricht weiter. Es geht wie immer um die neue Flüchtlingsunterkunft.

Nur wenige Tage zuvor sind in die alte Dorfschule 32 Asylbewerber eingezogen. Seit Monaten marschieren die Häslicher alle zwei Wochen mit ihren Fahnen hoch zum Heim. Anfang des Jahres brach dort jemand ein und flutete den Keller.

Opitz redet von „Wirtschaftsflüchtlingen“, ein anderer Demonstrant von „Seuchen“, der dritte von „Überfremdung“. Die Menschen in der Menge wiegen die Köpfe. Ja, richtig, eine Zumutung sei das alles. Schließlich marschiert das halbe Hundert schwatzend und scherzend durch den beschaulichen Ort – auch am Heim vorbei. Aus den Fenstern beobachten Frauen und Kinder, wie sich die Demonstration langsam auflöst.

Später begrüßt Opitz uns 300 Meter von der Unterkunft entfernt gut gelaunt in seinem Garten. Dem 52-Jährigen kippt oft die Stimme, sie wird kratzig und hoch wie bei einem aufgeregten Vogel. Am Anfang wirkt es, als wolle er mir markige Aussagen in den Block diktieren. Er beginnt mit seinen Flaggen („Nicht illegal, aber so nah dran wie möglich“). Erzählt von seiner Forderung („Alle Ausländer raus“) und klammert sich an die Bierflasche aus einer sächsischen Brauerei.

Im Oktober 2014 hatte die Ausländerbehörde ihre Pläne mitgeteilt, die leerstehende Dorfschule von Häslich als Flüchtlingsunterkunft zu nutzen. Opitz und ein Nachbar organisierten eine Spontandemo. 480 Leute kamen – fast das gesamte Dorf. „Man hätte uns vorher fragen müssen“, schimpft Opitz, außerdem sei der nächste Supermarkt sechs Kilometer vom Heim entfernt.

Vom Erfolg der ersten Demo überrascht, macht Opitz weiter. Die Beiträge der wöchentlichen Redner steckt er in einen Briefumschlag und schickt ihn nach Berlin und Dresden. An die Regierungen.

„Die sind auf dem Laufenden, Häslich ergibt sich nicht.“ Für das nächste Vierteljahr hat er bereits Demonstrationen angemeldet. Er macht das immer gleich im Block. Er will, „dass das Volk von unten her wieder wie ’89 anfängt aufzukochen“.

Je länger er redet, desto leiser wird seine Stimme. Er spricht jetzt nicht mehr von Ausländern, sondern von Migranten: „Und dann sind da noch die Milliarden Euro, die jährlich an Migranten gehen, die nicht arbeiten.“ Da könne er platzen.

Vor seinem Arbeitsunfall hat er für 480 Ostmark gearbeitet. Erst als Schuhmacher, dann im Straßenbau. Heute würden Migranten alles umsonst bekommen. Opitz hat von Flüchtlingen gehört, die gebrauchte Kleidung ablehnen. Er sagt mit brüchiger Stimme: „Deswegen gehen wir auf die Straße.“ Der Mann mit den lila Haaren und dem rot leuchtenden Pony weint jetzt fast, so ungerecht ist die Welt in seinen nassen Augen. Kurz darauf verabschiedet er uns. „Nee, das läuft bei uns, wir sind richtig gut drauf hier“, sagt er mehr zu sich selbst. „Wenn irgendwo ein Problem auftritt, dann gehen wir das auch an.“

Als wir 25 Kilometer weiter südlich aus dem Wald stolpern, stehen wir schon wieder vor einem „Problem“. Es hat ein Stockwerk, ist etwa hundert Meter lang und zwanzig Meter breit. Davor sitzt ein Syrer auf einem Klappstuhl und raucht. Er ist mit zwanzig anderen vor fünf Stunden im Flüchtlingsheim der Siedlung Rossendorf angekommen und hat schon alles gesehen: die vier großen Mehrfamilienhäuser, die Schrebergärten, den Modellflugclub, den gelben Briefkasten und die Bushaltestelle Richtung Dresden. Auch die kleinen Warnschilder auf den Rasenflächen um die Baracke herum: „Privatgrundstück. Betreten verboten.“

Die Siedlung wurde in den Sechzigerjahren für Personal des nahen Instituts für Kernforschung gebaut; der Forschungsreaktor ist inzwischen abgerissen. Von den 120 Menschen, die hier leben, sind die meisten Rentner. Am Aushang im Schrebergarten stehen viele Namen mit Doktortitel.

Zwischen Mehrfamilienhäusern und der Baracke stehen sechs Alteingesessene um den Briefkasten herum. Eine Frau trägt eine große Sonnenbrille und ist gut gebräunt. Sie sagt: „Das größte Problem ist, dass man uns hier vor vollendete Tatsachen stellt.“

Alle nicken zustimmend. Man habe von der Unterkunft aus der Zeitung erfahren. 72 Flüchtlinge. Ausgerechnet hier. Eine Petition half nicht, kaum zwei Monate später kamen die ersten zwanzig an.

Sie sagt: „Wir haben auch Angst vor den Krankheiten und allem.“ Ihre Stimme überschlägt sich.
Ein Mann mit freiem Oberkörper, Bermudashorts und Schnauzer sagt: „Weil keine Fläche da ist. Wenn die hinten zum Fenster rausspucken, spucken sie in den Wald. So nah steht der.“
Sie sagt: „Und die Waldbrandgefahr macht uns große Sorgen.“
Der Ehemann der Frau sagt: „Es ist ja ’ne Holzkonstruktion. Wenn einer im Schlaf seine Matratze anzündet, brennt der Dachstuhl weg.“
Sie sagt: „Gestern hat einer dort geraucht. Ich dachte, Gott, jetzt brennt’s da.“
Ihr Mann sagt: „Wenn’s einem die Kippe in den Wald weht, geht es ab.“
Sie sagt: „Und die kennen das ja nicht so, ne?“
Der Schnauzer sagt: „Aber für die ist der Wald die einzige Möglichkeit, das Einzige, was öffentlich ist.“
Der Mann sagt: „Wenn hier 72 alleinreisende Herren wohnen, trau’ ich mich auch nicht mehr in den Wald. Und ich will wirklich niemanden kriminalisieren.“
Seine Frau fragt uns: „Waren Sie schon hinten gucken? Haben Sie gesehen, was das für Menschen sind?“
Ihr Mann flüstert: „Wir haben uns noch nicht hingetraut. Wir wollen ja keinen provozieren.“ Dann löst sich die Runde auf.
Victor und ich schauen am nächsten Tag in der Baracke vorbei. Es sind junge Männer aus Syrien. Wir spielen Fußball, danach laden sie uns ein: Es gibt Chips und Möhren, dazu ein Glas Cola. Sie sind froh, dass ihnen jemand ein bisschen Deutsch beibringt. Als wir gehen, können sie „bitte“, „danke“ und „Besuch“ sagen. Wer weiß, wann wieder welcher kommt.

Am Morgen darauf wollen wir nach Dresden weiterlaufen, da treffen wir noch einmal auf die Frau vom Vortag und ihren Ehemann.
Sie sagt: „Wir hören nichts, die sind absolut still.“
Er lächelt warm und sagt: „Gebt mir noch zehn dazu, dann passt’s.“
Sie sagt: „Gestern haben sie Fußball gespielt.“
Er sagt: „Man gewöhnt sich ja dran.“
Der Wind trägt kaum hörbar arabische Musik aus einem Handy über die Baracke zu uns.

Die Menschen, die wir bislang getroffen haben, sind von der Politik enttäuscht; sie fürchten, wirtschaftlich abzusteigen und haben Angst vor Fremdem. Der Soziologe Dieter Rucht forscht seit 35 Jahren zu politischer Öffentlichkeit, Protest und gesellschaftlichen Konflikten. Er sagt: „Pegida ist eine Bewegung, die all diese Emotionen in sich vereint hat.“

Von Rossendorf aus gesehen, liegt Dresden genau zwischen uns und Freital, unserem Ziel. An diesem Montagabend begrüßt Pegida-Gründer Lutz Bachmann etwa 2000 Demonstranten auf dem Dresdner Neumarkt. „Ich habe Angst“, beginnt er seine Rede. Er also auch. Dabei ist die Stimmung heute eigentlich fantastisch: In der Abendsonne lassen Familien Erinnerungsfotos von sich schießen. Fünf Gegendemonstranten in schwarzen Pullis sitzen still auf der Treppe der Frauenkirche. Ein Mann aus Häslich erkennt Fotograf Victor wieder und grüßt gut gelaunt.

Am Rand entdecke ich Abdul Quadir, den Flüchtling aus Syrien und erkläre ihm, warum die Menge gegen Flüchtlinge skandiert. Er sagt leise: „Dann gehe ich“, und wendet sich ab. Ich halte ihn an der Schulter zurück und flüstere ihm zu. Das hier sei nur eine Minderheit, die meisten hätten nichts gegen Flüchtlinge. Ich bin mir nicht sicher, ob er verstanden hat. Erst später wird mir klar, dass Abdul in Freital gewohnt haben muss, als die Minderheit kurz in der Mehrheit war.

Auf dem Neumarkt denkt die Minderheit, sie wäre das Volk. Mit Victor als Fotograf sind wir beide schnell als „Lügenpresse“ identifiziert. Die Redner sind fertig, da schlendert ein schmächtiger Rentner zu mir rüber. Frank Reuter, 71, will über ein Missverständnis reden. Es sei ja nicht jeder gleich Lügenpresse. Jürgen Matthes, 53, kommt dazu, in einem bunt leuchtenden Hawaii-Hemd. Mit vielen alten Männern, ein paar jungen, ein paar Frauen, laufen wir los. Die Menge skandiert: „Wir sind das Volk!“

Matthes erzählt vom Regenwald, Russen, Gaddafi und dem Kinderkriegen. Von Burkas und Asylanten, von Gutmenschen und Schlaf-Schafen. Nach der Hälfte des Rundgangs dreht sich Reuter um. „Das sind mehr geworden, Jürgen“, sagt Reuter. „Ja das tut natürlich gut, ist schön, wenn wa’ da nicht alleine sind“, antwortet Matthes.

Nach dem Spaziergang stehen wir wieder auf dem Neumarkt. Reuter ruft plötzlich aufgeregt: „Guck mal da, die Nazis!“ In der Mitte stehen sechs junge Männer mit Glatze und riesigem Banner: „Grenzen retten Leben“. Viele klatschen, Reuter und Matthes nicht. Die beiden Ingenieure stehen noch ein wenig am Rand und erklären sich den Unterschied zwischen Reichskriegsflagge und Wirmer-Flagge. Mir raten sie: „Sprechen Sie doch mal mit Herrn Bachmann“, dann fahren sie nach Hause, noch bevor die Redner fertig sind.

Ich schleiche mich an der Absperrung vorbei hinter die Rednerbühne. „Guten Tag Herr Bachmann, ich hätte gern ein Interview.“ Lutz Bachmann wirkt gestresst, mit aufgerissenen Augen schaut er mich an. Er sagt: „Nee, nie“, und dreht sich so schnell auf dem Absatz um, dass er strauchelt. Dann eben nicht. Letzte Station: Freital. Bekannt aus Funk und Fernsehen.

Auf dem Weg dorthin beginnt es zu regnen. In der Stadt angekommen, wirkt es im Vergleich zu Kamenz, als hätte der Regen die einmal bunten Fassaden grau gewaschen. Das Elbe-Hochwasser im Sommer 2002 hat viele Häuser in der Innenstadt verwüstet; noch immer ist vieles verfallen.

Wir warten den Regen im Eiscafé Fischer ab. Die Kellnerin hält uns für Touristen und gibt uns eine Informationsmappe. Auf Seite 17 wirbt das Hotel „Leonardo“ noch mit Busparkplatz, Nachtportier und Englisch sprechendem Personal. Inzwischen ist das Hotel eine Flüchtlingsunterkunft.

Im Fernsehen sah man im Juni Menschen vor dem ehemaligen Hotel Leonardo, die aus voller Kehle schrien: „Wer Freital nicht liebt, soll Freital verlassen!“

Stefan Vogel hat damals nicht mitgeschrien. Er engagiert sich im „Willkommensbündnis“ und will uns vom „anderen“ Freital erzählen. Auf dem Weg zu ihm lesen wir Sticker an Laternen, auf denen steht: „Bitte flüchten Sie weiter. Hier gibt es nichts zu wohnen“, oder: „Refugees not welcome“. Auf dem Asphalt vor dem Heim hat die Stadtreinigung versucht, einen hingepinselten Spruch zu entfernen: „Kanacken verpisst euch!“ Man kann ihn noch lesen.

Bevor Stefan Vogel mit uns spricht, will er die Presseausweise sehen. Er habe schon vieles erlebt. Der Mann mit der filigranen Brille und dem weichen Gesicht versteht Freital nicht mehr.

Alles fing im November letzten Jahres an. Vogel erzählt so leise, dass man ihn fast nicht versteht. Pegida sei damals permanent Thema gewesen. Im Lehrerzimmer. Auf Familienfeiern. Beim Arzt. In Dresden ging es damals noch um den Islam, in Freital wurde die Diskussion um Asylbewerber immer lauter. Ab März gingen in Freital mehrmals im Monat bis zu 1500 Menschen gegen Flüchtlinge auf die Straße.

Dabei gab es auch hier Patenschaften und Deutschkurse. Sportlehrer Vogel spielt nervös mit seinem Schlüssel. Er war für die Turnhalle zuständig: Fußball, Volleyball und Tischtennis mit Asylbewerbern. Nachdem er die Flüchtlinge das zweite Mal in die Turnhalle begleitet hatte, fand er ein Foto davon auf der Internetseite der Asylgegner. Unter dem Foto stand: „Der Mob zieht durch Freital und belästigt die Frauen.“

Eigentlich habe sich die Situation bis Mai wieder beruhigt. Dann wurde auf einer Einwohnerversammlung im Juni mitgeteilt, es kämen weitere 280 Flüchtlinge. Plötzlich belagerten Anwohner und Neonazis aus der Region gemeinsam die Unterkunft. Die geballte Ablehnung kam an diesem Tag so überraschend, dass zwölf Polizisten die Meute vom Heim fernhalten mussten. „Raus mit dem Dreck! Raus mit dem Dreck!“ Als Vogel von der Situation erzählt, hat er Tränen in den Augen. Er sitzt zusammengesunken über seinem Cappuccino, die Schultern nach vorne gefallen, die Beine unter dem Stuhl nach hinten gewinkelt. Wie ein Fragezeichen.